überarbeitete Fassung eines Beitrags aus dem August 2019:
Rassistische oder fremdenfeindliche Tendenzen innerhalb der Neuapostolischen Kirche?
Ich hätte sie bislang vor allem bei den deutschen Gebietskirchen vermutet – immerhin haben diese ihre nationalsozialistische Vergangenheit bis heute nicht aufgearbeitet.
Dass entsprechendes Gedankengut in einer weltweit operierenden, christlich etikettierten Religionsgemeinschaft mit Schwerpunkt in Afrika und Übersee eigentlich keinen Platz haben dürfte, liegt nahe. Insofern ist die Motivation von Peter Johanning für seinen Beitrag „Glaube oder Gesetz – ein zähes Thema“ auf nac.today zunächst nachvollziehbar.
https://nac.today/de/158033/741260
Um allerdings zu begreifen, worauf Johanning hinauswill, muss man seinen gesamten Text bis zum bitteren Ende lesen.
Und dieses Ende ist tatsächlich bitter: Denn dort spricht er allen Nichtchristen implizit die Fähigkeit zu Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen ab – um sie anschließend
exklusiv dem Christentum zuzuschreiben.
Wörtlich heißt es bei ihm:
„Christen sollen verstehen lernen, sowohl untereinander als auch Nicht-Christen. Das nennt man Respekt und Wertschätzung. Wenn unterschiedliche Kulturen und Glaubensansätze aufeinanderprallen, bedarf es einer christlichen Grundhaltung, die besagt, dass Gott alle Menschen liebt.“
Wo in dieser Argumentation die von Johanning beschworene Wertschätzung für Nichtchristen liegen soll, erschließt sich vermutlich niemandem – außer vielleicht ihm selbst.
Allen, die sich von diesem Text zu Unrecht geohrfeigt fühlen, sei allerdings Trost zugesprochen: Man muss Johannings Geschwafel nicht ernst nehmen.
Er war schon zu Hans-Meiser-Zeiten ein Dummschwätzer – und ist es offenkundig geblieben.
Der betont lockere Plauderton und der schwülstige Tonfall können jedenfalls nicht darüber hinwegtäuschen, dass Johanning nicht die geringste Ahnung davon hat, wovon er eigentlich schreibt. Das beginnt bereits mit seinem Einstieg:
„Bis in das erste frühchristliche Jahrhundert hinein, waren Judenchristen in der Mehrheit.“
Der bibelkundige Leser stutzt:
Es gab also vor dem ersten Jahrhundert bereits Christen?
Und bis in dieses Jahrhundert hinein waren sie überwiegend Judenchristen?
WOW. Man lernt offenbar nie aus.
Natürlich ist die Erklärung banal: Johanning erzählt schlicht Dummheiten nach, die man ihm von klein auf ins Gehirn geblasen hat. In der Neuapostolischen Kirche nennt man das bekanntlich das „Wirken des Heiligen Geistes“ – oder, wie Johanning selbst formuliert:
„Das und nichts weniger predigt Heiliger Geist heutzutage in der Gemeinde.“
Geistige Blähungen also.
Passend dazu das alte NAK-Lied:
„Wo Apostel stehn, Gottes Winde wehn …“ (AGB 290)
Wenig überraschend versteht Johanning folgerichtig auch den paulinischen Galaterbrief nicht.
Dabei ist dieser eine der besten Quellen, um zu erkennen, dass das Christentum nichts mit authentischem Jesuanismus, aber sehr viel mit Paulinismus zu tun hat.
Der Galaterbrief entstand um das Jahr 55 n. Z. – also vor den Evangelien. Diese sind ihrerseits sämtlich paulinisch beeinflusst. Der Brief dokumentiert den erbitterten Streit unter den frühen „Anhängern des Weges“, die sich selbst noch als jüdische Bewegung verstanden. In diesem Punkt hat Johanning ausnahmsweise recht: Es handelte sich um eine jüdische Sekte.
Konsequent übrigens – denn Jesus selbst sprach sich explizit gegen eine Heidenmission aus.
Dass die Evangelien dennoch anderes behaupten, verweist gerade nicht auf authentisches Jesuanertum, sondern auf nachträgliche paulinische Theologie.
Der spätbekehrte Sha’ul von Tarsus erkannte früh das strategische Potenzial der jesuanischen Bewegung und passte sie zügig für die Heidenmission an. Das wiederum provozierte Widerstand der ursprünglichen Jesus-Jünger, die ihrerseits Missionare in paulinisch beeinflusste Gemeinden entsandten – unter anderem nach Galatien.
Paulus reagierte darauf mit scharfer Rhetorik. Nicht aus theologischer Tiefe, sondern aus taktischer Notwendigkeit: Seine multikulturellen Heidenchristen drohten andernfalls auseinanderzufallen.
Dass sich letztlich die paulinische Lehre – einschließlich der von Paulus entwickelten Blut-Opfer-Sühne-Theologie – durchsetzte, lag allein an der zahlenmäßigen Überlegenheit der Heidenchristen. Sie waren es, die im ausgehenden ersten und beginnenden zweiten Jahrhundert das Fundament des Christentums legten.
Alles, was die Evangelien und die Apostelgeschichte über Passion, Erlösung und angeblich jesuanische Lehren berichten, ist paulinisch überformt – auch das, was Johanning über „Kephas“ schreibt.
Zum Schluss also die Frage: Was ist von Johannings Beitrag zu halten?
Ich sehe darin den Versuch, theologisch unkundige Menschen mit ungeeigneten Mitteln zu manipulieren.
Nur weil sich Paulus’ Lesart historisch durchgesetzt hat – aus rein pragmatischen Gründen –, gelten Toleranz und Wertschätzung heute als genuin christliche Werte.
In Wahrheit handelt es sich um Scheintoleranz. Die Geschichte zeigt, dass das Christentum seit seiner Erhebung zur römischen Staatsreligion ein Bund von Mordbrennern war – und mancherorts noch ist. Toleriert wird stets nur, wer dazugehört.
Genau das bringt Johanning selbst unfreiwillig auf den Punkt, wenn er schreibt:
„Und der Glaube an Christus, den Erlöser, an seine Wiederkunft verbindet über alle Unterschiede hinweg.“
Mit anderen Worten: Verbindung nur unter Gleichgesinnten.
Aber keine Sorge, Herr Johanning:
Der Islam ist auch mir zuwider –
allerdings ebenso sehr wie das Christentum.