Bevor wir uns einem heiklen Thema zuwenden, sei ein Grundsatz vorangestellt:
Was erwachsene, einsichtsfähige Menschen in freier Übereinstimmung miteinander vereinbaren und praktizieren, solange niemand zu Schaden kommt und niemand instrumentalisiert wird, ist zunächst einmal Privatsache – nicht Gegenstand moralischer Verdammung.
Problematisch wird Sexualität erst dort, wo
Dieser Unterschied ist entscheidend – und er fehlt in vielen religiösen Moralvorstellungen.
Praktiken, die im heutigen Westen unter Begriffen wie „Wifesharing“ (- klick) oder „Cuckolding“ (- klick) diskutiert werden, sind keineswegs ausschließlich moderne Phänomene.
Anthropologisch lassen sich Formen von geteilter Sexualität, temporärer Partnerweitergabe oder reproduktiver Kooperation in verschiedenen Kulturen nachweisen – allerdings mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen.
Beispiele:
Wichtig ist dabei:
Diese Praktiken sind nicht mit modernen westlichen Sexualkonzepten gleichzusetzen. Sie dienen häufig sozialen, ökonomischen oder reproduktiven Zwecken – nicht primär individueller Lustbefriedigung.
Dennoch zeigen sie eines deutlich:
Die Vorstellung, dass exklusive Zweierbeziehungen die „natürliche“ oder einzig moralische Form menschlicher Sexualität seien, ist kulturell geprägt – nicht universell.
Wenden wir uns nun der Bibel zu – genauer dem Buch Genesis.
Dort finden sich mehrere bemerkenswerte Erzählungen, die in der Forschung als „Ehefrau-Schwester-Motiv“ bezeichnet werden.
In drei nahezu identischen Geschichten geben Patriarchen ihre Ehefrauen als Schwestern aus – mit erheblichen Konsequenzen:
Das Muster ist immer ähnlich:
Ein Mann fürchtet um sein Leben, weil seine Frau begehrt ist. Um sich zu schützen, gibt er sie als Schwester aus. Ein mächtiger Herrscher nimmt die Frau daraufhin in seinen Besitz oder zumindest in seinen Einflussbereich auf. Erst durch göttliches Eingreifen oder Zufall wird die Situation aufgelöst.
Diese Geschichten wurden vermutlich zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert v. Chr. schriftlich fixiert und später redaktionell bearbeitet.
Die klassische theologische Deutung lautet:
Gott schützt die „Auserwählten“, selbst wenn diese moralisch versagen.
Doch liest man die Texte ohne fromme Brille, treten andere Aspekte hervor:
Die Frauen erscheinen in diesen Erzählungen nicht als handelnde Subjekte, sondern als Objekte männlicher Strategien.
Sie werden:
Ihre Perspektive bleibt vollständig unsichtbar.
Die Geschichten zeigen nicht „Perversion“, sondern Machtverhältnisse:
Das hat wenig mit moderner, konsensbasierter Sexualität zu tun – und sehr viel mit patriarchaler Ordnung.
Auffällig ist:
Aus erzählten Machtverhältnissen werden nachträglich moralische Normen konstruiert.
Vergleicht man diese biblischen Erzählungen mit modernen, freiwilligen Formen nicht-monogamer Beziehungen, ergibt sich eine bemerkenswerte Verschiebung:
Mit anderen Worten:
Was heute oft vorschnell als „pervers“ etikettiert wird, ist in vielen Fällen ethisch reflektierter als das, was in den biblischen Texten ganz selbstverständlich geschildert wird.
Die Bibel liefert keine einheitliche Sexualmoral, sondern spiegelt eine Welt, in der Sexualität eng mit Macht, Besitz und sozialer Ordnung verknüpft ist.
Erst spätere religiöse Deutungen machten daraus ein System von Sünden und Verboten.
Wer diese Texte historisch liest, erkennt:
Nicht die Vielfalt menschlicher Sexualität ist erklärungsbedürftig –
sondern die erstaunliche Hartnäckigkeit, mit der bestimmte Kulturen versuchen, sie moralisch zu normieren.
Und vielleicht liegt auch hier eine ironische Pointe:
1. Was heute als „abweichend“ gilt, wäre in manchen alten Gesellschaften schlicht eine Frage der Organisation gewesen.
2. Was als „göttliche Ordnung“ ausgegeben wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen oft als sehr menschliche – und ziemlich durchsichtige – Konstruktion.