Simon Heiniger hat auf nac.today wieder einmal ein Musterbeispiel dafür abgeliefert, wie kirchliche Kommunikation eine Erzählwelt als Berichtswirklichkeit verkauft: Nicht durch grobe Lügen, sondern durch eine Reihe kleiner, gut geölter rhetorischer und dramaturgischer Handgriffe. Das Ergebnis wirkt seelsorgerlich warm – Heiniger ist eben Kommunikationswissenschaftler, der genau weiß, was er tut – doch bei Licht betrachtet ist es zugleich exegetisch, historisch und textlogisch unerquicklich.
Im Folgenden zerlege ich die zentralen Techniken:
Heiniger schreibt durchgehend im Modus eines psychologisch realistischen Protokolls: Nikodemus komme „nicht, um Jesus zu prüfen“, sondern „um sich selbst nicht preiszugeben“; er brauche „Schutz“; Jesus biete „einen sicheren Raum“; das Gespräch wirke „weiter als das Gespräch selbst“.
Das Problem ist nicht, dass man literarische Figuren ausdeutet – das ist legitim. Das Problem ist der Tonfall des Tatsachenberichts: Es wird nicht gezeigt, wie man aus dem Text zu diesen Motiven gelangt. Keine Markierung von Hypothesen („man kann lesen…“), keine Diskussion alternativer Lesarten, keine Sensibilität dafür, dass das Johannesevangelium keine stenografische Mitschrift ist, sondern theologisch komponierte Literatur.
Das ist Pseudologie im kirchlich gepflegten Sinn:
Nicht „falsch“, sondern „unbegründet-gewiss“.
Nikodemus taucht im NT ausschließlich bei Johannes auf – in Joh 3; 7; 19!
Die Synoptiker (Markus, Matthäus, Lukas) kennen diese Figur nicht. Das ist für historisch-kritische Arbeit kein Nebendetail, sondern ein Warnsignal: Wir haben es sehr wahrscheinlich mit einer johanneischen Erzähl- und Symbolfigur zu tun (Licht/Nacht, Verstehen/Missverstehen, „schrittweises“ Offenbarwerden). Genau diese literarische Funktion nutzt Heiniger – aber ohne sie offenzulegen.
Stattdessen wird „Nikodemus“ wie ein aktenkundiger Zeitzeuge behandelt („Die Erzählung springt… Monate, vielleicht Jahre später“). - Das ist ein Perspektivwechsel: vom Text zur Welt – ohne Begründung.
Heiniger baut Brücken vom Publikum zur Figur, indem er die Leser*innen in ein Identifikationsangebot zieht: „Wer kennt solche Nächte nicht?“ – und schon sind die Motive fixiert.
Diese Technik ist kommunikativ effektiv, aber erkenntnistheoretisch unerquicklich: Der Leser ersetzt fehlende Quellenarbeit durch das Gefühl: „Ja, so ist das halt.“
Kurz: Empathie wird zum Beleg.
Der Schlusssatz macht den entscheidenden Move: Aus einer Johannes-Szene wird eine Markus-Lehre über „Wachstum“ angeklebt (Mk 4,26–27).
Das ist gleich doppelt problematisch:
Das ist die typische NAK-Methode der assoziativen Bibelcollage: Verse werden aus ihrem Argumentationsgang gelöst, in eine neue Botschaft eingepasst, und am Ende wirkt das Ganze bibelfundiert – obwohl es in Wahrheit bibelbasiertes Storytelling ist.
Johannes markiert ausdrücklich: „Er kam bei Nacht“ (Joh 3,2).
Doch bei dem Esoteriker Johannes ist „Nacht“ selten nur Uhrzeit – es ist Symbolik (Nichtverstehen, Verbergung, Ambivalenz). Heiniger macht daraus primär einen therapeutischen Schutzraum („Ort, an dem man sagen darf: Ich verstehe es nicht“).
Das ist nicht zwingend falsch – aber es ist eine Umetikettierung: Aus johanneischer Dramaturgie wird moderne Gesprächspsychologie. Der Text wird damit nicht erklärt, sondern umfunktioniert.
In Joh 7 erinnert Nikodemus an Rechtsförmigkeit: „Hört unser Gesetz einen Menschen nicht zuerst an…?“ (Joh 7,51).
Heiniger deutet das als sichtbares Reifungszeichen: „Nikodemus denkt anders. Er argumentiert anders.“
Das kann man lesen – aber ebenso gut kann man es nüchterner lesen: als Minimalintervention eines Ratsmitglieds, das auf Verfahrensregeln pocht, ohne sich inhaltlich zu Jesus zu bekennen. Johannes lässt bewusst offen, was Nikodemus glaubt. Heiniger schließt diese Offenheit zu einer seelsorgerlichen Fortschrittserzählung.
Das ist ein Kernpunkt: Ambiguität wird zur Gewissheit umgeschrieben.
Joh 19 erwähnt die große Menge Myrrhe/Aloe. - Heiniger etikettiert das als „königliche Ehren“ und „Bestattung mit besonderer Ehrerbietung“.
Auch hier: möglich – aber nicht zwingend. Johannes kann damit genauso gut literarisch arbeiten (Überfülle als Symbol, Kontrast zu Angst der Jünger, theologische Pointe). Ohne Kontextdiskussion wird eine Interpretation als Fakt ausgegeben.
Das populäre „Saulus wurde zu Paulus“ wird gern als Namenswunder erzählt. In der Apostelgeschichte heißt es schlicht:
„Saul, der auch Paulus heißt“ (Apg 13,9).
Wobei selbst diese Formulierung irreführend ist, „Paulus“ ist schlicht die lateinische Entsprechung des hebräischen „Sha-ul (=Saul)“. Was Heiniger sich aber geleistet hat, ist kein harmloser Schnitzer:
Es ist dieselbe Erzähltechnik in Miniaturform. Eine komplexitätsreduzierte Legende ersetzt den Textbefund, weil sie als Metapher so schön funktioniert („Kehrtwende!“).
Heinigers Artikel ist kein „Bibelkunde“-Text, sondern kirchliches Wirkungsdesign:
Das wirkt pastoral. Aber es konditioniert Leser*innen auf eine Denkform: „Die Bibel berichtet; wir wenden an.“
Historisch-kritisch wäre der ehrlichere Einstieg:
„Johannes inszeniert Nikodemus literarisch, um einen Weg vom Unverstand zur Handlung zu erzählen; was davon historisch ist, wissen wir nicht – aber die Symbolik ist interessant.“
Genau diese intellektuelle Redlichkeit spart der Text aus. Und das ist – in CANITIES-Termini – eine
Manipulation durch epistemische Unterlassung.