Kaum ein Satz des Neuen Testaments hat die Geschichte der Christenheit nachhaltiger beeinflusst als die Worte, die das Matthäusevangelium Jesus in den Mund legt:
„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen. Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein; was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.“
https://www.youtube.com/watch?v=zmXiFMHzpgo
Für die römisch-katholische Kirche bildet diese Passage bis heute einen wichtigen Grundpfeiler ihres Petrus- und Papstverständnisses. - Historisch betrachtet wirft sie jedoch zunächst eine ganz andere Frage auf.
Hat Jesus diese Worte tatsächlich gesprochen?
An diesem Punkt beginnt die Quellenkritik. Denn die berühmte Felsenverheißung findet sich ausschließlich im Matthäusevangelium.
Das macht Historiker vorsichtig... Denn:
... wenn ein derart grundlegendes Wort Jesu tatsächlich seit Beginn der Jesusbewegung bekannt gewesen wäre, warum erwähnen es die älteren Quellen nicht?
Hinzu kommt ein weiterer Gesichtspunkt: Das Matthäusevangelium entstand erst in den achtziger Jahren des ersten Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt war Petrus längst tot. Auch Paulus war bereits hingerichtet.
Die junge Kirche hatte sich inzwischen über weite Teile des Römischen Reiches ausgebreitet. Sie benötigte Orientierung. Leitungsstrukturen. Und eine Erinnerung daran, wer in der ersten Generation Verantwortung getragen hatte.
In einer solchen Situation erhält eine Aussage wie „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen“ eine neue Bedeutung:
Bedeutet das, dass die gesamte Szene erfunden wurde? So einfach ist es nicht. Historiker unterscheiden hier sorgfältig zwischen Ereignis und Ausgestaltung.
Dass Jesus Simon den aramäischen Beinamen Kephas – Fels – verlieh, halten viele Forscher durchaus für historisch wahrscheinlich. Dafür spricht vor allem, dass bereits Paulus, unsere älteste Quelle, Petrus fast selbstverständlich Kephas nennt. – Der Beiname muss also sehr früh entstanden sein.
Offen bleibt allerdings, welche Bedeutung Jesus ursprünglich mit diesem Namen verband.
Die Quellen geben darauf keine eindeutige Antwort.
Vielleicht liegt die eigentliche Erklärung deshalb weniger in einem einzelnen Satz Jesu als in der späteren Erinnerung der Gemeinde.
Als der Verfasser des Matthäus-Evangeliums seinen Text schrieb, war längst bekannt, welche Rolle Petrus nach Ostern gespielt hatte: Er hatte die verstreuten Jünger gesammelt. Er war zum Sprecher der Jerusalemer Urgemeinde geworden. – Selbst Paulus erkannte seine führende Stellung ausdrücklich an.
Vor diesem historischen Hintergrund erscheint die Felsenverheißung plötzlich in einem neuen Licht: Vielleicht wollte Matthäus nicht in erster Linie beschreiben, wie Petrus zu seiner Autorität gelangte.
Vielleicht wollte er erklären, warum die Kirche sich an ihn erinnerte.
Ähnlich verhält es sich mit den berühmten Schlüsseln. In der späteren Kunst wurden sie zum Erkennungszeichen des Petrus. Sie symbolisieren bis heute seine besondere Stellung.
Im jüdischen Sprachgebrauch des ersten Jahrhunderts besaßen Schlüssel jedoch eine andere Bedeutung:
Auch die Formulierung vom „Binden und Lösen“ stammt aus der damaligen rabbinischen Sprache.
Sie bezeichnete das Recht, religiöse Fragen verbindlich zu entscheiden. Vor diesem Hintergrund wirkt die Passage weit weniger geheimnisvoll, als spätere Generationen oft annahmen.
An dieser Stelle stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob Petrus damit bereits zum ersten Papst geworden sei.
Historisch lautet die Antwort eher zurückhaltend. Das Papstamt, wie wir es heute kennen, existierte im ersten Jahrhundert noch nicht.
Es gab weder eine zentral organisierte Kirche noch eine weltweit anerkannte Leitungsstruktur.
Petrus war zweifellos eine herausragende Persönlichkeit. Doch seine Autorität beruhte auf persönlichem Ansehen, nicht auf einem institutionellen Amt.
Der Gedanke einer ununterbrochenen Reihe von Bischöfen von Rom, die ihre Vollmacht unmittelbar von Petrus ableiten, entwickelte sich erst über viele Generationen hinweg. Er gehört deshalb bereits in die Geschichte der entstehenden Kirche, nicht mehr in die Lebensgeschichte des historischen Petrus.
Matthäus 16 besitzt bis heute eine besondere historische Bedeutung. Nicht weil der Wortlaut auf Jesus selbst zurückgeht, sondern weil die Passage zeigt, wie die Kirche gegen Ende des ersten Jahrhunderts ihren eigenen Ursprung verstand.
Petrus erscheint hier nicht mehr nur als der galiläische Fischer. Nicht mehr nur als der Sprecher der Zwölf. Sondern als Symbol für Beständigkeit, Zusammenhalt und Kontinuität. – Vielleicht beschreibt Matthäus damit weniger den Anfang der Geschichte, als ihr erstes historisches Fazit.