Mein Bruder hat mir heute, während einer Unterhaltung über das Fronleichnamsfest, eine Frage gestellt, die wesentlich klüger ist, als sie zunächst wirkt. Sie berührt einen interessanten Widerspruch zwischen religiöser Praxis und moderner Vorstellung von Individualität:
„Wie kommt es eigentlich dazu, dass katholische Pfarren an Feiertagen wie Fronleichnam oder Himmelfahrt nicht einfach nur Prozessionen durchführen, sondern darin eingebettet auch Flurumgehungen und Segnungen von allem was da kreucht und fleucht, wächst und gedeiht – [Implizit: …auch wenn‘s gar keinem Gemeindemitglied gehört]?“
„Historisch betrachtet liegt die Antwort darin, dass solche Segnungen ursprünglich gar nicht auf Individuen ausgerichtet waren, sondern auf Räume, Territorien und Gemeinschaften.
In der mittelalterlichen Vorstellungswelt gehörte ein Dorf, eine Gemarkung oder eine Stadt als Ganzes unter den Schutz Gottes. Der Pfarrer segnete nicht einzelne Äcker, sondern die Flur. Er segnete nicht einzelne Kühe, sondern die Herden. Er segnete nicht einzelne Bewohner, sondern die gesamte Ortsgemeinschaft mitsamt ihrem Lebensraum. - Der Gedanke dahinter war etwa:
‚Herr, bewahre dieses Land vor Hagel, Dürre, Seuchen und Krieg.‘
Dabei stellte sich gar nicht die Frage, ob jeder Bewohner persönlich gläubig war oder der Kirche angehörte. Das Gebiet wurde als Einheit betrachtet.
Man kann darin noch deutlich ältere Schichten erkennen. Bereits in vorchristlichen Agrarkulturen wurden ganze Landschaften, Felder, Wälder und Weidegebiete rituell geschützt oder den Gottheiten anvertraut. Das Christentum hat viele dieser Bräuche übernommen und christianisiert. Aus heidnischen Fruchtbarkeits- und Schutzritualen wurden Bittgänge, Flurumgänge und Prozessionen.“
Interessant wird es, wenn man die Frage meines Bruders konsequent weiterdenkt:
Aus katholischer Sicht lautet die Antwort: „Im Grunde, Ja!“
Denn ein Segen wird nicht als Vertrag verstanden, der die Zustimmung des Empfängers voraussetzt. Er gilt vielmehr als Bitte an Gott. Wenn der Pfarrer ein Feld segnet, fragt er auch nicht vorher die Kartoffeln.
Aus katholischer Sicht schadet ein Segen niemandem. Er zwingt niemanden zu etwas. Er ist lediglich eine Fürbitte.
Ein Atheist könnte allerdings erwidern:
„Wenn mein Nachbar für mich betet, ist mir das egal. Aber wenn eine religiöse Gemeinschaft öffentlich erklärt, sie habe mich, mein Haus und mein Grundstück unter göttlichen Schutz gestellt, dann nimmt sie symbolisch Besitz von etwas in Anspruch, das ihr gar nicht gehört.“
Besonders deutlich wird dieser Konflikt heute bei Flurumgängen. Im Mittelalter war nahezu jeder Dorfbewohner Christ. Die Prozession zog durch ein Gebiet, dessen Bewohner sich weitgehend derselben Religion zugehörig fühlten.
Heute führt dieselbe Prozession möglicherweise an Häusern von Atheisten, Muslimen, Juden, Buddhisten oder Konfessionslosen vorbei. Die symbolische Annahme eines einheitlich christlichen Raumes stimmt also längst nicht mehr mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit überein.
Im Gegenteil: Die Christen insgesamt stellen mittlerweile weniger als 50% der Gesamtbevölkerung
Genau deshalb wirkt die Frage meines Bruders aus moderner Perspektive so treffend:
Historisch ist das leicht zu erklären: Die Rituale stammen aus einer Zeit, in der Kirche, Dorf und Lebensraum praktisch deckungsgleich waren.
In einer pluralistischen Gesellschaft ist diese Selbstverständlichkeit jedoch nicht mehr gegeben. Die Prozessionen sind heute daher weniger Ausdruck einer tatsächlich gemeinsamen religiösen Wirklichkeit als vielmehr ein kulturelles Relikt aus einer Epoche, in der die Kirche den Anspruch erhob, für die gesamte Bevölkerung eines Territoriums zu sprechen.
Mein Bruder hat also (vielleicht ungewollt?) eine Frage gestellt, die mitten in die Religionsgeschichte und in die Debatte um die Grenzen religiöser Symbolmacht in einer säkularen Gesellschaft führt.
Das macht die Frage weit interessanter als die scheinbar harmlose Vorstellung eines Pfarrers, der ein paar Felder mit Weihwasser besprengt.