Stell Dir vor, Du stößt in einem Buch auf einen Text voller sinnlicher und teilweise unverkennbar erotischer Anspielungen auf Körper, Begehren und körperliche Nähe. Du liest Sätze wie:
„Mein Geliebter streckte seine Hand durch mein Loch...“
und begegnest einer Bildsprache voller Gärten, Quellen, Früchte und leidenschaftlicher Sehnsucht.
Was würdest Du vermuten, welche Art Buch Du gerade in den Händen hältst? - Vielleicht einen modernen Liebesroman? Vielleicht ein umstrittenes Werk erotischer Literatur? - Weit gefehlt:
Du liest in der Bibel.
Genauer gesagt: im Hohen Lied Salomos – einem Text, der über Jahrhunderte hinweg Theologen, Rabbiner und Kirchenvertreter gleichermaßen faszinierte und irritierte.
Doch bevor wir uns diesem bemerkenswerten Buch widmen, lohnt zunächst ein Blick auf seinen angeblichen Verfasser:
Der biblische König Salomo, Nachfolger Davids und Herrscher über das vereinigte Königreich Israel und Juda, soll grob gerechnet zwischen 970 und 930 v. Chr. gelebt haben.
Der biblischen Überlieferung zufolge herrschte er über ein mächtiges Reich, das sich vom Euphrat bis an die Grenze Ägyptens erstreckte. Er erscheint als idealer König – unermesslich reich, überaus weise und Schöpfer einer friedlichen goldenen Epoche. Seine größte Leistung war demnach der Bau des ersten Tempels in Jerusalem – des angeblichen irdischen Wohnsitzes Gottes.
Die moderne Geschichts- und Archäologiewissenschaft zeichnet allerdings ein deutlich nüchterneres Bild:
Historisch war Salomo kein Großkönig eines riesigen Imperiums, sondern eher lokaler Herrscher eines kleinen Bergstaates mit Zentrum Jerusalem. Die Vorstellungen von einem gewaltigen Weltreich gelten heute weitgehend als spätere theologische Überhöhungen.
Historiker gehen davon aus, dass Juda im 10. Jahrhundert v. Chr. vergleichsweise klein und wirtschaftlich eher bescheiden war. Auch Salomos legendärer Reichtum, seine Goldschätze oder spektakuläre Handelsbeziehungen gelten in der Forschung überwiegend als literarische Motive.
Und es gilt heute als weitgehend gesichert, dass Salomo nicht der tatsächliche Verfasser der ihm zugeschriebenen Bücher Sprüche, Prediger (Kohelet) und das Hohelied war. - Seine Nennung als Autor ist vielmehr ein klassisches Beispiel für sogenannte Pseudepigraphie – die Zuschreibung eines Werkes an eine berühmte Persönlichkeit, um ihm Weisheit, Autorität und Glanz zu verleihen.
Das Hohelied
Diese Sammlung erotischer Liebeslyrik wird von Sprachwissenschaftlern und Historikern ebenfalls überwiegend in die nachexilische Zeit – etwa ins 4. bis 3. Jahrhundert v. Chr. – datiert.
Salomo wird im Text zwar gelegentlich erwähnt, erscheint aber eher als literarische Chiffre für Pracht und Luxus.
Bemerkenswert ist dabei etwas anderes:
Das Hohelied ist eine Sammlung weltlicher Liebes- und Hochzeitslyrik des alten Orients, die die erotische Liebe, Sinnlichkeit und die gegenseitige Hingabe zweier Menschen feiert.
Und das fast völlig ohne religiöse Dogmen oder moralische Vorschriften.
Die Geistlichkeit hatte freilich stets ein Problem damit, einen so deutlich körperbezogenen erotischen Text im biblischen Kanon zu rechtfertigen. Deshalb wurde das Hohelied über Jahrhunderte allegorisch umgedeutet:
Die moderne Forschung löst sich jedoch weitgehend von diesen Deutungen.
Heute sieht die Mehrheit der Literaturwissenschaftler und Exegeten im Hohelied vor allem eine Sammlung weltlicher Liebeslyrik. Manche Theologen erkennen darin zugleich eine positive Würdigung menschlicher Liebe und Körperlichkeit.
Auffallend ist dabei eine Spannung innerhalb der Bibel selbst:
Gerade diese Spannung macht das Hohelied bis heute ungewöhnlich.
Dabei handelt es sich nicht um eine zusammenhängende Geschichte, sondern eher um lose miteinander verbundene Gedichte über Sehnsucht, Finden, Verlangen und Liebe.
Die Erotik wird durch eine komplexe Bildsprache aus Flora und Fauna des alten Orients ausgedrückt:
Gärten, Quellen, Weinberge oder Früchte waren für damalige Hörer oft eindeutige Sinnbilder für Schönheit, Geschlechtsmerkmale, Fruchtbarkeit und körperliche Anziehung: Erotischer Text in der blumigen Sprache des Orients
Eine weitere Besonderheit wirkt selbst heute noch erstaunlich modern:
Neugierig geworden?
Natürlich werde ich hier – schon aus Gründen gesetzlichen Jugendschutzes – keine vollständigen Passagen in moderner Sprache wiedergeben. Aber eine (Pornografie bereinigte) moderne Nacherzählung könnte ungefähr so klingen:
Eine vollständige Übersetzung in moderner erotischer Sprache wäre sicher ein spannendes Projekt. - Denn eines zeigt das Hohelied deutlich:
Es ist erstaunlich schwierig, die exklusive Anziehung zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig auf ein Podest heben, ihre Leidenschaft feiern und ihre Sehnsucht nacheinander ausdrücken, in Worte zu fassen, ohne zwischen Kitsch und Pornografie zu landen.
Vielleicht liegt gerade darin die zeitlose Stärke des Hohen Liedes...