Pfingsten gilt vielen Christen als „Geburtstag der Kirche“. Historisch betrachtet ist diese Vorstellung allerdings eher eine spätere theologische Deutung als eine Beschreibung tatsächlicher Ereignisse. Das Christentum entstand nicht an einem einzelnen Tag – und schon gar nicht plötzlich. Vielmehr entwickelte es sich über Jahrzehnte aus einer jüdischen Bewegung des ersten Jahrhunderts.
Für die Neuapostolische Kirche besitzt Pfingsten übrigens noch eine zusätzliche Bedeutung. Man könnte beinahe sagen, dass Pfingsten tatsächlich ihr organisatorischer Geburtstag war: Am 6. Juni 1897 gaben die Apostel der apostolischen Gemeinden in Deutschland das bisherige Kollegialitätsprinzip auf und bestätigten Friedrich Krebs als ersten Stammapostel. Zugleich wurde die Lehre vom sogenannten „Neuen Licht“ verbindlich. Doch das nur am Rande.
Fragen wir zunächst ganz unbedarft:
Was feiern Christen eigentlich an Pfingsten?
Teilweise haben wir die Antwort bereits in unserem Beitrag über Schawuot gestreift. Das jüdische Fest, das fünfzig Tage nach Pessach gefeiert wird, bildete vermutlich den Rahmen für das spätere christliche Pfingstverständnis. Es erklärt wahrscheinlich auch, weshalb sich zahlreiche Anhänger der frühen Jesusbewegung damals in Jerusalem aufhielten.
Nach der Apostelgeschichte geschieht dann etwas Außergewöhnliches: Die Jünger sitzen zusammen, als plötzlich ein gewaltiges Brausen einsetzt. Feuerzungen erscheinen über ihren Köpfen, und plötzlich können sie in Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben. Die christliche Tradition sieht darin die Ausgießung des Heiligen Geistes und den Beginn der weltweiten Kirche.
Die Frage ist allerdings:
Was genau soll dieser „Heilige Geist“ eigentlich sein?
Die Bibel bleibt erstaunlich unklar. Mal erscheint der Geist als Kraft Gottes, mal als Helfer, mal als göttliche Gegenwart. Schon im Judentum existierte mit der Ruach – Gottes Atem oder Geist – eine ähnliche Vorstellung. Erst Jahrhunderte später entwickelte die Kirche daraus die komplizierte Lehre der Trinität.
Historisch-kritisch betrachtet wirkt die Pfingstgeschichte bemerkenswert literarisch gestaltet. Feuer und Sturm erinnern stark an Gotteserscheinungen am Sinai. Dort empfängt Israel die Tora; bei Pfingsten empfängt die Kirche den Geist. Auch die Sprachwunder könnten bewusst auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel anspielen: Dort werden Menschen durch verschiedene Sprachen getrennt – hier sollen sie plötzlich wieder zueinanderfinden.
Auffällig ist außerdem, dass dieses spektakuläre Ereignis außerhalb der Apostelgeschichte praktisch keine unabhängigen historischen Spuren hinterlassen hat. Weder römische Historiker noch jüdische Quellen berichten darüber. Selbst Paulus erwähnt zwar den Heiligen Geist, kennt aber offenbar keine dramatische Pfingstszene mit Sturm und Feuerzungen.
Historiker vermuten deshalb, dass die Geschichte eher eine symbolische Erzählung als ein Tatsachenbericht ist. Der Autor - ebenfalls Verfasser des Evangeliums nach Lukas - wollte vermutlich zeigen, dass die junge Bewegung göttlich legitimiert sei und ihre Botschaft für alle Menschen bestimmt sei.
Und wie feiern Christen heute Pfingsten?
Eigene Bräuche besitzt das Fest erstaunlich wenige. Im Mittelpunkt stehen Gottesdienste über den Heiligen Geist. Daneben existieren regionale Traditionen wie Pfingstfeuer, Reiterprozessionen oder
der sogenannte Pfingstochse. Letzterer Brauch reicht vermutlich weiter zurück als das Christentum selbst und geht auf ältere Frühlings- und Fruchtbarkeitsfeste zurück:
Früher wurden die Rinder um Pfingsten herum zum ersten Mal nach dem Winter auf die frische Weide getrieben. Der stärkste oder prächtigste Ochse wurde für diesen Auftrieb besonders herausgeputzt –
etwa mit Blumenkränzen und bunten Bändern1.
Für uns zeigt gerade Pfingsten besonders deutlich, wie Religionen entstehen: Neue Vorstellungen werden selten völlig neu erschaffen. Häufig greifen Menschen auf vertraute Symbole, Bilder und
Rituale zurück – und erzählen sie einfach auf neue Weise.
1: Dass der Ochse in früheren Zeitendann geschlachtet wurde und das ganze Dorf sich ihn als "Ochse am Spieß" einverleibte sei lediglich
als Fußnote erwähnt...