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Promiskuität ohne Tabu?

Warum unsere Sexualmoral biologisch unplausibel und gesellschaftlich überholt ist

Darüber, dass Sex keinesfalls eine Sünde sein kann, und dass es insbesondere die Kirchen einen Dreck angeht, wer mit wem was treibt, solange es mündige Erwachsene sind, die es miteinander tun, hatten wir bereits einen längeren Beitrag veröffentlicht:

Heute wenden wir uns einem anderen Aspekt abendländischer Sexualmoral zu:

 

In aufgeklärten Gesellschaften reden wir über nahezu alles – über politische Extreme, über Sterbehilfe, über Drogenlegalisierung. Aber wenn es um konsensuelle sexuelle Vielfalt geht, senken selbst liberale Geister noch immer die Stimme.

 

Warum eigentlich?

 

Sexualität ist kein moralisches Phänomen. Sie ist ein biologisches. Der Mensch ist ein Primat – ein dauerbrünstiges Säugetier ohne feste Paarungszeit. Weibliche Fruchtbarkeit ist nicht sichtbar, Sexualität ist ganzjährig möglich. Das allein macht deutlich: Beim Menschen dient Sex nicht primär der Fortpflanzung. Er dient Bindung, Lust, Nähe, Entspannung, sozialer Regulation.

 

Wer einen Blick zu unseren nächsten Verwandten wagt, erkennt etwas Unbequemes: Beim Bonobo ist Sexualität ein Mittel zur Deeskalation. Konflikte werden nicht mit Dominanzritualen entschieden, sondern mit Körperkontakt. Sexualität wirkt dort als soziales Schmiermittel.

Der Mensch hingegen hat aus der Sexualität ein moralisches Minenfeld gemacht.

Das große Missverständnis:                     Liebe = Exklusiver Sex

Wir haben zwei Phänomene künstlich verschmolzen: Liebe und sexuelle Exklusivität.

 

Doch Liebe ist Fürsorge, emotionale Bindung, Verlässlichkeit, gemeinsame Geschichte.
Sex ist körperliche Lust, Spannung, hormonelle Dynamik, Spiel.

 

Beides kann zusammenfallen. Muss es aber nicht.

 

Sex ohne Liebe ist möglich – das weiß jeder, der ehrlich ist.
Liebe ohne Sex ist ebenfalls möglich – das weiß jeder, der lange genug lebt.

 

Warum also halten wir an der Behauptung fest, beides müsse zwingend exklusiv miteinander verknüpft sein?

 

Die Vorstellung, ein einzelner Mensch solle lebenslang sämtliche emotionalen, intellektuellen und sexuellen Bedürfnisse eines anderen erfüllen, ist historisch jung – und psychologisch ambitioniert.

Monogamie:                                 Naturgesetz oder Verwaltungsmodell?

Die monogame Ehe ist kein biologisches Naturgesetz. Sie ist ein soziales Organisationsmodell.

 

Sie entstand dort, wo Eigentum, Erbschaft und Abstammungssicherung relevant wurden. Die Kontrolle weiblicher Sexualität sicherte Vaterschaft und Besitzlinien. Moral wurde zur Schutzmauer ökonomischer Interessen.

 

Diese Konstruktion funktioniert – solange beide Partner dauerhaft ähnliche sexuelle Bedürfnisse haben.

 

Aber was geschieht, wenn in einer langjährigen Beziehung bei einem Partner die Libido deutlich sinkt, beim anderen jedoch nicht?


Soll der vitalere Teil lebenslang verzichten? - Soll er heimlich handeln? - Oder soll die Beziehung zerbrechen?

 

Vielleicht ist nicht die "Untreue" das eigentliche Problem – sondern die Pflicht zur Exklusivität.

Promiskuität als ehrliches Entlastungsmodell

Promiskuität – verstanden als einvernehmliche sexuelle Offenheit – ist nicht gleichbedeutend mit Verantwortungslosigkeit.

 

Sie kann im Gegenteil Ausdruck von Reife sein:

  • Transparenz statt Heimlichkeit
  • Konsens statt Betrug
  • Differenzierung statt Besitzdenken

Wenn eine Frau sexuelle Spannung verspürt und diese in klarer Absprache mit ihrem Partner außerhalb der Ehe abbaut, nimmt sie ihm nichts von ihrer emotionalen Zuwendung.

Wenn ein Mann dasselbe tut, verliert er dadurch nicht seine Fähigkeit zur Fürsorge.

 

Die Gleichsetzung von sexueller Exklusivität mit emotionaler Loyalität ist eine kulturelle Konstruktion – keine anthropologische Notwendigkeit.

Warum bleibt das tabuisiert?

Weil Sexualität Macht berührt.

 

Weil Eifersucht Besitzansprüche offenlegt.

 

Weil religiöse Moralvorstellungen über Jahrhunderte Angst mit Lust verknüpft haben.

 

Weil wir gelernt haben, Exklusivität mit Wert zu verwechseln.

 

Und vielleicht auch, weil viele Menschen fürchten, dass eine freiere Sexualkultur ihre eigenen Unsicherheiten sichtbar machen würde.

Wird der Mensch dadurch               aggressiver – oder entspannter?

Sex wird zur Waffe dort, wo Macht und Zwang herrschen.
Aber freiwillige sexuelle Vielfalt ist kein Ausdruck von Aggression – sondern von Autonomie.

 

Eine Gesellschaft, die Sexualität enttabuisiert, müsste allerdings drei Bedingungen strikt erfüllen:

  1. Absolute Einvernehmlichkeit.
  2. Emotionale Ehrlichkeit.
  3. Gleichberechtigung.

Ohne diese Grundlagen wird Freiheit zur Ausbeutung.

Die unbequeme Fragen

Vielleicht ist nicht Promiskuität das Risiko?

 

Vielleicht ist das eigentliche Risiko die fortgesetzte Verdrängung realer Bedürfnisse?

Wie viele Ehen zerbrechen nicht am Sex außerhalb der Beziehung – sondern an der Lüge darüber?

Wie viele Menschen leben dauerhaft frustriert, weil sie glauben, ihre Wünsche seien moralisch defizitär?

 

Eine sexuell freizügigere Gesellschaft wäre nicht zwangsläufig chaotischer.

Sie könnte ehrlicher sein... Und womöglich stabiler.

Kommen wir zum Schluss:

Der Mensch ist biologisch nicht strikt monogam.

 

Er ist aber auch nicht zwangsläufig promiskuitiv.

 

Er ist gestaltbar.

 

Die Frage lautet daher nicht: „Ist Promiskuität gut?“

 

Sondern: „Warum sollte sie moralisch verwerflich sein, wenn sie freiwillig, verantwortungsvoll und respektvoll gelebt wird?“

 

Solange wir diese Frage nicht rational beantworten können, bleibt das Tabu selbst erklärungsbedürftiger als das Verhalten, das es verbietet.

Ich könnte mir vorstellen, dass der/die Eine oder Andere dieses Essay als Provokation empfindet. - Daher ausnahmsweise unter dem Text die Bitte, mir Eure Meinung zu sagen. - Vielen Dank im Voraus...

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13. Februar 2026

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Ein Essay über Tabus, Ehrlichkeit und die Frage, ob Treue neu gedacht werden muss.

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