Die älteste Version der Szene findet sich im Evangelium nach Markus (ca. 70 n. Chr.):
„Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ (Mk 15,38)
Eine knappe Notiz. Kein Erdbeben. Keine Finsternis. Keine Totenauferstehung.
Im Evangelium nach Lukas wird bereits kosmisch aufgerüstet:
„und die Sonne verlor ihren Schein …“ (Lk 23,45)
Im Evangelium nach Matthäus schließlich eskaliert die Szene zur apokalyptischen Wundertheater-Inszenierung:
Erdbeben, aufbrechende Gräber, wandelnde Tote in Jerusalem (Mt 27,51–53).
Historisch betrachtet haben wir es hier mit einem literarischen Steigerungsprozess zu tun. Die Erzählung wächst mit theologischer Absicht. Sie folgt nicht der Logik eines Augenzeugenberichts, sondern der Dramaturgie einer Heilsdeutung.
Dass ein Erdbeben mit Massenerscheinungen von Auferstandenen keinerlei außerbiblische Spur hinterlassen hat, spricht Bände. Kein Flavius Josephus erwähnt es. Kein römischer Chronist. Kein jüdischer Zeitzeuge.
Simon Heiniger geht in einem Aufsatz bei nac.today auf dieses Narrativ ein, verlagert den Fokus jedoch auf den Hebräerbrief. Dieser ist aber auch kein historischer Bericht, sondern eine hochentwickelte theologische Abhandlung unbekannter Autorschaft.
Der Text arbeitet mit einer metaphorischen Umdeutung des Tempelkults:
Das Problem: Der Hebräerbrief setzt die markinische Theologie bereits voraus oder steht zumindest im selben paulinischen Traditionsstrom. Die angebliche „Plausibilität“ entsteht nicht durch historische Evidenz, sondern durch innerchristliche Textvernetzung.
Es handelt sich um ein geschlossenes theologisches System, das sich selbst bestätigt.
Heiniger beginnt nüchtern mit Tempelkunde. Das wirkt sachlich, beinahe religionswissenschaftlich. Dann erfolgt der semantische Umschwung:
„Christus ist der, der die wirkliche Gottesnähe ermöglicht …“
Hier vollzieht sich der entscheidende Schritt: Vom historischen Ritual zur existenziellen Heilsbotschaft.
Das ist kein logischer Schluss, sondern ein rhetorischer Übergang. Der Leser wird emotional mitgenommen:
Das Narrativ erzeugt ein Bedürfnis – und liefert unmittelbar die Lösung.
Das theologische Kernmotiv lautet:
Gott wird Mensch und leidet solidarisch mit.
Diese Vorstellung ist christologisch beeindruckend, historisch jedoch nicht überprüfbar. Sie gehört in den Bereich religiöser Deutung.
Der Hebräerbrief entfaltet eine Heilsidee, keine Geschichtsschreibung.
Die psychologische Funktion ist evident:
Die Evangelien deuten das Zerreißen „von oben nach unten“ als göttliche Initiative. Heiniger übernimmt diese Lesart.
Historisch-kritisch betrachtet sprechen mehrere Argumente für ein theologisches Symbol:
In antiken Biographien gehörten kosmische Zeichen zum Repertoire großer Persönlichkeiten.
Auch bei Cäsars Tod wird von Himmelszeichen berichtet. - Solche Elemente dienten der Bedeutungsaufladung.
nteressanterweise wird zwar der „Vorhang“ aufgehoben – doch der Zugang bleibt gebunden:
„… für alle zugänglich, die sich an ihn halten und zu ihm kommen.“
Das ist keine universale Freigabe. Es ist eine neue Form von Vermittlungsmonopol.
Statt Tempel und Hohepriester nun: Christus – und in der neuapostolischen Lesart: die von ihm eingesetzte Amtshierarchie.
Hier schließt sich der Kreis zur Predigt von Jean-Luc Schneider.
Der nac.today-Text arbeitet mit drei zentralen Techniken:
Was fehlt:
Der „zerrissene Vorhang“ ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein protokolliertes Ereignis, sondern ein theologisches Symbol für eine bereits entwickelte Sühnetheologie.
Dass aus einem literarischen Motiv eine ontologische Heilsrealität gemacht wird, ist kein Beweis – sondern Glaubensbehauptung.
Für eine aufgeklärte Leserschaft ist entscheidend: Religiöse Texte dürfen als religiöse Texte gelesen werden.
Problematisch wird es dort, wo Symbolik als historische Faktizität oder als exklusive Heilslogik ausgegeben wird.
Und genau hier setzt unsere kritische Aufklärung an.