Kaum eine Gestalt der jüdisch-christlichen Überlieferung eignet sich besser, um den konstruktiven Charakter religiöser Mythen offenzulegen, als Lilith. Sie ist eine Randfigur, eine Fehlstelle, ein Produkt nachträglicher Deutung – und gerade deshalb ein hervorragendes Beispiel dafür, wie aus Textlücken, Widersprüchen und kulturellen Bedürfnissen Gestalten entstehen, die später als „uralte Wahrheit“ ausgegeben werden.
Lilith ist kein verdrängtes biblisches Urwissen. Sie istein Interpretationsartefakt.
Die ältesten Wurzeln der Lilith-Figur liegen nicht in der Bibel, sondern in der mesopotamischen Dämonologie.
Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. finden sich im sumerisch-akkadischen Raum Bezeichnungen wie Lilû, Lilītu oder Ardat-Lilî. Dabei handelt es sich nicht um individuelle Gestalten, sondern um eine Kategorie weiblicher Nacht- und Winddämonen. Der Wortstamm lil verweist auf Wind, Atem, Sturm – also auf etwas Unsichtbares, Unberechenbares, Gefährliches.
Diese Dämonen wurden insbesondere mit:
Wichtig: Lilitu war keine Rebellin und keine Urfrau, sondern Teil eines magisch erklärenden Weltbildes, das reale Gefahren (Krankheit, Tod, Sexualität) personifizierte.
Im hebräischen Alten Testament erscheint Lilith genau einmal:
Jesaja 34,14 [https://www.bibleserver.com/LUT/Jesaja34%2C14]
In einem poetischen Text über die Verwüstung Edoms wird Lilith als Nachtwesen unter Schakalen, Hyänen und Dämonen erwähnt. Moderne Bibelübersetzungen umgehen den Namen häufig durch Umschreibungen wie „Nachtgespenst“, „Kobold“ oder „Nachtdämon“.
Entscheidend ist:
Lilith ist hier Teil einer apokalyptischen Bildsprache, nicht mehr.
Der Nährboden für die spätere Lilith-Legende liegt nicht in der Bibel selbst, sondern in ihrem inneren Widerspruch:
Die historisch-kritische Bibelwissenschaft erklärt dies seit langem als Zusammenführung unterschiedlicher Traditionen (Priesterschrift und Jahwist). Für vormoderne Ausleger hingegen war dieser Widerspruch erklärungsbedürftig.
Hier beginnt Liliths eigentliche Karriere.
Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert n. Chr. entsteht das Alphabet des Ben Sira, ein satirisch-volkstümlicher Text jüdischer Herkunft.
Hier wird erstmals explizit behauptet:
Besonders aufschlussreich ist die sexuelle Symbolik: Lilith weigert sich, beim Geschlechtsverkehr unter Adam zu liegen – ein Bild für die Ablehnung hierarchischer Ordnung.
Lilith verlässt das Paradies freiwillig. - Eva tritt an ihre Stelle.
Die Lilith-Geschichte erfüllt eine klare Funktion:
Lilith wird zur Dämonin, weil sie nicht gehorcht. Eva wird zur Idealfigur, weil sie es tut.
Das ist keine Offenbarung – das ist Sozialtechnik.
Seit dem 19. Jahrhundert, verstärkt durch die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts, wird Lilith neu gelesen:
In Esoterik und Astrologie erscheint Lilith als „Schwarzer Mond“, als Projektionsfläche für verdrängte Anteile weiblicher Identität.
Aus aufklärerischer Sicht gilt jedoch:
Auch diese Lilith ist keine historische Gestalt, sondern eine positive Umcodierung eines Mythos.
Lilith ist nie „vergessen“ worden. Sie ist erfunden worden, immer wieder neu, je nach kulturellem Bedarf.
Sie zeigt exemplarisch:
Wer Lilith versteht, versteht, dass religiöse Erzählungen keine Offenbarungen sind – sondern Menschenwerk.
Und genau darin liegt ihr aufklärerischer Wert.