Die Evangelien erzählen die Berufung des Petrus in eindrucksvollen Bildern:
Jesus geht am See Genezareth entlang. Er sieht Simon und dessen Bruder Andreas bei der Arbeit. Dann spricht er nur wenige Worte:
»Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen.«
Die beiden Brüder lassen ihre Netze zurück und folgen ihm.
Die Szene wirkt beinahe märchenhaft. Ein einziger Satz. Ein einziger Augenblick. Und ein ganzes Leben verändert sich.
Historisch betrachtet dürfte der Beginn jedoch weit weniger plötzlich verlaufen sein.
Die Berufungserzählungen entstanden Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen. Sie verfolgen nicht in erster Linie das Ziel, einen journalistischen Bericht zu liefern.
Sie möchten deutlich machen, dass Jesus Menschen unmittelbar in seine Nachfolge rief, und dass dieser Ruf das Leben grundlegend veränderte.
Deshalb schildern Markus und Matthäus die Berufung in einer knappen, fast dramatischen Form. Lukas erweitert die Geschichte später um den wunderbaren Fischfang, während Johannes wiederum einen ganz anderen Weg geht:
Bei ihm begegnet Andreas zunächst Johannes dem Täufer, lernt anschließend Jesus kennen und führt erst danach seinen Bruder Simon zu ihm.
Diese Unterschiede zeigen, dass wir keine stenographischen Erinnerungen vor uns haben, sondern unterschiedliche theologische Erzählungen, die denselben historischen Kern auf verschiedene Weise ausgestalten.
Vieles spricht dafür, dass Simon Jesus bereits kannte, bevor er sich seiner Bewegung anschloss. Galiläa war überschaubar.
Prediger, Propheten und religiöse Lehrer wurden schnell bekannt. – Jesus dürfte schon vor Beginn seiner eigentlichen Wandertätigkeit Aufmerksamkeit erregt haben.
Hinzu kommt, dass mehrere Jünger offenbar aus demselben regionalen Umfeld stammten. Man kannte einander. Man hörte voneinander.
Vielleicht hatte Simon Jesus bereits mehrfach predigen hören. Vielleicht hatten sie sogar schon Gespräche geführt.
Historisch erscheint es jedenfalls wenig wahrscheinlich, dass ein Familienvater mit eigenem Fischereibetrieb allein aufgrund eines einzigen Satzes seinen gesamten bisherigen Lebensweg aufgab.
Viel plausibler ist, dass der Entschluss allmählich gereift war.
Darauf geben die Quellen keine eindeutige Antwort. Doch sie erlauben Vermutungen.
Jesus verkündete das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes. Er sprach nicht wie die Schriftgelehrten Jerusalems. Er diskutierte weniger über einzelne Gesetzesvorschriften, sondern über Gottes Nähe, Barmherzigkeit und die Hoffnung Israels.
Gerade in Galiläa traf diese Botschaft auf Menschen, die unter wirtschaftlichem Druck, politischer Fremdherrschaft und religiöser Sehnsucht lebten.
Vielleicht erkannte Simon in Jesus keinen Philosophen. Sondern einen Mann, der den Mut besaß, jene Hoffnung auszusprechen, die viele Menschen längst in sich trugen.
Warum aber entwickelte sich ausgerechnet Simon so schnell zum Sprecher der kleinen Gruppe? – Hier lohnt sich ein genauer Blick:
Die Evangelien schildern Petrus immer wieder als denjenigen, der zuerst spricht. Er stellt Fragen, auf die andere keine Antwort wagen. Er widerspricht, wenn ihn etwas irritiert.
Er handelt oft, bevor lange beraten wird. – Manchmal führt ihn genau diese Spontaneität in Schwierigkeiten. Manchmal macht sie ihn zur treibenden Kraft.
Gerade diese Mischung aus Mut, Impulsivität und Verantwortungsbereitschaft scheint seine Persönlichkeit ausgezeichnet zu haben.
Führung entsteht häufig nicht dadurch, dass jemand offiziell eingesetzt wird. – Sie entsteht, weil andere beginnen, sich an ihm zu orientieren.
Genau das dürfte bei Simon geschehen sein.
Irgendwann während dieser gemeinsamen Zeit geschieht etwas Bemerkenswertes. Jesus gibt Simon einen neuen Namen.
Kephas
Das aramäische Wort bedeutet „Fels“. - Im Griechischen wird daraus „Petros“, woraus schließlich unser Name „Petrus“ entsteht.
Namensänderungen besitzen in der Bibel eine lange Tradition:
Ein neuer Name steht meist für eine neue Aufgabe.
Ob Jesus diesen Beinamen tatsächlich verliehen hat, halten viele Historiker durchaus für wahrscheinlich. Denn auch Paulus verwendet in seinen ältesten Briefen überwiegend den aramäischen Namen Kephas.
Das spricht dafür, dass dieser Beiname bereits sehr früh innerhalb der Jesusbewegung gebräuchlich war.
Welche Bedeutung Jesus selbst damit verband, lässt sich allerdings nicht mehr sicher feststellen. Die späteren theologischen Deutungen, die daraus den ersten Papst ableiten, gehören einer anderen Zeit an. – Für die historische Rekonstruktion genügt zunächst eine bescheidenere Feststellung:
Simon erhielt innerhalb der Jüngergemeinschaft eine herausgehobene Stellung.
Nicht als Herrscher. Sondern als Vertrauensperson.
Für Simon war dies zunächst vermutlich kaum mehr als ein neuer Beiname unter Freunden. – Niemand sprach damals von einer Kirche. Niemand dachte an Bischöfe. Niemand an ein Papsttum.
Die kleine Gruppe verstand sich weiterhin als Teil Israels. Sie folgte einem jüdischen Rabbi, der das nahe Reich Gottes verkündete.
Dass aus dieser Gemeinschaft einmal eine Weltreligion entstehen würde, lag völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Simon wollte keine Kirche gründen. Er wollte dem Mann folgen, von dem er überzeugt war, dass Gott durch ihn zu Israel sprach.
Vielleicht liegt darin die größte historische Ironie seines Lebens.