Wenn heute wieder vermehrt davon gesprochen wird, der Sonntag müsse „neu geheiligt“ werden, lohnt sich ein nüchterner Blick in die Geschichte. Denn der Sonntag ist weder am siebten Schöpfungstag vom Himmel gefallen noch eine ewige göttliche Ordnung. Er ist – wie so vieles in der Religionsgeschichte – das Ergebnis kultureller Entwicklungen, politischer Interessen und theologischer Umdeutungen.
Der anatomisch moderne Mensch existiert seit etwa 300.000 Jahren. Der Sieben-Tage-Rhythmus hingegen ist kulturgeschichtlich jung. Er begegnet uns im Alten Orient, insbesondere in Mesopotamien.
Babylonische Vorläufer
Bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. sind in babylonischen Texten besondere Tage belegt, darunter die sogenannten ūmū lemnūti („ungünstige Tage“), häufig am 7., 14., 21. und 28. Tag des Monats. Diese Tage waren jedoch keine allgemeinen Ruhetage, sondern galten primär als Tabutage für König und Kultpersonal.
Ein Begriff wie šapattu bezeichnete vermutlich den Vollmondtag (15. Tag) und steht sprachlich möglicherweise in Beziehung zum späteren hebräischen Schabbat. Eine direkte institutionelle Kontinuität ist jedoch in der Forschung umstritten – hier muss man vorsichtig bleiben.
Wichtig ist:
Der 7-Tage-Rhythmus dürfte aus der Beobachtung der Mondphasen entstanden sein. Aber er war noch kein wöchentlicher, durchlaufender Zyklus wie im späteren Judentum.
Erst im babylonischen Exil (6. Jh. v. Chr.) gewinnt der Schabbat im Judentum zentrale Bedeutung. Hier ist Präzision wichtig:
Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt: Der Schabbat wurde theologisch mehrfach neu gedeutet.
Die entscheidende Innovation
Der jüdische Schabbat unterscheidet sich von den babylonischen Tabutagen durch drei radikale Neuerungen:
Im Exil, ohne Tempel und Opferkult, wurde der Schabbat zu einer Art „Heiligtum in der Zeit“ – ein tragbares religiöses Zentrum.
Viele heute bekannte Sabbat-Rituale entwickelten sich erst in der nachexilischen und rabbinischen Zeit:
Diese Elemente sind nicht biblisch, sondern rabbinische Traditionen.
Die ersten Jesusanhänger waren Juden. Sie hielten den Schabbat und trafen sich zusätzlich am „ersten Tag der Woche“ zur Erinnerung an die Auferstehung.
Im 2. Jahrhundert verstärkt sich die Abgrenzung vom Judentum. Autoren wie Justin der Märtyrer argumentieren, Christen seien nicht mehr an das Sabbatgebot gebunden.
Der politische Wendepunkt
321 n. Chr. erließ Konstantin der Große ein Edikt, das den dies Solis zum staatlichen Ruhetag erklärte.
Motivlage:
Erst hier wird aus einem kirchlichen Versammlungstag ein gesetzlich geschützter Ruhetag.
Im Mittelalter übertrug die Kirche zunehmend Sabbatstrenge auf den Sonntag:
Der Sonntag wurde erneut normativ aufgeladen – diesmal kirchlich.
Heute begründen Soziologen wie Hartmut Rosa die Notwendigkeit kollektiver Pausen nicht religiös, sondern gesellschaftstheoretisch:
Ein kollektiver Ruhetag hat also eine psychosoziale Funktion – unabhängig von theologischen Begründungen.
Wenn Kirchen heute den Sonntag wieder stärker als „Tag des Herrn“ reklamieren, stellen sich Fragen:
Ein Sonntag, der mit Pflichtterminen belastet wird, verliert seine Erholungsfunktion.
Historisch betrachtet ist der Sonntag:
Der Mensch braucht Unterbrechung. - Aber diese Unterbrechung braucht keine metaphysische Begründung.
Ein säkular verstandener Ruhetag kann:
Die Frage ist also nicht: „Wie ehren wir Gott am Sonntag?“
Sondern: „Wie schützen wir die Freiheit des Menschen vor totaler Verwertungslogik?“
Wenn Religion dabei hilft – gut.
Wenn sie neue Pflichten schafft – ist Skepsis angebracht.
Der Sonntag ist kein himmlisches Geschenk, sondern eine kulturelle Errungenschaft. Seine Verteidigung braucht keine Mythen – sondern Argumente aus Anthropologie, Sozialwissenschaft und Psychologie.
Oder anders gesagt:
Nicht Gott brauchte den Ruhetag.
Der Mensch braucht ihn.