Wir bringen Licht ins Dunkel
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biblischer „Dirty Talk“

Werfen wir einen Blick auf Hesekiel 23. Was der Prophet dort über die beiden Schwestern Ohola und Oholiba schreibt, gehört zu den sexuell explizitesten Passagen der gesamten Bibel. Die Sprache ist drastisch, die Bilder sind provokant, und manche Formulierungen würden außerhalb eines religiösen Kontextes heute wohl eher in einem erotischen Roman vermutet als in einer Heiligen Schrift:

Doch wer den Text als Predigt gegen ein ausschweifendes Sexualleben liest, missversteht ihn.

Zunächst überrascht die Schärfe der Sprache. Denn die Gesellschaft des Alten Orients war keineswegs prüde. Sexualität galt nicht grundsätzlich als etwas Verwerfliches. Der eigentliche Vorwurf des Propheten richtet sich daher nicht gegen Sex als solchen, sondern gegen (eheliche) Untreue.

 

Und hier beginnt das Problem moderner Leser: Die Ehe war in der antiken israelitischen Gesellschaft kein romantisches Bündnis zweier gleichberechtigter Individuen. Sie war vor allem eine rechtliche und wirtschaftliche Institution. Die Ehefrau stand unter der Autorität ihres Mannes, und ihre Sexualität war exklusiv an ihn gebunden. Das diente insbesondere der Sicherung legitimer Abstammung und Erbfolge.

 

Seit dem Propheten Hosea wurde auch die Beziehung zwischen Gott und Israel mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Israel war die Ehefrau, JHWH der Ehemann. Wer fremde Götter verehrte oder politische Bündnisse mit fremden Mächten einging, wurde daher symbolisch als Ehebrecherin dargestellt.

 

Genau dieses Bild treibt Hesekiel auf die Spitze.

 

Die beiden Schwestern Ohola und Oholiba stehen für Samaria und Jerusalem. Sie werden als Frauen beschrieben, die sich immer neuen Liebhabern hingeben. Die Assyrer erscheinen als attraktive junge Reiter und Krieger. Die Babylonier werden als prachtvoll gekleidete Männer geschildert, deren Bilder allein schon Begierde auslösen. Besonders auffällig ist dabei, dass die sexuelle Fantasie bereits beim Anblick von Bildern beginnt. Die Frauen begehren zunächst nicht reale Männer, sondern deren idealisierte Darstellungen.

 

Für moderne Leser wirkt das erstaunlich aktuell. Die Macht von Bildern, Projektionen und Fantasien ist kein Phänomen des Internetzeitalters. Hesekiel beschreibt sie bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden.

 

Warum aber verwendet der Prophet eine derart drastische Sprache?

 

Die Antwort liegt in der historischen Situation. Hesekiel wirkte während des babylonischen Exils. Jerusalem war zerstört, der Tempel lag in Trümmern, und viele Judäer fragten sich, ob die Götter Babylons nicht stärker seien als JHWH.

 

Für die damalige Vorstellungswelt war das eine theologische Katastrophe. Wenn Jerusalem gefallen war, schien dies zu beweisen, dass Marduk über JHWH triumphiert hatte.

 

Gegen diese Schlussfolgerung richtet sich Hesekiels Botschaft.

 

Nicht Marduk habe Jerusalem besiegt, erklärt der Prophet. Vielmehr habe JHWH selbst seine Stadt vernichtet. Die Katastrophe sei kein Zeichen göttlicher Schwäche, sondern Ausdruck göttlichen Gerichts. Israel habe seinen Gott durch Götzendienst und politische Bündnisse mit fremden Mächten verraten und müsse deshalb die Folgen tragen.

 

Die drastischen sexuellen Bilder dienen diesem theologischen Zweck. Die öffentliche Entblößung der Frauen, ihre Erniedrigung und Bestrafung sollen die völlige Schande Israels symbolisieren. Im Denken der damaligen Ehr- und Schamkultur war dies eine besonders wirkungsvolle Metapher.

 

Damit wird auch deutlich, warum Hesekiel 23 heute kontrovers diskutiert wird.

 

Der Text sagt wenig über reale weibliche Sexualität aus. Er sagt jedoch sehr viel über die patriarchalen Vorstellungen seiner Zeit. Weibliche Sexualität wird als Bildträger für Verrat, Schande und Kontrollverlust benutzt. Die Frauenfiguren besitzen keine eigene Stimme; sie dienen als Projektionsfläche für politische und religiöse Konflikte.

 

Wer in Hesekiel 23 eine biblische Verurteilung von Promiskuität, Hypersexualität oder einem ausschweifenden Liebesleben erkennen möchte, geht daher am Kern des Textes vorbei.

 

Es handelt sich nicht um Sexualmoral, sondern um politische Theologie. Hesekiel nutzt die Vorstellungen seiner Zeit von Ehre, Scham, Ehe und weiblicher Unterordnung, um eine Botschaft zu vermitteln: JHWH ist nicht der Verlierer der Geschichte, sondern ihr souveräner Lenker.

 

Dass diese Botschaft in einer Sprache formuliert wird, die selbst viele moderne Gläubige als anstößig empfinden würden, macht Hesekiel 23 bis heute zu einem der bemerkenswertesten und zugleich problematischsten Kapitel der Bibel.

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11. Juni 2026

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04.06.2026

28.05.2026

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am 01.01.2025

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