Wer in der Neuapostolischen Kirche aufgewachsen ist, kennt das Buch Daniel meist als Vorbildgeschichte für Glaubenstreue in einer gottfernen Welt. Daniel gilt als Musterbeispiel eines Gläubigen, der selbst in der babylonischen Verbannung standhaft bleibt und sich nicht dem Zeitgeist beugt.
Ähnlich verhält es sich mit der Offenbarung des Johannes. Ihre geheimnisvollen Zahlen, Tiere und Visionen wurden jahrzehntelang als verschlüsselte Endzeitbotschaften behandelt, deren wahre Bedeutung angeblich nur durch besondere geistliche Erkenntnis verstanden werden könne.
Was dabei meist unerwähnt bleibt: Die Offenbarung des Johannes ist ohne das Buch Daniel kaum verständlich. Tatsächlich bildet Daniel den literarischen und theologischen Bauplan der gesamten christlichen Apokalyptik.
Die moderne Bibelwissenschaft betrachtet beide Schriften daher nicht als Fahrpläne für das Weltende, sondern als Zeugnisse einer bestimmten religiösen Literaturgattung: der Apokalyptik.
Lange Zeit nahm man an, das Buch Daniel stamme tatsächlich aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. und berichte von einem jüdischen Exilanten am Hof der Babylonier.
Heute herrscht in der alttestamentlichen Forschung weitgehend Konsens, dass das Buch wesentlich später entstand. Die Kapitel 1 bis 6 enthalten legendarische Hofgeschichten und Lehrerzählungen, während die Kapitel 7 bis 12 apokalyptische Visionen schildern. Die Endredaktion des Buches wird überwiegend in die Zeit der Verfolgungen unter dem seleukidischen Herrscher Antiochus IV. Epiphanes (167–164 v. Chr.) datiert.
Die bekannten Erzählungen von Daniel in der Löwengrube oder den drei Männern im Feuerofen dienten vor allem dazu, verfolgten Juden Mut zu machen. Die Botschaft lautete: Wer seinem Gewissen treu bleibt, muss selbst unter äußerstem Druck nicht verzweifeln.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Buch Daniel im jüdischen Tanach nicht zu den Propheten gehört. Es steht vielmehr in der Sammlung der „Schriften“ (Ketuvim). Schon diese Einordnung deutet darauf hin, dass Daniel ursprünglich anders verstanden wurde als die klassischen Prophetenbücher.
Der wichtigste Schlüssel zum Verständnis von Daniel und der Offenbarung liegt darin, dass beide Schriften in Zeiten politischer Unterdrückung entstanden.
Beide Autoren schreiben nicht aus sicherer Distanz über die ferne Zukunft. Sie schreiben für Menschen, die unter realen politischen Verhältnissen leiden. Ihre Visionen sollen Hoffnung vermitteln und den Glauben stärken.
Die Tiere, Drachen, Hörner und geheimnisvollen Zahlen sind deshalb keine verschlüsselten Hinweise auf Ereignisse des 21. Jahrhunderts. Sie sind symbolische Bilder für die Machtstrukturen der jeweiligen Gegenwart.
Daniel und Johannes wollten ihren Lesern nicht erklären, wann die Welt untergeht. Sie wollten ihnen erklären, warum Tyrannen nicht das letzte Wort behalten.
Wer die Offenbarung aufmerksam liest, erkennt schnell, wie stark sie vom Buch Daniel geprägt ist.
Der Menschensohn
Die Tiere aus dem Meer
Das himmlische Gericht
Beide Schriften beschreiben einen himmlischen Gerichtshof.
Die endzeitlichen Zeiträume
Gemeint ist immer dieselbe symbolische Periode.
Auferstehung und Endgericht
Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen beiden Büchern wird selten beachtet.
Am Ende des Buches Daniel erhält der Seher den Auftrag:
„Verschließe die Worte und versiegele das Buch.“
Die Erfüllung liegt nach Auffassung des Verfassers noch in der Zukunft.
Johannes erhält dagegen den gegenteiligen Befehl:
„Versiegle die Worte der Weissagung dieses Buches nicht.“
Die Offenbarung setzt – wie viele andere frühchristliche Schriften – eine unmittelbare Erwartung des bevorstehenden Endes voraus.
Historisch betrachtet erfüllte sich diese Naherwartung nicht. Gerade deshalb ist die verbreitete Vorstellung von der Offenbarung als „Buch mit den sieben Siegeln“ irreführend. Die sieben Siegel verschließen nicht die Botschaft des Buches, sondern das himmlische Dokument, das im Verlauf der Vision geöffnet wird.
Besonders faszinierend wirken auf viele Leser die geheimnisvollen Zahlen der Apokalyptik.
Hier beginnt häufig die Spekulation.
Denn dabei handelt es sich ursprünglich gar nicht um mathematische Geheimcodes, sondern um religiöse Symbolsprache.
Die Autoren wollten keine Kalenderdaten berechnen lassen. Sie wollten Hoffnung ausdrücken.
Die wichtigste Zahl der Apokalyptik ist nicht die 666, sondern die 3½.
In Daniel erscheint sie als:
In der Offenbarung als:
Sie geht wahrscheinlich auf die ungefähr dreieinhalbjährige Tempelentweihung durch Antiochus IV. zurück.
Die Botschaft lautet:
„Das Böse erhält Macht – aber nur für eine begrenzte Zeit.“
Die Zahl 3½ ist die Hälfte von 7. - Sie symbolisiert Unvollständigkeit:
Das Böse darf wirken, aber es erreicht niemals Vollendung.
Die 7 durchzieht die gesamte Offenbarung:
Die Zahl steht traditionell für Vollendung und Ganzheit.
Ihre Wurzeln reichen bis zur Schöpfungsgeschichte zurück, in der Gott am siebten Tag ruht.
Mit jeder Siebener-Reihe signalisiert Johannes:
„Die Geschichte entgleitet nicht der Kontrolle. Sie bewegt sich auf ein von Gott gesetztes Ziel zu.“
Keine Zahl der Bibel hat mehr Spekulationen ausgelöst als die 666. - Historisch ist ihre Bedeutung jedoch erstaunlich klar.
Im Hebräischen besitzen Buchstaben zugleich Zahlenwerte.
Schreibt man den Namen des Kaisers Nero als „Neron Kesar“ in hebräischen Buchstaben und addiert deren Zahlenwerte, ergibt sich:
666
Die Zahl verweist daher mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Nero beziehungsweise auf die römische Kaiserherrschaft.
Die Botschaft lautet:
„Ein Mensch erhebt sich an die Stelle Gottes.
Er erscheint allmächtig, bleibt aber letztlich unvollkommen.“
Die späteren Versuche, die 666 im Papsttum, in Kreditkarten, Strichcodes, Computern oder dem Internet zu entdecken, sagen meist mehr über die Ängste ihrer jeweiligen Zeit aus als über die Offenbarung selbst.
Wenn die 7 für Vollendung steht, symbolisiert die 12 die geordnete Gemeinschaft Gottes.
Sie begegnet überall:
Am Ende der Offenbarung verschmelzen die Namen der zwölf Stämme und der zwölf Apostel zu einem einzigen Bild.
Der alte und der neue Bund werden nicht getrennt, sondern bilden gemeinsam die vollendete Gottesgemeinschaft.
Besonders viele Diskussionen löst die Zahl 144.000 aus. - In endzeitlich orientierten Gemeinschaften wurde sie oft als begrenzte Gruppe besonders Erwählter verstanden.
Die Rechnung hinter der Zahl ist jedoch leicht erkennbar:
12 × 12 × 1000 = 144.000
Sie verbindet die zwölf Stämme Israels mit den zwölf Aposteln und multipliziert beide mit der Zahl der Fülle.
Die Mehrheit heutiger Exegeten versteht die Zahl deshalb als Symbol für die vollständige Gemeinschaft aller von Gott Bewahrten.
Interessant ist dabei ein literarischer Kunstgriff des Johannes:
Zunächst HÖRT er die Zahl 144.000.
Unmittelbar danach SIEHT er eine unzählbare Menschenmenge aus allen Nationen, Sprachen und Völkern.
Viele Bibelwissenschaftler vermuten daher, dass beide Bilder dieselbe Wirklichkeit beschreiben:
Die eigentliche Überraschung besteht darin, dass weder Daniel noch Johannes ihre Leser dazu auffordern wollten, Endzeitkalender zu berechnen oder geheime Entrückungsgruppen zu identifizieren.
Die Zahlen der Apokalyptik sind keine mathematischen Schlüssel zur Zukunft, sondern symbolische Bilder der Hoffnung.
Erst spätere Generationen machten aus diesen Bildern ein Rätselspiel. Aus Trostliteratur wurde Zukunftsspekulation. Aus Symbolen wurden Rechenaufgaben. Und aus poetischen Visionen entstanden ganze Systeme religiöser Endzeitdeutung.
Wer Daniel und die Offenbarung historisch liest, entdeckt deshalb etwas Überraschendes:
Die eigentliche Botschaft dieser Bücher liegt nicht in ihren Zahlen, sondern in ihrer Kritik an Macht, Unterdrückung und religiöser Vereinnahmung.
Die Zahlen dienten lediglich als Sprache.
Die Hoffnung war die eigentliche Botschaft.