Historiker können den Tod Jesu mit erstaunlicher Genauigkeit rekonstruieren. Auch über seine Verurteilung, die Kreuzigung und die politische Situation Jerusalems wissen wir heute vergleichsweise viel.
Unmittelbar danach jedoch beginnt eine der rätselhaftesten Phasen der gesamten Religionsgeschichte. Denn plötzlich geschieht etwas, das sich bis heute nur schwer erklären lässt:
Eine Bewegung, die eigentlich am Ende war, lebt wieder auf.
Wer menschliche Krisen kennt, weiß, dass große Gemeinschaften nach einem traumatischen Erlebnis selten sofort wieder handlungsfähig werden.
Genau das dürfte auch nach der Kreuzigung Jesu geschehen sein.
Die Evangelien berichten nur wenige Einzelheiten. Historisch wissen wir erstaunlich wenig.
Alles Weitere bleibt Vermutung. – Und dieses Schweigen der Quellen ist bemerkenswert.
Und dennoch steht am Ende eine Tatsache, über die sich nahezu alle Historiker einig sind. Die Bewegung existierte kurze Zeit später wieder. Und nicht nur das:
Zwischen Karfreitag und der Entstehung der Jerusalemer Urgemeinde muss sich also etwas ereignet haben, das stark genug war, den völligen Zusammenbruch in einen Neubeginn zu verwandeln.
Und dieses "Etwas" gehört bis heute zu den großen offenen Fragen der Forschung.
Der älteste erhaltene Hinweis stammt nicht aus den Evangelien. Er stammt von Paulus:
Im ersten Korintherbrief zitiert er ein Glaubensbekenntnis, das bereits wenige Jahre nach der Kreuzigung entstanden sein dürfte. Dort heißt es:
„… Christus erschien dem Kephas, danach den Zwölfen…“
Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Formel nicht selbst entwickelt. Er übernimmt eine bereits bestehende Tradition, die zeigt, dass Petrus offenbar sehr früh als erster Zeuge einer Erscheinung Jesu galt.
Mehr erfahren wir allerdings nicht. Paulus beschreibt weder den Ort, noch den Ablauf, noch den Inhalt dieser Erfahrung.
Hier beginnt der Bereich, in dem historische Forschung an ihre Grenzen stößt. Was genau Petrus erlebt hat, wissen wir nicht.
Historiker können weder bestätigen, dass Jesus tatsächlich erschien, noch ausschließen, dass Petrus eine außergewöhnliche Vision hatte. – Beides entzieht sich ihrer Methode
(Historische Forschung entscheidet nicht über
Wunder, sondern untersucht, welche Spuren der Glaube an Wunder in der Geschichte hinterlassen hat.)
Feststellen lässt sich lediglich, dass Petrus selbst offenbar überzeugt war, dem auferstandenen Jesus begegnet zu sein. Und diese Überzeugung hatte historische Folgen.
Doch selbst wenn Petrus eine außergewöhnliche religiöse Erfahrung machte, bleibt eine weitere Frage offen:
Eine einzelne Vision erklärt dies kaum. Viel wahrscheinlicher erscheint, dass mehrere Entwicklungen zusammenwirkten.
Gemeinsame Erinnerungen an Jesus. Die Hoffnung auf Gottes baldiges Eingreifen. Religiöse Erfahrungen weiterer Jünger. Gespräche. Gemeinsame Deutungen. Vielleicht auch gegenseitige Bestätigung außergewöhnlicher Erlebnisse.
Wie genau dieser Prozess verlief, wird sich vermutlich niemals rekonstruieren lassen.
Bemerkenswert ist, dass die Evangelien übereinstimmend Frauen, vor allem Maria Magdalena, als erste Zeuginnen des leeren Grabes nennen.
Für Historiker spricht dies eher für einen alten Traditionskern. Denn Frauen besaßen im damaligen Judentum vor Gericht nur eingeschränkte Zeugnisfähigkeit. Eine spätere Legende hätte wahrscheinlich
eher männliche Zeugen an die erste Stelle gesetzt.
Warum erwähnt Paulus sie dann nicht? Darüber wird bis heute diskutiert.
Möglicherweise zitiert er eine ältere Bekenntnisformel, die ausschließlich die maßgeblichen Leiter der entstehenden Gemeinde nennt. Vielleicht spiegeln sich darin aber auch die patriarchalen Strukturen seiner Zeit.
Eine sichere Antwort kennen wir nicht.
Vielleicht liegt der entscheidende historische Vorgang deshalb gar nicht in einer einzelnen Erscheinung, sondern in einem gemeinsamen Deutungsprozess.
Die Jünger begannen, das Scheitern Jesu neu zu verstehen. Die Kreuzigung verlor ihren Charakter als endgültige Niederlage. Sie erhielt einen neuen Sinn. Aus dem Ende wurde ein Anfang.
Diese neue Deutung könnte die eigentliche Geburtsstunde der Jesusbewegung gewesen sein. Nicht, weil alle dieselbe Vision gehabt hätten, sondern weil sie gemeinsam zu der Überzeugung gelangten, dass Gott trotz der Kreuzigung zu Jesus stand.
Wie auch immer dieser Prozess im Einzelnen verlief, am Ende tritt Simon Petrus wieder hervor.
Sondern als der Mann, der aus einer traumatisierten Gruppe erneut eine Gemeinschaft formt. Vielleicht war das seine große historische Leistung:
Er beantwortete nicht alle Fragen. Aber er gab den anderen den Mut, den gemeinsamen Weg fortzusetzen.