Wir bringen Licht ins Dunkel
Wir bringen Licht ins Dunkel 

1. Der Fischer aus Galiläa

Ein Mann aus einfachen Verhältnissen?

Der spätere Petrus wurde nicht als Kirchenführer geboren. Und er hieß zunächst schlicht Simon – auf Hebräisch Schimon, einer der häufigsten jüdischen Männernamen seiner Zeit. Erst Jesus verlieh ihm später den aramäischen Beinamen Kephas („Fels“), den die griechische Überlieferung zu Petros und schließlich unsere Sprache zu Petrus machte.

 

Simon stammte aus Bethsaida, einem kleinen Ort am Nordufer des Sees Genezareth. Später lebte er mit seiner Familie im benachbarten Kapernaum, das zur Zeit Jesu zu den bedeutenderen Orten Galiläas gehörte. Von hier aus betrieben Simon und sein Bruder Andreas ihren Fischfang.

 

Das Bild des armen, einsamen Fischers entspricht allerdings kaum der historischen Wirklichkeit.

 

Fischfang auf dem See Genezareth war ein anspruchsvolles Gewerbe. Wer davon leben wollte, benötigte Boote, Netze, Arbeitskräfte und Zugang zu den lokalen Märkten. Die Evangelien erwähnen mehrfach Angestellte und Geschäftspartner. Vieles spricht deshalb dafür, dass Simon gemeinsam mit seiner Familie einen kleinen Handwerksbetrieb führte und wirtschaftlich keineswegs zu den Ärmsten gehörte.

 

Er gehörte vermutlich jener breiten Mittelschicht an, die vom eigenen Fleiß lebte, Steuern entrichten musste und dennoch ständig von Missernten, Abgaben und politischen Veränderungen abhängig blieb.

 

Diese Lebenswirklichkeit prägte vermutlich sein Denken.

Ein verheirateter Apostel

Im Gegensatz zu vielen späteren Vorstellungen war Simon kein asketischer Einzelgänger. - Die Evangelien berichten übereinstimmend, dass Jesus in Kapernaum die Schwiegermutter des Petrus von schwerem Fieber heilte. Dass Simon eine Schwiegermutter besaß, setzt selbstverständlich eine Ehe voraus.

Auch Paulus bestätigt diese Tatsache beiläufig. Im Ersten Korintherbrief erwähnt er, dass Kephas – ebenso wie andere Apostel – auf seinen Reisen von seiner Ehefrau begleitet wurde.
 

Diese unscheinbare Bemerkung besitzt erstaunliche historische Bedeutung. - Sie gehört zu den ältesten Nachrichten über Petrus überhaupt und stammt aus einer Zeit, in der viele Menschen lebten, die ihn persönlich gekannt hatten.

Sie zeigt zugleich, wie weit entfernt die Lebenswelt der ersten Jesusanhänger von späteren kirchlichen Vorstellungen des zölibatären Klerus war.

 

Zu den führenden Gestalten der jungen Jesusbewegung gehörten auch Familienväter, die den Alltag einfacher Menschen kannten. Das dürfte wesentlich zu ihrer Glaubwürdigkeit beigetragen haben.

War Petrus der Älteste?

Wie alt Simon war, als er Jesus begegnete, wissen wir nicht. Die Quellen nennen keine Jahreszahlen. Historiker vermuten jedoch meist ein Alter zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren.

 

Ein kleines Indiz liefert eine Episode, die auf den ersten Blick kaum Beachtung findet: Im Matthäusevangelium wird berichtet, dass Jesus Petrus anweist, die Tempelsteuer für sich und für ihn zu entrichten. Für die übrigen Jünger ist dagegen keine Tempelsteuer erwähnt.

 

Nach jüdischem Brauch war diese Abgabe grundsätzlich von erwachsenen Männern zu leisten. Und manche Historiker schließen daraus vorsichtig, dass Petrus möglicherweise der älteste der Zwölf gewesen sein könnte. - Beweisen lässt sich das allerdings nicht.

 

Ebenso gut könnte lediglich der Evangelist Petrus als Sprecher der Jünger ausgewählt haben. - Wie so oft müssen wir zwischen einer plausiblen Vermutung und gesichertem Wissen unterscheiden.

Kein Gelehrter – aber auch kein Analphabet

Lange Zeit stellte man sich Petrus als einfachen, kaum gebildeten Fischer vor. Dieses Bild bedarf einer Korrektur. Zwar gehörte Simon sicher nicht zu den rabbinischen Schriftgelehrten Jerusalems. Doch ein Handwerksbetrieb erforderte praktische Fähigkeiten, wirtschaftliches Denken und den Umgang mit Kunden unterschiedlichster Herkunft.

 

Galiläa war keine abgeschlossene Provinz. Griechischsprachige Städte wie Tiberias oder das nahe gelegene Dekapolis-Gebiet lagen in unmittelbarer Nachbarschaft. Es ist deshalb durchaus möglich, dass Petrus zumindest einfache Kenntnisse des Griechischen besaß.

Seine Muttersprache war jedoch zweifellos Aramäisch – jene Sprache, in der auch Jesus seinen Alltag verbrachte.

 

Die spätere Vorstellung des gelehrten Predigers entstand erst Jahrzehnte später. Der historische Simon war in erster Linie Praktiker. Er musste Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und mit Menschen umgehen. Lauter Eigenschaften, die ihn später weit stärker prägen sollten als jede formale Bildung.

Diese Website hat einen enorm großen Umfang. Um bei der Suche nach bestimmten Inhalten schneller fündig zu werden, könnte eine seitenspezifische Google-Schlagwortsuche hilfreich sein:

letzte Updates:

07. Juli 2026

Fast jeder kennt das Bild:

Ein einfacher Fischer wirft seine Netze aus. Ein Wanderprediger tritt an das Ufer des Sees Genezareth und sagt: „Folge mir!“ - Wenige Augenblicke später beginnt eine der bedeutendsten Geschichten der Welt.

Doch verlief es wirklich so?

War Simon Petrus tatsächlich ein armer Fischer, der spontan alles stehen und liegen ließ? Oder zeichnen die historischen Quellen ein sehr viel differenzierteres Bild?

Der neue Beitrag meiner Reihe „Die Entstehung des Christentums als Buchreligion“ nimmt die Leser mit nach Galiläa des ersten Jahrhunderts – in eine Welt zwischen römischer Besatzung, religiöser Hoffnung und harter Alltagsarbeit.

Nicht Legenden stehen im Mittelpunkt. - Sondern die historische Rekonstruktion eines Mannes, den die spätere Kirche zum „Felsen“ erhob.

Denn manchmal beginnt Geschichte genau dort, wo vertraute Bilder hinterfragt werden.

05.07.2026

03.07.2026

google-site-verification: google629555f2699bf7ee.html

Auf "Null gesetzt"
am 01.01.2025

Druckversion | Sitemap
© Franz-Christian Schlangen