Je näher wir dem Ende des Lebens des Petrus kommen, desto leiser werden die historischen Quellen. Nach dem Apostelkonzil und dem Konflikt von Antiochia tritt Petrus zunehmend aus dem Blickfeld der Geschichte.
Die Apostelgeschichte erzählt noch einige Episoden aus seinem Wirken. Dann richtet sie ihre Aufmerksamkeit fast vollständig auf Paulus. Auch die Briefe des Paulus erwähnen Petrus später kaum noch.
Für Historiker beginnt hier ein Bereich, in dem Vermutungen allmählich die Stelle gesicherter Erkenntnisse einnehmen. Gerade deshalb ist Zurückhaltung geboten. Denn je lückenhafter die Quellen werden, desto schneller entstehen Legenden.
Seit den ersten Jahrhunderten gehört der Aufenthalt des Petrus in Rom zu den festen Überzeugungen der christlichen Tradition. Merkwürdigerweise schweigt jedoch das Neue Testament darüber!
Kein Evangelium berichtet davon. Auch die Apostelgeschichte endet, ohne Petrus nach Rom zu führen. Selbst Paulus, der mehrere Jahre in Rom verbrachte, erwähnt Petrus im Römerbrief mit keinem Wort.
Dieses Schweigen hat Historiker immer wieder beschäftigt. Es bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass Petrus niemals in Rom gewesen sei. Es zeigt lediglich, dass die ältesten Quellen darüber nichts Sicheres berichten.
Erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts begegnet uns eine neue Spur: Der Erste Clemensbrief, wahrscheinlich um das Jahr 95 n. Chr. in Rom verfasst, nennt Petrus als vorbildlichen Märtyrer. – Wenig später erwähnt auch Ignatius von Antiochia die besondere Bedeutung der römischen Gemeinde, ohne allerdings ausdrücklich von einem Petrusamt zu sprechen.
Im zweiten Jahrhundert verdichten sich schließlich die Hinweise:
dass Petrus und Paulus in Rom den Märtyrertod erlitten hätten. Keine dieser Quellen stammt aus der Zeit des Petrus selbst. Dennoch besitzen sie historischen Wert.
Sie zeigen, dass sich bereits sehr früh eine stabile Erinnerungstradition entwickelt hatte. Deshalb halten viele Historiker einen Aufenthalt des Petrus in Rom heute durchaus für wahrscheinlich, auch wenn ein Beweis fehlt.
Nach kirchlicher Überlieferung wurde Petrus während der Christenverfolgung unter Kaiser Nero, wahrscheinlich zwischen den Jahren 64 und 67 n. Chr., hingerichtet.
Spätere Legenden berichten, er habe darum gebeten, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt zu werden, weil er sich nicht würdig gefühlt habe, wie Jesus zu sterben.
Historisch lässt sich diese Einzelheit nicht überprüfen. Sie erscheint erst in deutlich späteren Quellen.
Dass Petrus als Märtyrer starb, gilt dagegen vielen Forschern als durchaus plausibel. – Nicht weil alle Einzelheiten sicher wären, sondern weil mehrere voneinander unabhängige Traditionen in dieselbe Richtung weisen.
Mehr lässt sich mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft kaum sagen.
Seit Jahrhunderten verehren Pilger den Petersdom in Rom als Grabeskirche des Apostels. Archäologische Ausgrabungen unter der heutigen Basilika brachten tatsächlich eine frühchristliche Gedenkstätte ans Licht, die bereits im zweiten Jahrhundert intensiv verehrt wurde.
Ob sich dort tatsächlich die sterblichen Überreste des Petrus befinden, wird sich vermutlich niemals endgültig klären lassen. Historisch wichtiger ist ohnehin eine andere Beobachtung:
Bereits die frühe Gemeinde in Rom war offenbar überzeugt, dass Petrus mit ihrer Geschichte eng verbunden war. Und diese Überzeugung verlieh der römischen Kirche später erhebliches Ansehen.
Hier berühren wir schließlich die bekanntesten Fragen der Kirchengeschichte:
Die monarchische Gestalt des Bischofsamtes entwickelte sich erst gegen Ende des ersten und vor allem im zweiten Jahrhundert. – Von einem Papsttum, wie wir es heute kennen, kann im Leben des Petrus daher keine Rede sein.
Das bedeutet keineswegs, dass die spätere Tradition wertlos wäre. Sie erzählt jedoch bereits die Geschichte der entstehenden Kirche, nicht mehr die Geschichte des historischen Simon Petrus. – Diese Unterscheidung gehört zu den wichtigsten Ergebnissen moderner historisch-kritischer Forschung.
Wenn wir alle späteren Legenden, kirchenpolitischen Entwicklungen und theologischen Deutungen einmal beiseitelassen, bleibt eine historische Persönlichkeit von bemerkenswerter Bedeutung:
Und dennoch nimmt Petrus eine einzigartige Stellung ein.
Und dadurch schuf er jenes Vertrauen, ohne das weder Jakobus noch Paulus ihre jeweilige Aufgabe hätten erfüllen können.
Vielleicht liegt hierin seine eigentliche historische Größe:
Nicht im Aufbau eines Amtes. Sondern im Aufbau einer Gemeinschaft.
Am Anfang dieser Reihe stand eine einfache Frage: Wer war Simon Petrus? Die Antwort fällt nüchterner aus, als viele kirchliche Traditionen erwarten. Und zugleich beeindruckender.
Petrus war weder ein unfehlbarer Heiliger noch der erste Papst im späteren Sinn. Er war ein galiläischer Fischer, der Jesus vertraute, an ihm scheiterte, neu begann und schließlich zum anerkannten Leiter der ersten Jesusgemeinde wurde.
Deshalb stehen beide bis heute nebeneinander. Nicht als Gegenspieler, sondern als zwei Persönlichkeiten, deren unterschiedliche Begabungen sich ergänzten.
Vielleicht erklärt gerade dieses Zusammenspiel, warum die christliche Überlieferung beide Apostel bis heute gemeinsam ehrt.
Nicht, weil sie einander immer zustimmten. Sondern weil sie gemeinsam an einer Entwicklung beteiligt waren, deren Tragweite keiner von beiden überblicken konnte.
Der galiläische Fischer, der jüdische Schriftgelehrte und der Wanderprediger aus Nazareth – erst ihr Zusammenwirken machte jene Geschichte möglich, die wir heute Christentum nennen.