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Christi Himmelfahrt

Wenn ein antiker Aufstiegsmythos zum Feiertag wird

Vierzig Tage nach Ostern, immer an einem Donnerstag, feiern Christen „Christi Himmelfahrt“. Im Jahr 2026 fällt dieser Feiertag auf den 14. Mai. Theologisch erinnert er an die Erzählung, Jesus sei nach seiner Auferstehung endgültig in den Himmel aufgenommen worden. Liturgisch ist dieses Fest seit dem 4. Jahrhundert als eigenständiger Feiertag belegt; zuvor wurde die Himmelfahrt eher im Zusammenhang mit Ostern und Pfingsten verstanden.

 

Schon diese Entwicklung ist aufschlussreich. Denn das Neue Testament selbst bietet kein einheitliches Bild. Im Lukasevangelium scheint die Himmelfahrt noch am Ostertag selbst zu geschehen; in der Apostelgeschichte, die demselben Verfasser zugeschrieben wird, wird daraus ein Zeitraum von vierzig Tagen. Diese Zahl ist in der biblischen Symbolwelt hoch aufgeladen: vierzig Tage Sintflut, vierzig Jahre Wüstenwanderung, vierzig Tage Mose auf dem Sinai, vierzig Tage Jesu in der Wüste. Historisch-kritisch betrachtet liegt also nicht einfach ein Protokollbericht vor, sondern eine theologische Inszenierung.

Die biblische Quellenlage:

Die wichtigsten neutestamentlichen Texte sind Apostelgeschichte 1,9–11 und Lukas 24,50–53. Markus 16,19 wird zwar häufig genannt, gehört aber zum sogenannten längeren Markusschluss, der in der Forschung seit Langem als spätere Ergänzung gilt. Das älteste Markusevangelium endete wahrscheinlich bei Markus 16,8 – ohne Himmelfahrtsszene. Schon daran zeigt sich: Die Vorstellung einer sichtbaren, leiblichen Auffahrt Jesu in den Himmel ist nicht der gemeinsame Ausgangspunkt aller Evangelien, sondern vor allem durch Paulus beeinflusste lukanische Theologie.

Das volkstümliche Brauchtum

Volkskundlich war Christi Himmelfahrt lange mit Gottesdiensten im Freien, Bittgängen, Flurumgängen und Prozessionen verbunden. In agrarischen Gesellschaften wurde um Schutz für Felder, Ernte und Vieh gebetet. Auch mittelalterliche Himmelfahrtsspiele gehörten dazu: Christusfiguren wurden in Kirchen an Seilen emporgezogen, manchmal durch eine Öffnung im Gewölbe. Der Glaube brauchte offenbar Kulisse, Mechanik und Schauwert.

 

Ein hübsch-skurriler Brauch war das Essen von Geflügel, also „fliegendem Fleisch“, als kulinarische Erinnerung an die Himmelfahrt. Auch Wallfahrten, etwa Männerwallfahrten in bestimmten Regionen, sind mit dem Tag verbunden. Viel sichtbarer ist heute allerdings der säkularisierte Herrentag, Vatertag oder Männertag: Männer ziehen mit Bollerwagen, Bier und oft beträchtlichem Geräuschpegel durch die Landschaft. Diese Tradition hängt vermutlich mit älteren Flurprozessionen zusammen, wurde aber im 19. Jahrhundert zur bürgerlich-männlichen Ausflugskultur umgeformt.

Anspruch und Wirklichkeit

Theologisch ist die Himmelfahrt der Versuch, Jesu Abwesenheit als Gegenwart zu deuten: Er ist nicht mehr sichtbar da, aber angeblich erhöht, verherrlicht und „zur Rechten Gottes“. Das ist antike Herrschaftssprache. Wer zur Rechten des höchsten Herrschers sitzt, nimmt an dessen Macht teil. Die Himmelfahrtserzählung sagt also nicht schlicht: Jesus flog weg. Sie sagt: Jesus wurde in eine göttliche Machtstellung eingesetzt.

 

Für aufgeklärte Menschen ist dieses Szenario kaum noch wörtlich vermittelbar. Ein Mensch steigt nicht durch Wolken in einen überirdischen Wohnsitz auf. Das setzt ein dreistöckiges Weltbild voraus: unten die Unterwelt, in der Mitte die Erde, oben der Himmel als Wohnort Gottes. Dieses Weltbild ist naturwissenschaftlich erledigt. Was bleibt, sind Mythos, Symbol und Machtbehauptung.

Ein antikes Märchen-Battle

Dass eine solche Erzählung entstehen konnte, überrascht nicht. Die Antike kannte Himmelfahrten, Entrückungen und Apotheosen zuhauf. Henoch wird in Genesis 5,24 von Gott „hinweggenommen“, Elija fährt nach 2 Könige 2 im Feuerwagen gen Himmel. In Mesopotamien gibt es die Erzählung vom König Etana, der auf einem Adler zum Himmel fliegt. In der griechisch-römischen Welt werden Herakles, Romulus und später römische Kaiser in göttliche Sphären erhoben. Solche Geschichten dienten dazu, außergewöhnliche Menschen nachträglich über das Menschliche hinauszuheben.

 

Gerade die römische Kaiser-Apotheose bildet einen wichtigen Vergleichshorizont. Seit Augustus konnte ein verstorbener Kaiser zum Divus erklärt werden; sein Nachfolger durfte sich dann als „Sohn des Vergöttlichten“ inszenieren. Das frühe Christentum übernahm und konterkarierte solche Herrschaftssprache: Nicht Caesar, sondern Christus sei Kyrios; nicht die kaiserliche Siegesmeldung sei das eigentliche „Evangelium“, sondern die Botschaft von Jesus; nicht Augustus sei der wahre Sohn Gottes, sondern Christus. Das war theologisch formulierte Gegenpropaganda.

 

Dabei darf man allerdings nicht apologetisch weichzeichnen: Die christliche Himmelfahrtserzählung ist nicht deshalb historischer, weil sie sich von römischen Apotheosen unterscheidet. Sie ist eine religiöse Deutung innerhalb derselben antiken Vorstellungswelt. Der Unterschied liegt nicht zwischen „heidnischer Legende“ und „christlicher Tatsache“, sondern zwischen verschiedenen religiösen Programmen, die mit ähnlichem Bildmaterial arbeiten.

Außerbiblische Quellenlage:

Auch außerchristliche Quellen helfen hier nur begrenzt. Tacitus erwähnt um 116 n. Chr., dass Christus unter Tiberius durch Pontius Pilatus hingerichtet wurde. Plinius der Jüngere berichtet um 112 n. Chr., Christen hätten Christus wie einem Gott Lieder gesungen. Josephus erwähnt Jesus wahrscheinlich in einem später christlich überarbeiteten Abschnitt und nennt Jakobus den Bruder „Jesu, der Christus genannt wird“. Sueton spricht von Unruhen um „Chrestus“, was unsicher ist. Mara bar Sarapion erwähnt einen „weisen König“ der Juden, bleibt aber ungenau. Der Talmud ist noch später und stark polemisch geprägt.

 

Diese Texte stützen mit gewisser Wahrscheinlichkeit zwei nüchterne Grunddaten: Es gab einen jüdischen Prediger namens Jesus, und der wurde unter römischer Herrschaft hingerichtet. Sie belegen aber weder Auferstehung noch Himmelfahrt noch Gottessohnschaft. Genau hier verläuft die Grenze zwischen historischer Forschung und religiöser Behauptung.

Was „unterm Strich“ bleibt:

Christi Himmelfahrt ist daher ein aufschlussreicher Feiertag: Er zeigt, wie aus antiker Kosmologie, jüdischer Schriftdeutung, römischer Herrschaftssprache und frühchristlicher Gruppenidentität ein religiöser Mythos wurde. Wer ihn heute feiert, feiert nicht ein nachprüfbares Ereignis, sondern eine alte Deutungsfigur: Der Gescheiterte soll der Erhöhte sein, der Hingerichtete der Herrscher, der Abwesende der angeblich Gegenwärtige.

 

Für den Feiertagskalender der Aufklärung bleibt deshalb festzuhalten: Christi Himmelfahrt ist weniger ein Fenster zum Himmel als ein Fenster in die Werkstatt religiöser Mythenerzeugung. Man sieht dort, wie Menschen Bedeutung schaffen, wo Wissen fehlt; wie Machtansprüche in Symbole gekleidet werden; und wie aus einem antiken Aufstiegsbild ein gesetzlicher Feiertag wurde, an dem heute vielerorts weniger der erhöhte Christus als der erniedrigte Pegelstand im Bierkasten interessiert.

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13. Mai 2026

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euen Beitrag im Feiertagskalender unter „Aufklärung für Erwachsene“:

10.05.2026

02.05.2026

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am 01.01.2025

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