Am 1. Februar 2026 hielt der damalige Stammapostelhelfer und heutige Stammapostel der Neuapostolischen Kirche, Helge Mutschler, in Lindlar (bei Köln) einen Gottesdienst und predigte über Lukas 17,5–6:
„Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: ‚Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!‘ und er würde euch gehorsam sein.“
Nach Darstellung von nac.today lautete die zentrale Botschaft seiner Predigt: Glaube ist keine Leistung. Nicht die Stärke des Glaubens sei entscheidend, sondern das Vertrauen auf Gott. Selbst ein „kaputt gebrochener“ Glaube genüge.
Das klingt zunächst erstaunlich modern. Denn tatsächlich widerspricht diese Sichtweise der weit verbreiteten (und bis dato auch in der NAK gelehrten) religiösen Vorstellung, man müsse nur fest genug glauben, dann würden sich Probleme lösen, Krankheiten verschwinden oder Wunder geschehen.
Doch was wollte Jesus – oder genauer gesagt: was wollte der Verfasser des Lukasevangeliums – mit dem Senfkorn überhaupt ausdrücken?
Historisch-kritische Bibelwissenschaftler gehen heute davon aus, dass die genaue Formulierung dieser Worte kaum auf den historischen Jesus zurückgeführt werden kann. Die Evangelien entstanden Jahrzehnte nach den vermuteten Ereignissen und spiegeln bereits die Theologie der frühen Gemeinden wider.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Gedanke völlig unauthentisch wäre. Gerade die Verwendung einfacher Bilder aus Landwirtschaft und Alltagsleben passt durchaus zu dem Wanderprediger aus Galiläa, den Historiker hinter den Evangelien vermuten.
Auch die Vorstellung, dass Glaube „Berge versetzen“ oder tief verwurzelte Hindernisse überwinden könne, war im antiken Judentum längst bekannt. Solche Formulierungen waren keine physikalischen Behauptungen, sondern bildhafte Übertreibungen. Niemand erwartete ernsthaft, dass Bäume durch religiöse Zurufe ins Meer spazieren.
Mutschler wiederholte die traditionelle Aussage, das Senfkorn sei der kleinste damals bekannte Samen gewesen.
Botanisch stimmt das nicht. Auch im Raum Palästina existierten Pflanzen mit deutlich kleineren Samen. Doch der Einwand greift eigentlich zu kurz. Das Senfkorn wurde im damaligen Sprachgebrauch sprichwörtlich als etwas Winziges verstanden. Die Aussage verfolgt keinen naturwissenschaftlichen Zweck, sondern einen rhetorischen.
Das Bild funktioniert daher unabhängig von seiner botanischen Präzision.
Interessanter ist eine andere Frage.
Die Apostel bitten: „Stärke uns den Glauben!“
Jesus antwortet sinngemäß: Ihr braucht nicht mehr Glauben. Schon ein winziger Glaube genügt.
Genau an diesem Punkt setzt Mutschlers Auslegung an. Er widerspricht der Vorstellung eines religiösen Leistungsdenkens. Wer glaubt, er müsse durch besondere Frömmigkeit, Opferbereitschaft oder innere Anstrengung Gottes Handeln erzwingen, verkenne die eigentliche Aussage des Gleichnisses
Das ist bemerkenswert, denn große Teile der Religionsgeschichte funktionieren genau nach diesem Muster: mehr Frömmigkeit, mehr Gebet, mehr Opfer, mehr Einsatz.
Mutschler sagt dagegen: Loslassen statt kämpfen.
Für einen religiösen Menschen mag diese Sicht tröstlich sein. - Aus aufklärerischer Perspektive stellt sich jedoch eine grundsätzliche Frage:
Woran wird hier eigentlich geglaubt?
Ob jemand einen „kleinen“ oder einen „großen“ Glauben besitzt, lässt sich objektiv nicht messen. Glaube ist keine physikalische Größe. Entweder hält jemand eine Behauptung für wahr oder er tut es nicht.
Der Unterschied zwischen starkem und schwachem Glauben beschreibt daher eher einen psychologischen Zustand als eine objektive Eigenschaft.
Noch grundsätzlicher ist die Frage nach dem Gegenstand dieses Glaubens. Die Existenz eines handelnden Gottes entzieht sich wissenschaftlicher Überprüfung. Sie kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Sie bleibt eine Glaubensannahme.
Damit bewegt sich der religiöse Glaube in demselben erkenntnistheoretischen Raum wie zahlreiche andere metaphysische, esoterische oder okkulte Systeme. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass Religion gesellschaftlich etabliert und institutionell organisiert ist, während Esoterik bzw. Okkultismus meist individuelle oder kleine Gemeinschaften ansprechen.
Beide verlassen jedoch den Bereich empirisch überprüfbarer Aussagen.
Helge Mutschlers Predigt enthält einen Gedanken, der für viele Gläubige entlastend wirken dürfte: Der Mensch muss sich Gottes Zuwendung nicht verdienen.
Historisch betrachtet handelt es sich beim Senfkorn jedoch um eine religiöse Metapher, nicht um eine Beschreibung tatsächlicher Vorgänge. Weder versetzen Glaubende Bäume noch verändern Gebete Naturgesetze.
Das Gleichnis sagt letztlich weniger über die Welt aus als über das menschliche Bedürfnis nach Vertrauen. Wer glaubt, braucht keinen großen Glauben. Wer nicht glaubt, wird durch eine Senfkorn-Metapher auch nicht überzeugt.