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Ewigkeit und Zeitlichkeit

ein erkenntnistheoretischer Gedankengang

Wer eine Predigt hört, wird früher oder später mit einem scheinbar selbstverständlichen Gegensatz konfrontiert: Zeitlichkeit hier – Ewigkeit dort.

 

Doch was genau soll „Ewigkeit“ eigentlich bedeuten? Und ist dieser Gegensatz überhaupt logisch haltbar?

Zeit – ein Ordnungsbegriff, kein Ding

Zeit ist keine Substanz. Sie ist ein physikalisches Ordnungsmodell, mit dem wir Abstände zwischen Ereignissen beschreiben: Tag und Nacht, Saat und Ernte, Geburt und Tod. Ohne Ereignisse gäbe es keine Zeit.

 

Physikalisch betrachtet ist Zeit eine Koordinate im Raumzeitkontinuum. Sie ist relativ, beobachterabhängig und untrennbar mit Raum, Materie und Energie verknüpft. Ein objektives „Jetzt“ existiert nicht – es ist eine Konstruktion unseres Bewusstseins.

 

Die kürzesten heute experimentell erfassbaren Zeitintervalle liegen im Bereich der Zeptosekunden (10⁻²¹ s). Theoretisch stößt unsere Beschreibung an der Planck-Zeit (≈ 5,39 × 10⁻⁴⁴ s) an eine Grenze – jenseits davon versagen unsere Modelle. Vom „Davor“ des Urknalls können wir prinzipiell nichts wissen.

Religiöse Fluchtpunkte

Religionen reagieren auf diese Begrenztheit mit dem Versprechen von Ewigkeit:
als ewiges Leben, als Jenseits, als Wiedergeburt oder als Erlösung aus dem Kreislauf. Doch auffällig ist: Keine dieser Traditionen definiert präzise, was Ewigkeit sein soll.

 

Oft wird sie implizit als unendlich verlängerte Zeit gedacht. Doch genau hier liegt der Denkfehler:
Auch eine unendliche Zeit bleibt Zeit – mit Vorher und Nachher.

Ewigkeit als Zeitlosigkeit

Philosophisch überzeugender ist eine andere Definition:

 

Ewigkeit als Atemporalität – als Zustand außerhalb der Zeit.

 

In der mittelalterlichen Philosophie wird dies mit nunc stans, dem „stehenden Jetzt“, bezeichnet.

Bereits Boethius definierte Ewigkeit als den „zugleich ganzen und vollkommenen Besitz eines endlosen Lebens“.

 

Ewigkeit ist in diesem Sinne keine Dauer, sondern die Gleichzeitigkeit aller Zeitpunkte.

Konsequenzen für das Gottesbild:

Nimmt man diese Definition ernst, zerfällt das klassische christliche Jenseitsmodell.


Ein zeitloses Wesen kann keine zeitlichen Teilstücke von sich abspalten, sie prüfen und anschließend „zurückholen“. Die Vorstellung einer „Abberufung in die Ewigkeit“ setzt Zeitlichkeit voraus – und widerspricht damit dem eigenen Gottesbegriff.

 

Entweder ist Gott zeitlich – dann ist er nicht ewig.
Oder er ist ewig – dann kann er nicht handeln, strafen, warten oder eingreifen.

Das All-Eine als konsequente Alternative

Wenn überhaupt sinnvoll von „Gott“ gesprochen werden kann, dann nur als Identität mit dem Universum selbst:
Zeit, Raum, Materie, Energie und Naturgesetze als untrennbare Einheit.

 

Diese Position findet sich nicht im Abrahamitismus, wohl aber im Monismus, im Pantheismus, Panentheismus und in der Philosophie des All-Einen (Hen kai Pan).

 

Wie Arthur Schopenhauer schrieb:

 

„Daß in allen Erscheinungen das innere Wesen, das sich Manifestierende, Eines und das Selbe sei – die große Lehre vom εν και παν – ist im Orient wie im Okzident früh aufgetreten und hat sich, allem Widerspruch zum Trotz, behauptet oder doch stets erneuert.“

Quelle: https://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Schopenhauer-Lexikon/All-eins-Lehre/all-eins-lehre.html

F a z i t :

Die religiöse Rede von Ewigkeit ist weniger Erkenntnis als Trostformel.
Sie widerspricht sowohl der Physik als auch der Logik – und entlarvt sich als Projektion menschlicher Zeitangst.

 

Aufklärung beginnt dort, wo wir den Mut haben, Begriffe zu Ende zu denken.

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Typische Einwände aus religiöser Perspektive 

(und warum sie nicht tragen)

Wer die religiöse Vorstellung von Ewigkeit kritisch hinterfragt, stößt regelmäßig auf eine Reihe wiederkehrender Einwände. Sie wirken auf den ersten Blick plausibel, erweisen sich bei genauerer Betrachtung jedoch als begrifflich oder logisch problematisch.

„Gott ist ewig, aber kann dennoch in der Zeit handeln.“

Dieser Einwand ist vor allem aus der christlichen Theologie bekannt. Gott sei zwar zeitlos, könne aber aus freiem Willen in die Zeit eingreifen – etwa durch Offenbarung, Wunder oder Inkarnation.

 

Warum das nicht trägt:


Ein zeitloses Wesen kennt kein „vorher“ und „nachher“. Handeln setzt jedoch genau dies voraus: einen Zustand vor der Handlung und einen danach.

 

Ein „zeitloses Handeln“ ist ein begrifflicher Widerspruch. Entweder ist ein Wesen zeitlich – dann kann es handeln –, oder es ist zeitlos – dann ist Handeln ausgeschlossen.

 

Klassische Theologen wie Thomas von Aquin haben dieses Problem zwar erkannt, es jedoch nicht gelöst, sondern durch begriffliche Verschiebungen überdeckt.

„Ewigkeit bedeutet einfach unendliche Zeit.“

Dies ist die populärste, aber auch die schwächste Verteidigung. Ewigkeit wird hier als endlose Verlängerung der Zeit gedacht – ein niemals endender Zeitstrahl.

 

Warum das nicht trägt:


Unendliche Zeit bleibt Zeit. - Auch ein unendlicher Zeitstrahl besteht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Damit bleibt er dem Wandel, der Abfolge und der Unvollständigkeit unterworfen – genau dem, was Ewigkeit angeblich überwinden soll.

 

Diese Vorstellung widerspricht sowohl der Logik als auch der eigenen theologischen Tradition, die Gott ausdrücklich als zeitlos beschreibt.

„Das Jenseits folgt anderen Zeitgesetzen.“

Hier wird oft behauptet, dass im Jenseits zwar eine Art Zeit existiere, diese jedoch grundlegend anders beschaffen sei als unsere irdische Zeit.

 

Warum das nicht trägt:

 

Sobald es eine Abfolge von Zuständen gibt – etwa Erkennen, Erinnern, Belohntwerden –, liegt Zeitlichkeit vor, unabhängig davon, wie sie benannt wird.

 

„Andere Zeit“ ist immer noch Zeit:

Ohne Abfolge gäbe es kein Erleben.
Mit Abfolge gibt es Zeit.

 

Der Einwand löst das Problem nicht, sondern verschiebt es sprachlich.

„Ewigkeit ist ein göttliches Geheimnis und entzieht sich menschlicher Logik.“

Dieser Einwand wird meist dann vorgebracht, wenn begriffliche Widersprüche nicht mehr auflösbar sind.

 

Warum das nicht trägt:

 

Wer behauptet, etwas entziehe sich grundsätzlich der Logik, verzichtet damit zugleich auf jede sinnvolle Aussage darüber.

 

Ein Begriff, der nicht logisch kohärent gedacht werden kann, erklärt nichts – er immunisiert lediglich gegen Kritik.

 

Erkenntnistheoretisch gilt:

 

Was nicht widerspruchsfrei gedacht werden kann, kann auch nicht sinnvoll geglaubt werden.

„Glaube ist keine Physik.“

Richtig – aber irrelevant:

 

Die Kritik richtet sich nicht gegen Gefühle, Hoffnung oder Trost, sondern gegen Wahrheitsansprüche.


Sobald Religionen Aussagen über Realität, Existenz und Sein machen, unterliegen sie denselben logischen Mindestanforderungen wie jede andere Welterklärung.

 

Ein Glaubenssatz, der logisch inkonsistent ist, wird nicht dadurch wahr, dass man ihn „Glauben“ nennt.

Fazit der Gegenargumentation:

Die religiöse Rede von Ewigkeit scheitert nicht an fehlender Offenbarung, sondern an begriffslogischer Unschärfe.


Entweder wird Ewigkeit zeitlich gedacht – dann ist sie nicht ewig.

 

Oder sie wird zeitlos gedacht – dann ist jedes Jenseitsmodell mit Handlung, Entwicklung oder Belohnung unhaltbar!

 

Was bleibt, ist entweder

  • der Verzicht auf konsistente Begriffe
    oder
  • der Abschied vom personalen Gottesbild zugunsten einer undifferenzierten All-Einheit.

 

Beides ist mit dem klassischen Abrahamitismus nicht vereinbar!

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