Die Zehn Gebote gelten vielen Menschen als Fundament westlicher Moral. Eines davon lautet:
„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.“
Heute wird diese Aussage häufig als Aufforderung verstanden, die Partnerschaft anderer Menschen zu respektieren und innere Haltungen wie Neid oder Eifersucht zu kontrollieren. - Historisch betrachtet war die Situation jedoch komplizierter:
Im antiken Israel stand die Ehefrau rechtlich nicht auf Augenhöhe mit dem Mann. Im Gebot erscheint sie in einer Reihe mit Haus, Knechten, Vieh und Besitz. Die Vorschrift diente daher nicht in erster Linie dem Schutz romantischer Gefühle, sondern der Stabilität patriarchalischer Familien- und Besitzordnungen.
Ähnliches gilt für das Verbot des Ehebruchs: Im Zentrum standen Abstammung, Erbrecht und soziale Ordnung – weniger individuelle Freiheit oder persönliche Selbstbestimmung.
Dass Menschen damals dennoch keineswegs frei von Begierde waren, berichtet ausgerechnet eine der bekanntesten Geschichten des Alten Testaments – die Erzählung von David und Bathseba.
Die Geschichte in 2. Samuel 11–12 liest sich beinahe wie ein antiker Politthriller.
David, mittlerweile greiser König Israels, sieht von seinem Dach aus Bathseba beim Baden. Sie ist mit Urija verheiratet, einem Offizier seiner Eliteeinheit. David lässt sie holen und schläft mit ihr. Kurz darauf wird Bathseba schwanger.
Nun beginnt eine Kette von Vertuschungsversuchen:
David versucht zunächst, Urija zu seiner Frau zurückzuschicken, damit die Schwangerschaft als dessen Kind erscheint. - Doch Urija weigert sich aus Loyalität gegenüber seinen Kameraden.
Als dieser Plan scheitert, ordnet David an, Urija an die gefährlichste Frontlinie zu schicken. Urija fällt im Kampf. Erst danach heiratet David Bathseba.
Die Bibel bewertet Davids Verhalten eindeutig negativ. Der Prophet Nathan konfrontiert ihn später mit seinem Handeln und erklärt, dass selbst ein König nicht über göttlichem Recht steht.
Die eigentliche Frage lautet jedoch: Hat sich das alles tatsächlich so abgespielt? Die Antwort der modernen Archäologie lautet: teilweise wahrscheinlich, teilweise fraglich.
Heute gilt Davids Existenz als historisch plausibel. Ein wichtiger Hinweis ist die 1993 entdeckte Tel-Dan-Stele, auf der erstmals vom „Haus Davids“ die
Rede ist.
Auch Konflikte mit den Ammonitern und deren Hauptstadt Rabba – dem heutigen Amman – passen grundsätzlich in das historische Bild der Eisenzeit.
Problematisch wird jedoch die Größe des biblisch beschriebenen Reiches. Die Bibel schildert David als Herrscher eines mächtigen Großreiches, das sich von Ägypten bis zum Euphrat erstreckt. Archäologisch lässt sich eine solche Supermacht nicht bestätigen.
Jerusalem war um 1000 v. Chr. vermutlich eher eine befestigte Kleinstadt mit wenigen tausend Einwohnern. Von monumentalen Palästen, gewaltigen Heeren und imperialer Pracht kann kaum die Rede
sein.
Neuere Forschungen deuten zwar darauf hin, dass sich Juda früher organisierte als lange angenommen wurde, doch das Bild eines riesigen Weltreiches bleibt äußerst zweifelhaft.
Wahrscheinlich wurde die Vergangenheit später bewusst vergrößert. Denn die Texte entstanden zum Teil Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen. Sie dienten dazu, eine ruhmreiche nationale Vergangenheit zu schaffen und die Legitimität der davidischen Königsdynastie zu stärken.
Gerade aus heutiger Sicht tritt eine andere Ebene der Geschichte in den Vordergrund:
Nicht Sexualität, die Geilheit eines Lustgreises und die Lust auf fremde Haut erscheinen hier als eigentliches Problem. Das eigentliche Problem ist Machtmissbrauch.
Nach modernem Rechts- und Moralverständnis wäre dies weit mehr als bloß ein moralischer Fehltritt. Es ginge um Amtsmissbrauch, Manipulation und schwere Straftaten.
Bemerkenswert ist dabei, dass die traditionelle Auslegung den Schwerpunkt häufig auf „Sünde“ und „Vergebung“ legte. Eine moderne Perspektive verschiebt den Fokus:
Nicht die Sexualität ist das Kernproblem, auch nicht die Promiskuität.
Das Problem ist die Ausnutzung von Macht gegenüber Menschen, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden. Und vielleicht liegt darin eine der interessantesten Ironien dieser alten Geschichte: