Zwischen Jesus von Nazareth, dem Begründer der Gemeinschaft des Weges, und Paulus von Tarsus, dem Architekten des Christentums, steht eine Persönlichkeit, deren historische Bedeutung kaum überschätzt werden kann – und die dennoch bis heute hinter einem Berg kirchlicher Überlieferungen verborgen liegt.
Simon, genannt Petrus.
Für die einen ist er der erste Papst. - Für andere der „Fürst der Apostel“.
In der christlichen Kunst trägt er die Himmelsschlüssel, öffnet die Tore des Paradieses und verkörpert die ununterbrochene Linie kirchlicher Autorität bis in die Gegenwart. - Doch all diese Bilder entstanden erst lange nach seinem Tod. Der historische Simon Petrus war etwas völlig anderes.
Er war ein jüdischer Fischer aus Galiläa, ein Handwerker, ein Familienvater.
Ein Mann mit bemerkenswerten Stärken – und ebenso bemerkenswerten Schwächen.
Er war impulsiv, mutig und entschlussfreudig. Manchmal sprach er schneller, als er dachte. Er konnte begeisternd vorangehen, aber ebenso spektakulär scheitern. Gerade diese menschliche Unvollkommenheit macht ihn zu einer der glaubwürdigsten Gestalten der frühen Jesusbewegung.
Während Paulus vor allem als Denker und Theologe hervortritt, war Petrus in erster Linie Organisator und Integrationsfigur. - Als die Kreuzigung Jesu die kleine Gemeinschaft der Jünger auseinanderzureißen drohte, war es Petrus, der sie wieder sammelte.
Als Unsicherheit und Angst die Bewegung zu lähmen drohten, übernahm er Verantwortung.
Als später zwischen Judenchristen und Heidenchristen schwere Konflikte entstanden, stand er immer wieder zwischen den Fronten.
Seine Stärke lag nicht in theologischen Systemen, sie lag darin, Menschen zusammenzuführen. Und deshalb gehört Petrus zu jenen historischen Persönlichkeiten, deren Bedeutung weniger in ihren Worten als in ihrem Handeln liegt.
Wie schon beim historischen Jesus und später bei Paulus von Tarsus stellt sich auch bei Petrus zunächst eine grundlegende Frage:
Welchen Quellen können wir überhaupt vertrauen?
Die Evangelien berichten ausführlich über ihn. Die Apostelgeschichte schildert ihn als führende Persönlichkeit der Jerusalemer Urgemeinde. Paulus erwähnt ihn mehrfach in seinen Briefen.
Daneben existieren zahlreiche spätere kirchliche Überlieferungen, die Petrus zum ersten Bischof von Rom und Begründer des Papsttums machen.
Doch diese Quellen besitzen sehr unterschiedlichen historischen Wert.
Die ältesten und zugleich zuverlässigsten Zeugnisse stammen von Paulus: Sie entstanden bereits zwanzig bis dreißig Jahre nach der Kreuzigung Jesu und erwähnen Petrus – meist unter seinem aramäischen Namen Kephas – als unbestrittene Autorität der Jerusalemer Gemeinde.
Die Evangelien wurden erst Jahrzehnte später verfasst. Sie enthalten zweifellos wertvolle historische Erinnerungen, verbinden diese jedoch mit theologischen Absichten ihrer jeweiligen Autoren.
Noch vorsichtiger müssen spätere kirchliche Traditionen beurteilt werden. Sie entstanden in einer Zeit, als die junge Kirche ihre Leitungsstrukturen entwickelte und ihre Autorität zunehmend durch den Rückgriff auf die Apostel legitimierte.
Historische Rekonstruktion bedeutet deshalb auch hier:
Die Aufgabe besteht darin, beide sorgfältig voneinander zu unterscheiden. Genau diesem Weg wollen wir auch in diesem „Band“ folgen. - Nicht um den Glauben zu bewerten, sondern um den Menschen Simon Petrus hinter den späteren Legenden wieder sichtbar werden zu lassen.
Denn Geschichte wird verständlicher, wenn man nicht fragt, wer recht hatte, sondern wie Menschen zu ihren Überzeugungen gelangten.
Je länger ich mich mit den Menschen Jesus, Petrus und dann auch Paulus beschäftigt habe, desto deutlicher wird ein gemeinsames Muster:
Jeder dieser drei Männer wurde von der späteren Kirche stärker verehrt, als der historische Mensch es vermutlich selbst erwartet hätte.
Mein Ziel ist deshalb ausdrücklich nicht, diese späteren Entwicklungen geringzuschätzen. Ich will vielmehr den Weg nachvollziehen, auf dem sie entstanden sind. - Denn nur wenn wir den historischen Simon verstehen, können wir nachvollziehen, weshalb ausgerechnet dieser Mann zum Fundament einer Tradition wurde, die bis heute mehr als eine Milliarde Menschen prägt.