Wir bringen Licht ins Dunkel
Wir bringen Licht ins Dunkel 

Amnon, Tamar und          Absaloms Rache

(eine Nacherzählung in moderner Sprache)

Transkript:

Im vorherigen Aufsatz mit dem Titel  „Geschwisterliebe“ hatten wir uns mit den Inzestverboten aus den Versen 6 bis 18 im 18. Kapitel des Buches Levitikus beschäftigt. Darunter auch mit dem Verbot des Geschlechtsverkehrs unter Geschwistern und Halbgeschwistern.

 

Das war natürlich eine rein theoretische Abhandlung, zu dem die Bibel jedoch auch ein praktisches Beispiel liefert. Und dieses Beispiel hilft uns, Moral und Sexualethik im Abrahamitismus zu beleuchten, wie sie in vielen jüdischen, muslimischen und sogar in vielen christlichen Bewegungen noch heute gelten.

 

Wir werden aber auch auf den eigentlichen Skandal dieser Geschichte eingehen. Aber nun lesen wir zunächst die Story von Amnon und Tamar, so, wie sie im 13. Kapitel des zweiten Buchs Samuels überliefert ist – nur eben in moderner Sprache.

 

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König David hatte viele Kinder. Zu ihnen gehörten Amnon, sein ältester Sohn, Absalom und dessen Schwester Tamar. Tamar galt als außergewöhnlich schön.

 

Amnon begann, sich in Tamar zu verlieben – oder zumindest hielt er das für Liebe. Tatsächlich steigerte er sich so sehr in seine Gedanken hinein, dass er kaum noch schlafen konnte und krank wirkte. Er wusste nicht, wie er an sie herankommen sollte.

 

Eines Tages bemerkte sein Cousin Jonadab, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist los mit dir? Du siehst jeden Tag schlechter aus“, fragte er. - Amnon antwortete: „Ich bin in Tamar verliebt.“

Jonadab dachte kurz nach und sagte dann: „Stell dich krank. Wenn dein Vater David zu dir kommt, bitte ihn, Tamar zu schicken, damit sie dir etwas zu essen macht.“

 

Amnon folgte diesem Rat. Er legte sich ins Bett und tat so, als sei er ernsthaft krank. Als David ihn besuchte, sagte Amnon: „Vater, lass Tamar kommen. Ich möchte, dass sie mir etwas zubereitet.“

 

David schöpfte keinen Verdacht und schickte Tamar zu ihm. - Sie kam, knetete Teig, bereitete Speisen zu und brachte sie ihrem Bruder. Doch plötzlich schickte Amnon alle anderen Menschen aus dem Raum hinaus.

Als Tamar allein mit ihm war und ihm das Essen reichte, packte er sie plötzlich und sagte:

 

„Komm, schlaf mit mir.“

 

Tamar war entsetzt.

 

„Nein! Tu das nicht! So etwas macht man nicht! Du würdest mich ins Unglück stürzen – und dich selbst ebenfalls. Bitte, tu mir das nicht an!“

Aber Amnon hörte nicht auf sie. Er war stärker und vergewaltigte sie.

 

Und dann geschah etwas Erschreckendes:

 

Die angebliche Liebe, von der Amnon vorher gesprochen hatte, war schlagartig verschwunden. Stattdessen empfand er plötzlich Abscheu und Ablehnung – stärker als seine frühere Besessenheit.

„Steh auf und verschwinde!“, sagte er kalt. - Tamar antwortete verzweifelt: „Das ist noch schlimmer als das, was du bereits getan hast.“

Doch Amnon wollte nichts mehr hören. Er ließ sie hinauswerfen und die Tür hinter ihr schließen.

 

Tamar zerriss ihr Kleid – das besondere Gewand, das die unverheirateten Königstöchter trugen –, streute sich Asche auf den Kopf und lief weinend und schreiend davon.

 

Ihr Bruder Absalom begegnete ihr. Er sah sie an und fragte: „Hattest Du Sex mit Amnon?“

Tamar sagte nichts. - Absalom verstand sofort: „Schweig jetzt erst einmal“, sagte er. „Er ist dein Bruder.“

Aber innerlich begann in ihm etwas zu wachsen: Hass.

 

Tamar blieb fortan zurückgezogen und einsam im Haus ihres Bruders.

 

Als David davon erfuhr, wurde er zwar sehr wütend. Doch obwohl Amnon ein schweres Verbrechen begangen hatte, bestrafte David ihn nicht – vermutlich, weil Amnon sein ältester Sohn war.

 

Absalom sagte zwei Jahre lang kein Wort darüber. Er sprach mit Amnon weder freundlich noch feindselig. Aber seinen Hass vergaß er nicht.

Nach zwei Jahren veranstaltete Absalom ein großes Fest zur Schafschur und lud die Söhne des Königs ein. Zunächst wollte David nicht kommen, doch Absalom überredete ihn zumindest, Amnon und die anderen Brüder zu schicken.

 

Absalom hatte jedoch längst einen Plan. - Er befahl seinen Männern: „Wartet, bis Amnon vom Wein fröhlich und unvorsichtig geworden ist. Wenn ich euch das Zeichen gebe, tötet ihn.“

 

Und genau so geschah es: Amnon wurde ermordet.

 

Die übrigen Königssöhne gerieten in Panik, sprangen auf ihre Tiere und flohen.

Zunächst erreichte David das Gerücht, alle seine Söhne seien getötet worden. Verzweifelt zerriss er seine Kleidung. Erst später stellte sich heraus, dass nur Amnon tot war.

 

Absalom floh danach in ein fremdes Land und blieb dort drei Jahre. - David trauerte lange um Amnon – und irgendwann ließ auch sein Zorn auf Absalom nach.

 

Doch Tamar – die eigentliche Leidtragende – verschwindet nach ihrer Gewalterfahrung fast vollständig aus der weiteren Handlung. Das wirkt auch aus heutiger Perspektive bemerkenswert und bedrückend.

 

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Soweit die Geschichte vom Königshof Daniels. Ich nehme an, Euch allen ist bei dem in moderner Sprache vorgetragenen Text etwas aufgefallen, das beim Lesen des ursprünglichen altertümlichen Bibeldeutsch leicht untergeht.

 

Denn wer die religiöse Hochglanzfolie einmal abzieht, stößt auf eine Geschichte über sexuelle Gewalt, Machtmissbrauch, familiäres Versagen und Selbstjustiz. Und plötzlich stellt sich eine unangenehme Frage:

 

Was genau soll hier eigentlich die göttliche Moral sein?

Denn bemerkenswert ist doch zunächst das, was kaum erwähnt wird:

 

Tamar wird vergewaltigt, gedemütigt und anschließend wie Müll vor die Tür gesetzt. Danach verschwindet sie praktisch aus der Geschichte. Die Kamera der Erzählung schwenkt weiter zu den Männern: zu Amnon, zu David, zu Absalom. - Die Geschädigte bleibt zurück – irgendwo außerhalb des Scheinwerferlichts.

 

Und genau darin steckt ein unangenehm vertrautes Muster vieler alter religiöser Traditionen: Das Leid der Opfer wird häufig zur Nebensache, während sich alles um Sünde, Ehre, Macht und männliche Konflikte dreht.

Die klassische religiöse Deutung macht daraus oft eine Warnung vor ungezügelter Leidenschaft oder sündhaftem Begehren.

 

Aber Achtung!

 

  • Das Problem war nicht „Begierde“. - Das Problem war Gewalt.
  • Das Problem war nicht mangelnde sexuelle Enthaltsamkeit. - Das Problem war Machtmissbrauch.
  • Und das Problem war auch nicht, dass irgendeine göttliche Ordnung verletzt wurde. - Das Problem war, dass ein Mensch einen anderen Menschen zerstört hat.

 

Noch bemerkenswerter ist David: Der König wird zornig – und dann geschieht: nichts. - - NICHTS!

 

Der Vater, Richter und Herrscher des Landes reagiert auf eine schwere Gewalttat ungefähr mit dem, was man heute als empörtes Kopfschütteln bezeichnen würde.

 

Dann kommt Absalom. Zwei Jahre lang wartet er. Dann ersetzt er Recht durch Rache und lässt Amnon töten. Damit ist die Katastrophe vollständig:

  • Ein Täter bleibt zunächst ungestraft.
  • Ein Opfer verschwindet aus der Wahrnehmung.
  • Ein Vater versagt.
  • Und aus ausbleibender Gerechtigkeit entsteht neue Gewalt.

 

Die moderne Moral dieser Geschichte ist deshalb verblüffend einfach:

  • Es  geht nicht um Sünde. Es geht um Verantwortung.
  • Es geht nicht um verletzte Familienehre. Es geht um verletzte Menschen.

Religionen sollten aufhören, aus solchen Geschichten primär Sexualmoral herauszulesen. Denn die eigentliche Botschaft springt einem förmlich ins Gesicht:

 

Wo Macht wichtiger wird als Menschen, wo Autoritäten schweigen und wo Opfer an den Rand gedrängt werden, entstehen keine heiligen Geschichten, sondern menschliche Tragödien.

 

Amnon und Tamar ist keine Sexgeschichte, sondern eine Mischung aus Besessenheit, Machtmissbrauch, sexuellem Übergriff, familiärem Versagen und späterer Rache.

 

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letzte Updates:

22. Mai 2026

Manche nennen die Bibel ein Buch voller Vorbilder und göttlicher Weisheit...

2. Samuel 13 hingegen erzählt von Besessenheit, sexueller Gewalt, familiärem Versagen, jahrelangem Schweigen – und einer Rache, die in Blut endet.

Kein Hollywood-Thriller. Keine Netflix-Serie. - Nur eine Geschichte aus dem „Wort Gottes“.

21.05.2026

16.05.2026

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am 01.01.2025

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