Wer heute an das antike Galiläa denkt, hat meist idyllische Bilder vor Augen: Den glitzernden See Genezareth, sanfte Hügel, Olivenhaine, Fischerboote am Ufer…
Zur Zeit des Petrus sah dieselbe Landschaft zwar ähnlich aus – doch hinter ihrer friedlichen Schönheit verbarg sich eine Region voller Spannungen.
Galiläa war keineswegs das religiöse Zentrum des Judentums. Diese Rolle nahm Jerusalem ein. - Hier standen der Tempel, der Hohe Rat und die großen Priesterdynastien. Von dort aus wurde bestimmt, was als rechtgläubig galt.
Galiläa dagegen lag im Norden des Landes. Für viele Jerusalemer Juden galt diese Region als ländlich, provinziell und religiös weniger gebildet. Nicht wenige blickten mit einer gewissen Herablassung auf ihre Landsleute im Norden. Dabei war Galiläa alles andere als unbedeutend.
Gerade weil es an wichtige Handelswege grenzte, begegneten sich hier unterschiedliche Kulturen und Sprachen. Jüdische Dörfer lagen nur wenige Kilometer von griechisch geprägten Städten entfernt. Die Bewohner bewegten sich täglich zwischen verschiedenen Welten.
Simon Petrus wurde in eine Zeit geboren, in der Palästina längst nicht mehr unabhängig war. Seit dem Jahr 63 v. Chr. bestimmten die Römer zunehmend die politischen Verhältnisse.
Zur Zeit Jesu regierte in Galiläa Herodes Antipas als römischer Klientelfürst. Er war kein unabhängiger König. Seine Macht verdankte er Rom.
Steuern wurden erhoben, Straßen gebaut, neue Städte gegründet… Doch all dies hatte seinen Preis. Viele einfache Menschen lebten am Rand ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Fischer mussten Fangrechte erwerben, Bauern litten unter Abgaben, Handwerker kämpften um ihren Lebensunterhalt.
Die Römer selbst waren im Alltag oft kaum sichtbar. Ihre politische Macht jedoch bestimmte das Leben aller. Und deshalb verbanden viele Juden ihre religiösen Hoffnungen immer stärker mit der Sehnsucht nach politischer Befreiung.
Für moderne Leser wirkt Religion häufig wie eine private Angelegenheit. - Im Judentum des ersten Jahrhunderts war sie untrennbar mit der Geschichte des eigenen Volkes verbunden.
Israel verstand sich als das von Gott erwählte Volk. Doch dieses Volk lebte nun unter fremder Herrschaft.
Viele fragten sich: Warum greift Gott nicht ein? Wann erfüllt er endlich seine Verheißungen? Wann kommt der verheißene Messias? Diese Hoffnung prägte nahezu alle religiösen Strömungen jener Zeit:
Pharisäer, Essener, Zeloten, Johannes der Täufer und später auch Jesus.
Sie unterschieden sich in ihren Antworten. Nicht jedoch in der Erwartung, dass Gott handeln werde. Deshalb war die Zeit von einer außergewöhnlichen religiösen Spannung erfüllt.
Auch der See Genezareth war weit mehr als eine romantische Landschaft. Er war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sein Fischreichtum ernährte zahlreiche Familien.
Der Fang wurde nicht nur vor Ort verkauft. Gesalzener und getrockneter Fisch gelangte bis in weit entfernte Regionen. Rund um den See entstanden Werkstätten, Märkte und kleine Handelsbetriebe.
Simon und sein Bruder Andreas arbeiteten also nicht am Rand der Gesellschaft. Sie gehörten zu einer wichtigen regionalen Wirtschaftsbranche.
Ihre Arbeit begann oft lange vor Sonnenaufgang: Netze mussten gepflegt werden, Boote instand gehalten und Fänge verkauft werden.
Es war ein anstrengendes Leben, das Ausdauer und Zusammenarbeit verlangte. Vielleicht erklärt diese tägliche Erfahrung, weshalb Simon später so selbstverständlich Verantwortung übernahm. Wer einen Fischereibetrieb führt, lernt früh, Entscheidungen zu treffen.
Die politische Unsicherheit, die wirtschaftlichen Belastungen und die religiöse Erwartung verbanden sich zu einer Atmosphäre, in der neue prophetische Bewegungen auf fruchtbaren Boden fielen.
Immer wieder traten Wanderprediger auf. Manche versprachen Gottes baldiges Eingreifen. Andere riefen zur Umkehr. Wieder andere griffen sogar zu den Waffen.
Die Römer beobachteten solche Bewegungen mit großem Misstrauen. Denn religiöse Hoffnungen konnten jederzeit politische Folgen haben. Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Auftreten Jesu in einem anderen Licht.
Er sprach nicht in eine ruhige, zufriedene Gesellschaft hinein. Er sprach zu Menschen, die auf Veränderung hofften, die nach Orientierung suchten und die bereit waren, einem überzeugenden Lehrer zuzuhören.
Wann Simon Jesus zum ersten Mal traf, wissen wir nicht. Die Evangelien erzählen unterschiedliche Berufungsgeschichten.
Historisch lässt sich der genaue Ablauf nicht mehr rekonstruieren. Doch eines erscheint wahrscheinlich:
Die Begegnung war kaum so zufällig, wie es manche spätere Darstellung vermuten lässt. Galiläa war keine Millionenmetropole. - Religiöse Lehrer sprachen sich herum. Wer Aufmerksamkeit erregte, wurde bald bekannt.
Es ist durchaus möglich, dass Simon Jesus bereits mehrfach gehört hatte, bevor er sich entschloss, ihm zu folgen. Vielleicht war dieser Schritt deshalb nicht der spontane Entschluss eines einzigen Nachmittags, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über längere Zeit angebahnt hatte.
Für Simon begann mit dieser Entscheidung ein völlig neuer Lebensabschnitt. Er verließ nicht einfach seinen Beruf. Vielmehr schloss er sich einer Bewegung an, deren Ziel niemand genau kannte.
Noch ahnte keiner der Beteiligten, dass aus den gemeinsamen Wanderungen durch Galiläa eine Entwicklung entstehen würde, die zwei Jahrtausende später Milliarden Menschen beeinflussen sollte.
Für Simon war Jesus zunächst kein Gegenstand späterer Dogmen. Er war der Rabbi, dem er zutraute, Israels Hoffnung auf Gottes kommendes Reich glaubwürdig zu verkünden. Und ausschließlich deshalb folgte er ihm.