Kaum ein Bereich menschlichen Lebens ist so stark reguliert, moralisiert und tabuisiert worden wie die Sexualität. Über Jahrhunderte hinweg galt im Abendland ein erstaunlich enges moralisches Korsett: Sex gehörte ausschließlich in die Ehe, sollte der Fortpflanzung dienen und durfte möglichst wenig Lust enthalten. Selbst Gedanken oder Fantasien konnten als „Sünde“ gelten.
Doch woher stammt diese Moral eigentlich?
Ist sie ein universales menschliches Bedürfnis – oder ein historisches Produkt bestimmter religiöser Traditionen?
Mit einer Reihe von Aufsätzen möchte ich genau dieser Frage nachgehen. Sie beginnt bei den biblischen Ursprüngen und verfolgt, wie aus alten Mythen, religiösen Vorschriften und theologischen Deutungen jene Sexualmoral entstand, die das Abendland über viele Jahrhunderte prägte.
Die christliche Sexualethik beruft sich traditionell auf eine Reihe bekannter biblischer Geschichten und Vorschriften:
Diese Texte wurden über Jahrhunderte hinweg als göttliche Grundlage einer verbindlichen Sexualmoral interpretiert. In der kirchlichen Tradition entstand daraus ein System von Sünden, Geboten und Verboten, das tief in das soziale Leben eingriff: Ehe, Scheidung, Empfängnisverhütung, Masturbation, Homosexualität und selbst Gedanken oder Wünsche wurden moralisch bewertet.
Doch ein genauer Blick zeigt: Die Bibel selbst enthält keine einheitliche Sexualethik. Sie ist vielmehr eine Sammlung von Texten aus sehr unterschiedlichen Zeiten und Kulturen – mit ebenso unterschiedlichen Vorstellungen von Sexualität.
Die Autoren der Bibel lebten nicht im luftleeren Raum. Ihre Welt war Teil der großen altorientalischen Kulturen – Ägypten, Mesopotamien, Kanaans und später des hellenistischen Mittelmeerraums.
Viele dieser Kulturen gingen deutlich entspannter mit Sexualität um als das spätere Christentum.
In Mesopotamien etwa waren erotische Gedichte Bestandteil religiöser Rituale. Die sogenannte „heilige Hochzeit“ symbolisierte die Vereinigung von Gottheit und Königtum und wurde mit erotischer Symbolik gefeiert. Liebesdichtung gehörte zur Hochkultur.
Auch im alten Ägypten finden sich Darstellungen von Sexualität ohne moralische Verdammung. Erotik galt als natürliche Kraft des Lebens.
In der griechischen Antike wiederum war Nacktheit keineswegs tabu. Im Gegenteil: Der nackte Körper wurde in Kunst, Sport und Philosophie als Ausdruck von Schönheit und Harmonie gefeiert.
Die Vorstellung, dass Nacktheit automatisch mit moralischer Schuld verbunden sei, war dort weitgehend unbekannt.
Das Christentum entwickelte im Laufe der ersten Jahrhunderte eine deutlich strengere Sexualmoral als viele seiner kulturellen Vorgänger.
Ein wesentlicher Grund dafür lag in der Verbindung zweier Ideen:
Besonders einflussreich wurde der Kirchenvater Augustinus (4.–5. Jahrhundert). Für ihn war Sexualität eng mit der Erbsünde verbunden. Lust erschien ihm als Zeichen der menschlichen Gefallenheit. Selbst ehelicher Geschlechtsverkehr galt nur dann als moralisch akzeptabel, wenn er der Fortpflanzung diente.
Diese Denkweise prägte die christliche Moral über viele Jahrhunderte hinweg. Lust wurde verdächtig, Askese hingegen als geistiges Ideal gefeiert.
Interessanterweise ist das Verhältnis des Judentums zur Sexualität traditionell deutlich positiver als das des Christentums.
Im rabbinischen Judentum gilt Sexualität innerhalb der Ehe nicht nur als erlaubt, sondern als religiöse Pflicht. Der eheliche Geschlechtsverkehr wird im Talmud ausdrücklich als Bestandteil eines erfüllten Lebens betrachtet.
Das biblische Hohelied – eine Sammlung erotischer Liebesgedichte – wurde sogar Teil der Heiligen Schrift.
Zwar existieren auch im Judentum Reinheitsvorschriften und moralische Grenzen, doch die generelle Bewertung von Sexualität ist deutlich weniger asketisch als im historischen Christentum.