Bevor wir uns dem Corpus Paulinum zuwenden, lohnt sich ein Blick auf die übrigen Briefe des Neuen Testaments. Viele Leser gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass diese tatsächlich von den Aposteln oder anderen unmittelbaren Weggefährten Jesu verfasst wurden. Gerade hier zeigt die historisch-kritische Forschung jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Tatsächlich enthält das Neue Testament mehrere Briefe, die traditionsgemäß Persönlichkeiten wie Petrus, Jakobus, Johannes oder Judas zugeschrieben werden. Nach dem heutigen Mehrheitsstand der neutestamentlichen Forschung lässt sich diese traditionelle Verfasserschaft jedoch in den meisten Fällen nicht aufrechterhalten.
Die folgende Übersicht fasst den gegenwärtigen Forschungsstand zusammen:
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Brief |
Traditioneller Verfasser |
Forschungseinschätzung |
Entstehungszeit |
|---|---|---|---|
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Jakobus |
Jakobus, Bruder Jesu |
überwiegend pseudepigraph |
ca. 80–100 n. Chr. |
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1.Petrus |
Petrus |
umstritten, eher nicht authentisch |
ca. 70–90 n. Chr. |
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2. Petrus |
Petrus |
nahezu einhellig als pseudepigraph angesehen |
ca. 110–130 n. Chr. |
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1. Johannes |
johanneischer Gemeindekreis |
anonym; vermutlich aus der johanneischen Schule |
ca. 90–100 n. Chr. |
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2. Johannes |
„der Älteste“ |
johanneischer Gemeindekreis |
ca. 90–100 n. Chr. |
|
3. Johannes |
„der Älteste“ |
johanneischer Gemeindekreis |
ca. 90–100 n. Chr. |
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Judas |
Judas, Bruder des Jakobus |
überwiegend pseudepigraph oder spätere Traditionsschrift |
ca. 80–100 n. Chr. |
Diese Einschätzungen beruhen keineswegs auf weltanschaulicher Skepsis gegenüber den biblischen Schriften. Vielmehr ergeben sie sich aus einer Vielzahl sprachlicher, historischer und literarischer Beobachtungen.
Mehrere dieser Briefe sind in einem ausgesprochen eleganten und rhetorisch anspruchsvollen Griechisch verfasst. Besonders der Jakobusbrief und der erste Petrusbrief zeigen einen Sprachstil, der auf eine ausgezeichnete hellenistische Bildung schließen lässt.
Die historischen Personen Petrus und Jakobus stammten dagegen aus dem ländlichen Galiläa. Ihre Alltagssprache war Aramäisch. Zwar lässt sich nicht ausschließen, dass sie im Laufe ihres Lebens Griechisch erlernten oder beim Abfassen ihrer Briefe gebildete Sekretäre (Amanuenses) einsetzten. Dennoch erscheint vielen Forschern das sprachliche Niveau dieser Schriften für ihre traditionelle Verfasserschaft ungewöhnlich hoch.
Mehrere Briefe setzen eine bereits weit entwickelte kirchliche Organisation voraus. Ämter, Gemeindestrukturen und innerkirchliche Konflikte werden teilweise in einer Weise beschrieben, die eher an das Ende des ersten oder sogar den Beginn des zweiten Jahrhunderts erinnert als an die Zeit der ursprünglichen Apostel.
Hinzu kommt, dass einige Schreiben auf theologische Auseinandersetzungen reagieren, die sich erst nach dem Tod der meisten Apostel entwickelten.
Besonders deutlich zeigt sich dies im zweiten Petrusbrief sowie in den Johannesbriefen. Dort werden Lehren bekämpft, die bereits deutlich gnostische oder zumindest frühgnostische Züge erkennen lassen. Solche theologischen Strömungen gewannen jedoch erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung.
Gerade deshalb datiert die Forschung diese Schriften überwiegend in eine spätere Zeit.
Für heutige Leser wirkt die Zuschreibung eines Werkes an einen berühmten Lehrer häufig wie eine bewusste Fälschung.
Die literarischen Konventionen der Antike waren jedoch erheblich komplexer.
In philosophischen Schulen und religiösen Gemeinschaften war es durchaus üblich, neue Gedanken unter dem Namen einer verehrten Autorität weiterzugeben. Dadurch sollte weniger eine Täuschung erreicht werden als vielmehr gezeigt werden, dass sich der Verfasser bewusst in die Tradition seines Lehrers stellte.
Ob sämtliche neutestamentlichen Pseudepigraphen tatsächlich in diesem Sinn verstanden wurden, wird in der Forschung allerdings kontrovers diskutiert. Während manche Wissenschaftler darin eine akzeptierte literarische Praxis sehen, weisen andere darauf hin, dass bereits in der Antike zwischen legitimer Traditionsfortführung und bewusster Täuschung unterschieden wurde. Wahrscheinlich lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten, sondern muss für jede Schrift einzeln beurteilt werden.
Eine Sonderstellung nimmt schließlich der Hebräerbrief ein.
Im Gegensatz zu fast allen übrigen neutestamentlichen Briefen nennt er überhaupt keinen Verfasser. Erst die spätere Kirche verband ihn mit Paulus und ordnete ihn deshalb häufig dem Corpus Paulinum zu.
Heute besteht jedoch nahezu Einigkeit darüber, dass Paulus diesen Brief nicht geschrieben hat. Sprache, Stil, Argumentationsweise und Theologie unterscheiden sich deutlich von den unbestritten echten Paulusbriefen. Wer der eigentliche Verfasser war, lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit feststellen.
Gerade dieser Befund macht deutlich, dass die Zusammenstellung des neutestamentlichen Kanons nicht ausschließlich auf gesicherten historischen Erkenntnissen beruhte. Vielmehr spielten auch kirchliche Traditionen, liturgische Verwendung und theologische Autorität eine wesentliche Rolle.
Damit gelangen wir nun im nächsten Kapitel zu jener Briefsammlung, die das Denken des frühen Christentums nachhaltiger geprägt hat als jede andere:
dem Corpus Paulinum.