Die ersten Wochen nach der Kreuzigung Jesu gehören zu den am schwersten rekonstruierbaren Abschnitten der gesamten Christentumsgeschichte. Die Quellen berichten nur bruchstückhaft.
Zwischen beiden liegt eine Entwicklung, deren einzelne Schritte wir kaum noch erkennen können.
Eines aber steht außer Zweifel: Aus einer kleinen Gruppe verunsicherter Anhänger wurde innerhalb kurzer Zeit wieder eine handlungsfähige Gemeinschaft.
Und im Mittelpunkt dieser Entwicklung stand Simon Petrus.
Wer heute von der Jerusalemer Urgemeinde spricht, denkt leicht an eine organisierte Kirche. Doch davon konnte zunächst keine Rede sein, die Anhänger Jesu verstanden sich weiterhin als Juden.
Nichts deutet darauf hin, dass sie eine neue Religion gründen wollten. Sie waren überzeugt, dass Gott in Jesus gehandelt hatte. Nicht aber, dass Israel dadurch aufgehört hätte, Gottes Bundesvolk zu sein.
Die junge Bewegung verstand sich vielmehr als Teil des Judentums. Vielleicht hätte man sie damals am ehesten als eine messianische Reformbewegung innerhalb Israels beschrieben.
Die Apostelgeschichte zeichnet zunächst ein beeindruckendes Bild der Jerusalemer Urgemeinde:
Viele Gemeindemitglieder verkauften ihren Besitz und stellten den Erlös der Gemeinschaft zur Verfügung, damit niemand Not leiden musste. Das beschreibt das Ideal einer freiwilligen Gütergemeinschaft, die bis heute als Ausdruck außergewöhnlicher Solidarität gilt.
Doch unmittelbar nach dieser idealisierten Darstellung folgt eine Erzählung, die einen ganz anderen Eindruck vermittelt:
Ein Ehepaar – Hananias und Saphira – verkauft einen Acker, behält jedoch heimlich einen Teil des Erlöses zurück und übergibt der Gemeinde nur den Rest. Petrus wirft beiden vor, nicht Menschen, sondern den Heiligen Geist belogen zu haben. Kurz darauf brechen zunächst Hananias und wenig später auch Saphira tot zusammen.
Diese Szene gehört zu den rätselhaftesten und zugleich verstörendsten Episoden der Apostelgeschichte.
Auf den ersten Blick scheint Petrus selbst das Todesurteil über das Ehepaar auszusprechen. Tatsächlich schildert Lukas jedoch etwas anderes. Petrus spricht keine Strafe aus. Der Tod der beiden erscheint vielmehr als unmittelbares göttliches Gericht über ihre Täuschung der Gemeinschaft.
Gerade deshalb ist die historische Einordnung bis heute umstritten.
Viele neutestamentliche Historiker halten einen historischen Kern durchaus für möglich. Dafür spricht unter anderem das sogenannte Kriterium der Peinlichkeit: Kaum eine Gemeinde hätte freiwillig eine Geschichte erfunden, die ihre eigenen Anfänge in einem derart problematischen Licht erscheinen lässt.
Ebenso deutlich erkennen andere Forscher literarische Gestaltungselemente. Besonders auffällig sind die Parallelen zur alttestamentlichen Erzählung von Achan (Josua 7), der ebenfalls Eigentum zurückbehielt und dadurch nach biblischer Vorstellung die gesamte Gemeinschaft gefährdete. Lukas scheint diese ältere Tradition bewusst aufgenommen und auf die junge Gemeinde übertragen zu haben.
Deshalb gehen viele Exegeten heute davon aus, dass der Erzählung durchaus ein historischer Konflikt innerhalb der Jerusalemer Gemeinde zugrunde liegen könnte, Lukas ihn jedoch mit den stilistischen Mitteln alttestamentlicher Gerichtserzählungen ausgestaltet hat. Ob sich die Ereignisse tatsächlich so zugetragen haben, wie sie die Apostelgeschichte schildert, lässt sich mit den vorhandenen Quellen nicht mehr entscheiden.
Historisch lässt sich aus dieser Episode vor allem eines erkennen:
Die Jerusalemer Urgemeinde war keine ideale Gemeinschaft vollkommen harmonischer Menschen. Auch sie kannte Spannungen, Vertrauensbrüche und innere Konflikte. Eben deshalb benötigte sie Persönlichkeiten, die ihre Einheit bewahren konnten.
Und an dieser Stelle tritt Simon Petrus als ihr anerkannter Leiter immer deutlicher hervor.
Damit begegnet uns ein bemerkenswertes Phänomen: Petrus besitzt offenbar Autorität, ohne ein offizielles Amt zu bekleiden. Die späteren kirchlichen Titel existieren noch gar nicht.
Und dennoch orientieren sich die anderen an ihm.
Warum? Vielleicht, weil Führung in kleinen Gruppen anders entsteht als in großen Institutionen.
Petrus hatte dieses Vertrauen offenbar gewonnen.
Nicht deshalb, weil er niemals Fehler gemacht hätte. Sondern weil die anderen ihm zutrauten, die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Gerade in Krisenzeiten besitzen solche Persönlichkeiten oft größeren Einfluss als formale Autoritäten.
Sowohl die Evangelien als auch die Apostelgeschichte schildern Petrus immer wieder als denjenigen, der für die Gruppe spricht. Er beantwortet Fragen, ergreift das Wort, vertritt die Gemeinschaft nach außen.
Natürlich sind diese Darstellungen literarisch gestaltet.
Lukas schreibt mehrere Jahrzehnte später. Seine Reden geben kaum den genauen Wortlaut historischer Ansprachen wieder. Sie entsprechen vielmehr der antiken Geschichtsschreibung, die bedeutenden Persönlichkeiten programmatische Reden in den Mund legte.
Und dennoch dürfte sich dahinter ein historischer Kern verbergen. Denn auch Paulus, der keineswegs unkritisch über Petrus urteilt, begegnet ihm selbstverständlich als führender Persönlichkeit der Jerusalemer Gemeinde. – Und diese unabhängige Bestätigung verleiht dem Bild zusätzliches Gewicht.
Mit zunehmender Größe der Gemeinde verändert sich jedoch auch ihre Leitung. Neben Petrus gewinnt eine weitere Persönlichkeit immer größeren Einfluss:
Jakobus, der Bruder Jesu.
Während Petrus offenbar viel unterwegs war, blieb Jakobus überwiegend in Jerusalem. Er entwickelte sich zunehmend zum eigentlichen Leiter der dortigen Gemeinde. Historisch spricht vieles dafür, dass beide unterschiedliche Aufgaben wahrnahmen:
Von einem Konkurrenzverhältnis kann zunächst kaum die Rede sein. Vielmehr ergänzten sich beide. Diese Zusammenarbeit dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die junge Bewegung ihre ersten Jahre überstand.
Hier kehrt noch einmal die zentrale Frage dieses Bandes zurück: Warum akzeptierten die anderen ausgerechnet ihn?
Die Quellen geben darauf keine ausdrückliche Antwort. Doch sie erlauben einige Rückschlüsse:
Vor allem aber scheint er in der Lage gewesen zu sein, Menschen zusammenzuführen, die nach den Ereignissen von Golgatha leicht hätten auseinandergehen können.
Historisch betrachtet war dies vielleicht seine eigentliche Leistung:
Spätere Generationen suchten häufig nach einem einzigen Augenblick, in dem die Kirche entstanden sei. Nach einem Gründungsdatum, nach einem spektakulären Ereignis. Die Geschichte verläuft jedoch selten so eindeutig.
Wahrscheinlicher ist, dass die Jerusalemer Urgemeinde allmählich wuchs:
Aus einzelnen Erinnerungen entstand nach und nach eine gemeinsame Identität.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Geburtsstunde der späteren Kirche. Nicht in einem einzigen Wunder, sondern in dem langsamen Prozess, durch den aus einer Gruppe von Jüngern eine Gemeinschaft wurde.
Und in diesem Prozess begegnet uns Simon Petrus zum ersten Mal als das, was der Titel dieses Buches ankündigt: