Wem sagt der Name John Harvey Kellogg etwas?
Die meisten kennen ihn nur indirekt:
Sein Name steckt in den berühmten Frühstücksflocken, die bis heute weltweit konsumiert werden.
Was weniger bekannt ist:
Kellogg war nicht nur Arzt, sondern ein radikaler Verfechter sexueller Enthaltsamkeit. Masturbation hielt er für krankmachend, moralisch verwerflich und gesellschaftlich gefährlich.
Seine Konsequenzen waren drastisch:
Die berühmten Cornflakes entstanden genau aus diesem Gedanken:
ein möglichst fades, „unschuldiges“ Nahrungsmittel zur Kontrolle der Libido.
Kellogg war kein Einzelfall, sondern ein typisches Produkt des puritanisch geprägten 19. Jahrhunderts – einer Zeit, in der Sexualität zunehmend medizinisch, moralisch und religiös reguliert wurde.
Doch die Wurzeln dieser Haltung reichen sehr viel weiter zurück.
Die wohl bekannteste Grundlage für die Verurteilung der Masturbation findet sich in der Geschichte von Onan (Genesis/1. Mose 38).
Der Text berichtet:
Onan soll seiner Schwägerin Tamar einen Nachkommen für seinen verstorbenen Bruder zeugen (Leviratsehe).
Er verweigert dies jedoch, indem er den Geschlechtsakt unterbricht und „seinen Samen auf die Erde fallen lässt“.
Daraufhin wird er von Gott getötet.
Über Jahrhunderte wurde diese Geschichte als Beleg gegen Masturbation gelesen.
Doch tatsächlich beschreibt der Text:
? keine Selbstbefriedigung,
? sondern einen unterbrochenen Geschlechtsverkehr (coitus interruptus)
und vor allem:
? die Verweigerung einer sozialen Pflicht innerhalb einer patriarchalen Ordnung.
Die „Sünde“ Onans besteht also nicht im „Lustgewinn“, sondern im Bruch einer Verpflichtung zur Fortpflanzung.
Warum wurde daraus dennoch ein Verbot von Masturbation?
Der Grund liegt in einem bestimmten Weltbild:
Daraus entstand die Vorstellung, dass jede nicht-fortpflanzungsorientierte Ejakulation eine Art „Verschwendung“ sei.
Im Judentum findet sich dafür der Begriff hashḥatat zera („Verderben des Samens“).
Hinzu kommt ein weiterer Faktor:
Im Buch Levitikus (3. Mose 15) wird jede Ejakulation – unabhängig von ihrer Ursache – als Zustand ritueller Unreinheit beschrieben.
Diese Regel war ursprünglich kultisch gemeint, wurde aber später moralisch aufgeladen:
? Aus einem rituellen Zustand wurde eine ethische Bewertung.
In späteren religiösen Traditionen wurde diese Haltung weiter verschärft:
So entstand schrittweise ein Tabu, das weniger auf dem ursprünglichen Text als auf seiner Interpretation beruhte.
Im 18. und 19. Jahrhundert erhielt dieses Tabu eine scheinbar wissenschaftliche Grundlage.
Ärzte wie Samuel-Auguste Tissot behaupteten, Masturbation führe zu:
Heute wissen wir:
Diese Annahmen waren vollständig unbegründet.
Dennoch prägten sie Generationen – und führten zu drastischen Maßnahmen, wie sie auch Kellogg propagierte.
Auffällig ist:
In vielen nicht-abrahamitisch geprägten Kulturen wurde Masturbation deutlich weniger problematisiert.
Das bedeutet nicht, dass es überall uneingeschränkte Akzeptanz gab – aber die starke moralische Aufladung ist kein universelles Phänomen.
Heute ist die Lage eindeutig:
Medizin, Psychologie und Sexualwissenschaft betrachten Masturbation als
? normales, gesundes und weit verbreitetes Verhalten
Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen:
Auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen regelmäßiger Ejakulation und Prostatagesundheit werden diskutiert – wenngleich solche Befunde vorsichtig zu interpretieren sind.
Die größten Belastungen entstehen nicht durch die Handlung selbst,
sondern durch die damit verbundenen Schuldgefühle.
Diese sind fast immer kulturell oder religiös geprägt.
Mit anderen Worten:
? Nicht Masturbation ist das Problem –
? sondern die Moral, die sie verurteilt.
Die Geschichte von Onan ist kein Verbot der Selbstbefriedigung. - Sie ist ein Beispiel dafür, wie aus einem spezifischen sozialen Kontext eine allgemeine Moral konstruiert wurde.
Über Jahrhunderte entstand daraus ein Tabu, das sich tief in das Denken ganzer Gesellschaften eingebrannt hat – verstärkt durch Religion, Medizin und kulturelle Normen.
Heute wissen wir es besser!
Und vielleicht lässt sich die Sache auf einen einfachen Nenner bringen:
Was dem eigenen Körper nicht schadet und niemand anderem schadet, bedarf keiner moralischen Verurteilung.