Bild: Ramadanabend bei der Moschee
Wenn im Frühjahr der Fastenmonat Ramadan beginnt, betrifft das weltweit rund zwei Milliarden Menschen – die Gläubigen des Islam. Für Außenstehende, zumal für Vertreter eines naturwissenschaftlich geprägten Weltbilds, ist es hilfreich, zwischen religiöser Deutung und sozialer Realität zu unterscheiden. Der folgende Beitrag will sachlich informieren – ohne mystische Überhöhung, aber auch ohne polemische Verkürzung.
Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Er verschiebt sich jedes Jahr um etwa elf Tage im Verhältnis zum Sonnenkalender, weil der islamische Kalender rein lunar organisiert ist. 2026 beginnt er – je nach Mondsichtung – voraussichtlich um den 17./18. Februar.
Nach islamischer Überlieferung wurde in diesem Monat dem Propheten Mohammed erstmals der Koran offenbart. Der Ramadan ist daher ein Erinnerungs- und Besinnungsmonat.
Das zentrale Element ist das Fasten (ṣaum) von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang:
Ausgenommen sind u. a. Kranke, Schwangere, Reisende und Kinder.
Naturwissenschaftliche Perspektive:
Physiologisch handelt es sich um eine Form des intermittierenden Fastens. Kurzfristig kann dies – je nach individueller Konstitution – metabolische Effekte haben (z. B. Veränderung des Blutzuckerspiegels). Wissenschaftlich ist jedoch zu unterscheiden zwischen religiöser Motivation und medizinischer Bewertung. Die gesundheitlichen Auswirkungen hängen stark von Lebensstil, Klima und individueller Gesundheit ab.
Typisch sind zwei Mahlzeiten:
Das Fastenbrechen beginnt traditionell mit Datteln und Wasser – eine historisch-praktische, heute symbolische Handlung.
Neben dem körperlichen Verzicht steht die moralische Disziplinierung im Vordergrund: Gläubige sollen bewusst auf Streit, üble Nachrede und egoistisches Verhalten verzichten. Zusätzlich wird vermehrt gebetet, häufig auch nachts (Tarāwīh-Gebete).
Aus soziologischer Sicht stärkt der Ramadan die Gruppenidentität. Gemeinsames Fasten erzeugt Solidarität; gemeinsames Essen am Abend intensiviert familiäre und gemeinschaftliche Bindungen.
Besondere Bedeutung hat die „Lailat al-Qadr“ (Nacht der Bestimmung), in der – der Überlieferung zufolge – die erste Offenbarung erfolgte. Sie liegt in den letzten zehn Nächten des Monats.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies eine heilsgeschichtliche Erzähltradition, vergleichbar mit Offenbarungsvorstellungen in anderen Religionen. Ihr empirischer Gehalt entzieht sich naturwissenschaftlicher Überprüfbarkeit; ihre Wirkung entfaltet sich im Glaubensrahmen.
Das Fasten endet mit dem mehrtägigen Fest Eid al-Fitr (Zuckerfest). Es beginnt mit einem gemeinsamen Festgebet am Morgen.
Kennzeichen sind:
Im Unterschied zum christlichen Weihnachtsfest ist Eid al-Fitr kein theologisches Heilsereignis, sondern ein Abschlussritual eines asketischen Monats.
Sozialanthropologisch betrachtet ist es ein klassisches Übergangsritual:
Phase der Entbehrung → kollektiver Abschluss → Reintegration in den Alltag.
Fastenzeiten existieren auch im Christentum (z. B. die Fastenzeit vor Ostern) und im Judentum (z. B. Jom Kippur). Der Ramadan ist jedoch deutlich umfassender, da er einen ganzen Monat mit täglicher Enthaltung umfasst.
Gemeinsam ist allen drei Religionen:
Für einen Vertreter eines naturwissenschaftlich fundierten Weltbilds stellen sich mehrere Ebenen der Betrachtung:
Ramadan und Eid al-Fitr sind weniger „mystische Ereignisse“ als vielmehr komplexe kulturell-religiöse Praktiken, die Körper, Zeitstruktur und Gemeinschaft betreffen.
Wer – wie Sie – einem entzauberten, wissenschaftsorientierten Weltbild verpflichtet ist, kann dennoch anerkennen:
Eine aufgeklärte Haltung muss daher nicht in Spott oder Abwertung münden, sondern kann zwischen kritischer Distanz gegenüber metaphysischen Behauptungen und Respekt vor kultureller Praxis unterscheiden.