Vor etwa zweitausend Jahren zog ein jüdischer Wanderprediger durch die Dörfer und Kleinstädte Galiläas. Er heilte Kranke, erzählte Gleichnisse, kritisierte die religiöse Elite seiner Zeit und verkündete mit eindringlicher Leidenschaft das nahe bevorstehende Reich Gottes. Seine Botschaft war einfach und radikal zugleich: Gott werde schon bald seine Herrschaft aufrichten, die bestehende Weltordnung umkehren und Gerechtigkeit schaffen. Arme würden erhöht, Mächtige gestürzt und Israel erneuert werden.
Dieser Wanderprediger hieß Jesus von Nazareth.
Nach heutiger historischer Forschung hat Jesus niemals beabsichtigt, eine neue Religion zu gründen. Er verstand sich als Jude und wandte sich ausschließlich an Juden. Seine Anhänger bildeten zunächst keine Kirche, sondern eine innerjüdische Reformbewegung. Auch nach seiner Hinrichtung am Kreuz gingen sie weiterhin in den Tempel, hielten den Sabbat ein und befolgten die Gebote der Tora. Sie erwarteten nichts anderes als die unmittelbar bevorstehende Vollendung der Geschichte durch Gott.
Dass aus dieser kleinen jüdischen Endzeitbewegung schließlich eine Weltreligion entstand, ist deshalb eine der erstaunlichsten Entwicklungen der Religionsgeschichte. - Noch erstaunlicher ist allerdings, wem diese Entwicklung hauptsächlich zu verdanken ist.
Nicht Petrus – Nicht Jakobus, dem Bruder Jesu – Nicht Johannes – Und auch nicht Jesus selbst.
Der entscheidende Architekt des Christentums war ein Mann, der Jesus vermutlich niemals persönlich begegnet ist. Ein Mann, der dessen Anhänger zunächst erbittert bekämpfte. Ein Mann, dessen eigenes
theologisches Denken das Christentum nachhaltiger prägte als die überlieferten Worte Jesu.
Dieser Mann hieß Sha'ul von Tarsus – besser bekannt unter seinem römischen Namen Paulus.
Kaum eine Gestalt der Antike hat die Geschichte Europas, des Nahen Ostens und schließlich der gesamten westlichen Welt stärker beeinflusst als dieser jüdische Diasporagelehrte. Seine Briefe sind die ältesten Schriften des Neuen Testaments. Seine Gedanken über Kreuz, Auferstehung, Erlösung, Gnade und Glauben bilden bis heute das Fundament nahezu aller christlichen Konfessionen.
Ohne Paulus gäbe es vermutlich keine katholische Kirche, keine orthodoxen Kirchen, keine evangelische Reformation und auch keinen Großteil der christlichen Dogmatik.
Diese Feststellung bedeutet allerdings nicht, dass Paulus das Christentum aus dem Nichts erschuf. Die Jesusbewegung existierte bereits vor ihm. Doch sie war klein, regional begrenzt und fest im Judentum verwurzelt. Erst Paulus verlieh ihr jene theologische Gestalt, die sie über die Grenzen Israels hinaus verständlich und attraktiv machte. Er veränderte die Blickrichtung der Bewegung grundlegend.
Diese Verschiebung erscheint auf den ersten Blick unscheinbar. Tatsächlich markiert sie jedoch einen der tiefgreifendsten theologischen Umbrüche der Weltgeschichte. Aus der Verkündigung eines jüdischen Wanderpredigers entstand innerhalb weniger Jahrzehnte eine Religion, deren Mittelpunkt nicht mehr das nahe Gottesreich, sondern die Person Jesus selbst war.
Ob Paulus damit die eigentliche Botschaft Jesu weiterentwickelte oder grundlegend veränderte, wird bis heute kontrovers diskutiert. Historiker, Theologen und Religionswissenschaftler vertreten hierzu unterschiedliche Positionen. Über eines besteht jedoch weitgehend Einigkeit:
Ohne Paulus hätte sich die Geschichte der Jesusbewegung völlig anders entwickelt. Und gerade deshalb lohnt es sich, diesen außergewöhnlichen Menschen näher kennenzulernen:
Wer diese Fragen beantwortet, versteht nicht nur Paulus besser. – Er versteht auch, warum das heutige Christentum in vieler Hinsicht eher paulinisch als jesuanisch geprägt ist.
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