Kaum eine Szene des Neuen Testaments hat das Bild des Petrus stärker geprägt als seine dreifache Verleugnung Jesu. Für die spätere Kirche wurde sie zum Sinnbild menschlicher Schwäche. Für viele Prediger zum Beispiel dafür, wie selbst der stärkste Glaube versagen kann.
Historisch betrachtet erzählt diese Geschichte jedoch noch etwas anderes.
Sie zeigt, dass die ersten Christen ihre wichtigsten Führungsfiguren keineswegs als makellose Helden darstellten. Im Gegenteil:
Gerade Petrus, der spätere Leiter der Jerusalemer Gemeinde, erscheint in den ältesten Überlieferungen als ein Mann, der im entscheidenden Augenblick Angst bekam. Vielleicht spricht gerade das für den historischen Kern dieser Erzählung.
Denn erfundene Helden scheitern selten so gründlich.
Um die Verleugnung zu verstehen, muss man sich zunächst die Lage der Jünger vor Augen führen:
Sie waren überzeugt, dass Jesus Gottes Reich ankündigte. Sie hatten erlebt, wie Menschen ihm zuhörten. Wie er Kranke heilte. Wie Begeisterung entstand.
Manche hofften sogar, Jesus könne der verheißene Messias sein.
Aus heutiger Sicht kennen wir den weiteren Verlauf der Geschichte. Für die Jünger war dies zunächst das Ende aller Hoffnungen.
Ein gekreuzigter Messias war nach jüdischem Verständnis ein Widerspruch in sich.
Wer am Kreuz starb, galt nicht als von Gott bestätigt, sondern als gescheitert. - Deshalb bedeutete die Kreuzigung weit mehr als den Tod eines geliebten Lehrers. Sie ließ das gesamte Weltbild der Jünger zusammenbrechen.
Die Evangelien berichten, dass die meisten Jünger flohen. Nur wenige blieben in der Nähe. Petrus folgte Jesus offenbar noch bis in den Hof des Hohenpriesters.
Dort wurde er erkannt. Dreimal fragten Menschen, ob er nicht zu Jesus gehöre. Dreimal bestritt er es. – Unmittelbar danach, so erzählen die Evangelien, krähte ein Hahn zum zweiten Mal.
Petrus erinnerte sich an Jesu Worte und brach in Tränen aus.
Ob sich die Ereignisse genau so abgespielt haben, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Historisch erscheint jedoch völlig plausibel, dass die Anhänger eines als Aufrührer hingerichteten Predigers um ihr eigenes Leben fürchteten.
Mut wäre in dieser Situation außergewöhnlich gewesen. Angst ist menschlich.
Diese Frage macht Historiker aufmerksam. Denn die Verleugnung stellt Petrus keineswegs in ein günstiges Licht. Hätte die frühe Kirche ihren führenden Apostel idealisieren wollen, wäre eine solche Geschichte kaum geeignet gewesen.
Viele Forscher sehen darin deshalb ein Beispiel für das sogenannte Kriterium der Peinlichkeit:
Überlieferungen, die der eigenen Sache eher schaden, werden meist nicht frei erfunden. Sie besitzen daher oft einen besonders hohen historischen Wert.
Das bedeutet nicht, dass jedes Detail wortwörtlich geschehen sein muss. Wohl aber, dass hinter der Erzählung wahrscheinlich ein reales Erinnerungsereignis steht.
Vielleicht liegt hier die eigentliche Größe des Petrus:
Kurz zuvor hatte er noch erklärt, er werde Jesus niemals verlassen. – Wenige Stunden später konnte er dieses Versprechen nicht mehr halten.
Gerade dadurch wirkt Petrus erstaunlich modern. Er erscheint nicht als überhöhter Heiliger, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut.
Vielleicht konnten sich gerade deshalb so viele Menschen später mit ihm identifizieren.
Über die Tage unmittelbar nach der Kreuzigung wissen wir erstaunlich wenig. Die Evangelien erzählen nur wenige Einzelheiten.
Historisch lässt sich kaum rekonstruieren, wo sich die Jünger aufhielten, wie sie miteinander sprachen oder welche Hoffnungen ihnen überhaupt noch geblieben waren.
Vieles spricht dafür, dass die kleine Gemeinschaft zunächst auseinanderfiel. – Nicht aus Feigheit, sondern weil ihr gemeinsamer Mittelpunkt plötzlich fehlte.
In solchen Augenblicken entscheidet sich häufig, ob eine Bewegung verschwindet oder einen neuen Anfang findet.
Hier beginnt die eigentliche historische Frage. Denn Petrus verschwand nicht, er kehrte zurück. – Irgendwann nach den Ereignissen von Golgatha übernahm ausgerechnet jener Mann, der kurz zuvor versagt hatte, wieder Verantwortung.
Er sammelte die verstreuten Jünger, er wurde zum Sprecher der entstehenden Jerusalemer Gemeinde, er gewann das Vertrauen jener Menschen zurück, die sein Versagen gekannt hatten. Dieser Wandel erscheint historisch bemerkenswert.
Denn Vertrauen wächst selten dort, wo Fehler verschwiegen werden. Vielmehr wächst er häufig dort, wo Menschen erleben, dass jemand an seinem eigenen Scheitern gereift ist.
Vielleicht erklärt gerade dies, warum Petrus später eine Autorität besaß, die sich nicht auf Unfehlbarkeit gründete, sondern auf Glaubwürdigkeit.
Für die spätere Kirche war Ostern der Sieg über den Tod. - Für den Historiker markiert Ostern zunächst einen anderen Wendepunkt:
Die Jesusbewegung begann erneut zu leben. Und im Mittelpunkt dieses Neubeginns stand ausgerechnet jener Mann, der wenige Tage zuvor glaubte, alles verloren zu haben. Damit beginnt der vielleicht wichtigste Abschnitt im Leben des Petrus.
Nicht mehr als Jünger. Sondern als derjenige, der aus einer verängstigten Gruppe wieder eine Gemeinschaft formte.