Mit der Entstehung der Jerusalemer Urgemeinde begann für Simon Petrus eine neue Aufgabe: Bis dahin war er vor allem Jünger Jesu gewesen. Nun wurde er zum Leiter einer Bewegung, deren Zukunft völlig offen war.
Dadurch unterschied sich seine Situation grundlegend von der des Paulus. Paulus entwickelte neue Gedanken. Petrus musste Gemeinschaft erhalten. Seine größte Herausforderung bestand deshalb nicht darin, Theologien zu entwerfen, sondern Menschen zusammenzuhalten, die immer unterschiedlicher wurden.
Die Jesusbewegung war zunächst eine ausschließlich jüdische Gemeinschaft.
Niemand dachte daran, eine neue Religion zu gründen. Doch mit der Ausbreitung der Bewegung änderte sich die Situation.
Immer häufiger interessierten sich Menschen für die Botschaft Jesu, die keine Juden waren.
Damit stellte sich eine Frage, auf die Jesus selbst nie ausdrücklich hatte antworten müssen:
„Kann ein Nichtjude zur Gemeinschaft gehören, ohne zuvor Jude zu werden?“
Es war dieselbe Frage, die später auch Paulus beschäftigen sollte. Doch lange bevor Paulus zum bedeutendsten Missionar der Heiden wurde, musste Petrus sich ihr stellen.
Die Apostelgeschichte erzählt an dieser Stelle eine eindrucksvolle Geschichte:
Petrus sieht in einer Vision ein Tuch voller Tiere, die nach jüdischem Gesetz als unrein gelten. Eine Stimme fordert ihn auf, zu essen. – Petrus weigert sich zunächst.
Dann begegnet er dem römischen Hauptmann Kornelius, einem Nichtjuden. Schließlich erkennt er, dass Gott offenbar keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden macht.
Historisch lässt sich diese Episode kaum überprüfen. Viele Forscher verstehen sie deshalb weniger als einen Tatsachenbericht, sondern als eine theologische Erzählung:
Lukas möchte erklären, warum sich die Jesusbewegung schließlich auch für Nichtjuden öffnete. - Deshalb lässt er Petrus selbst diesen entscheidenden Schritt vollziehen.
Ob sich die Ereignisse genau so abgespielt haben, wissen wir nicht. Historisch erscheint jedoch durchaus plausibel, dass Petrus zu den ersten gehörte, die Kontakte zu nichtjüdischen Gottesfürchtigen aufnahmen. Dabei ging es keineswegs um einen radikalen Bruch mit dem Judentum.
Petrus blieb sein Leben lang Jude. Er hielt an seiner religiösen Herkunft fest. Gleichzeitig begann er offenbar zu erkennen, dass Gottes Wirken möglicherweise größer war, als die bisherigen Grenzen Israels.
Gerade hierin unterschied er sich sowohl von Jakobus als auch von Paulus.
Vielleicht machte ihn das zum wichtigsten Vermittler der ersten Generation.
Als Paulus Jahre später nach Jerusalem kam, war die Frage nicht mehr theoretisch. – In seinen Gemeinden lebten inzwischen zahlreiche Heidenchristen, die weder beschnitten waren noch die gesamte Tora befolgten.
Die Jerusalemer Gemeinde musste entscheiden, ob sie diese Entwicklung akzeptieren konnte.
Das sogenannte Apostelkonzil gehört deshalb zu den entscheidenden Ereignissen der frühen Christentumsgeschichte. Bemerkenswert ist, welche Rolle Petrus dabei spielt:
Nach der Darstellung der Apostelgeschichte ist er es, der die Versammlung daran erinnert, dass Gott bereits zuvor auch Nichtjuden angenommen habe. – Er unterstützt damit grundsätzlich die Richtung, die Paulus eingeschlagen hatte. Gleichzeitig sucht er keinen vollständigen Bruch mit der jüdischen Tradition.
Die Versammlung endet deshalb nicht mit einem Sieg einer Partei, sondern mit einem Kompromiss:
Heiden müssen sich nicht beschneiden lassen. Sie sollen jedoch Rücksicht auf die religiösen Empfindungen ihrer jüdischen Glaubensgeschwister nehmen.
Historisch dürfte dieser Ausgleich wesentlich zum Fortbestand der jungen Bewegung beigetragen haben.
Doch Kompromisse sind nur so stabil, wie die Menschen, die sie tragen. Kurz nach dem Konzil zeigt sich, wie schwierig ihre Umsetzung war:
In Antiochia, der bedeutendsten Gemeinde außerhalb Jerusalems, isst Petrus zunächst selbstverständlich mit Heidenchristen. Als jedoch Christen aus dem Umfeld des Jakobus eintreffen, zieht er sich zurück.
Paulus reagiert empört: Im Galaterbrief beschreibt er, wie er Petrus öffentlich widerspricht.
Dieser sogenannte Antiochien-Konflikt gehört zu den wenigen Ereignissen, die wir sowohl historisch gut greifen können als auch unmittelbar aus der Feder eines Beteiligten kennen. Aus diesem Grund besitzt er außergewöhnlichen Quellenwert.
Spätere Ausleger haben Petrus häufig mangelnde Konsequenz vorgeworfen. Historisch erscheint dieses Urteil jedoch vorschnell. Petrus versuchte offenbar, zwei Gruppen zusammenzuhalten, deren religiöse Vorstellungen immer weiter auseinanderdrifteten.
Für Paulus war die gemeinsame Tischgemeinschaft Ausdruck des Evangeliums selbst. Für viele Judenchristen blieb sie ein schwerwiegendes Problem. Petrus bewegte sich zwischen beiden Positionen.
Gerade dadurch wirkte sein Verhalten manchmal widersprüchlich. Vielleicht war es jedoch genau diese Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, die ihn zum eigentlichen Brückenbauer machte.
Nicht jeder Vermittler erscheint seinen Zeitgenossen konsequent. Oft wirkt er gerade deshalb unentschlossen, weil er beide Seiten versteht.
Während Paulus in seinen Briefen leidenschaftlich argumentiert und Jakobus die Jerusalemer Gemeinde organisiert, tritt Petrus in den Quellen zunehmend in den Hintergrund.
Seine historische Bedeutung nimmt dadurch keineswegs ab. Im Gegenteil. – Vielleicht liegt seine eigentliche Leistung gerade darin, dass er keine neue Theologie entwickelte, sondern verhinderte, dass die junge Bewegung in ihren ersten Jahrzehnten endgültig zerbrach.
Ohne Integrationsfiguren überleben Gemeinschaften selten. Petrus scheint eine solche Integrationsfigur gewesen zu sein. Und vielleicht erklärt dies, warum die spätere Kirche ihn nicht als den größten Denker, sondern als ihren Felsen in Erinnerung behielt.