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2. Saulus oder Paulus?

Ein Name – zwei Kulturen

Zumindest noch für meine Generation sind nur wenige Redewendungen im deutschen Sprachraum bekannter als jene, jemand sei „vom Saulus zum Paulus geworden“. Gemeint ist damit eine radikale innere Wandlung – ein Mensch, der seine Überzeugungen vollständig geändert hat. – So geläufig diese Redensart ist, historisch führt sie in die Irre.

 

Denn Paulus erhielt nach seiner Vision vor Damaskus keineswegs einen neuen Namen.

 

Die Bibel berichtet an keiner Stelle von einer göttlichen Umbenennung, wie sie etwa bei Abram, der zu Abraham wird, oder bei Simon, der von Jesus den Namen Petrus erhält, geschildert wird. Ein solcher symbolischer Namenswechsel findet bei Paulus nicht statt. Vielmehr trägt derselbe Mensch von Anfang an zwei Namen.

 

Sein jüdischer Name lautet Sha'ul – griechisch Saulos, deutsch Saulus. Er erinnert bewusst an König Saul, den ersten König Israels und ebenfalls Angehörigen des Stammes Benjamin. Dass Paulus selbst später mehrfach betont, aus eben diesem Stamm zu stammen, dürfte kaum Zufall sein.

 

Daneben besitzt er einen zweiten Namen: Paulus. – Dieser Name ist lateinischen Ursprungs und bedeutet schlicht „der Kleine“. Er war im gesamten Römischen Reich weit verbreitet und eignete sich hervorragend für den Umgang mit der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft.

Für Juden der Diaspora war eine solche Doppelnamigkeit nichts Außergewöhnliches. Wer außerhalb Judäas lebte, bewegte sich täglich zwischen zwei Kulturen.

  • In der Synagoge sprach man Hebräisch oder Aramäisch.
  • Im Geschäftsleben Griechisch.
  • Vor römischen Behörden Latein.

Viele Juden besaßen deshalb einen traditionellen jüdischen Namen und daneben einen griechischen oder römischen Alltagsnamen. Darin spiegelte sich keine gespaltene Identität, sondern die Fähigkeit, sich in mehreren kulturellen Welten sicher zu bewegen.

 

Auch Paulus war ein solcher Grenzgänger. – Die Apostelgeschichte bringt diesen Sachverhalt bemerkenswert nüchtern zum Ausdruck. In Kapitel 13 heißt es lediglich: „Saulus aber, der auch Paulus heißt …"

  • Mehr geschieht nicht.
  • Keine göttliche Stimme.
  • Kein feierlicher Namenswechsel.
  • Kein symbolischer Akt.

Von diesem Punkt an verwendet der Verfasser der Apostelgeschichte fast ausschließlich den römischen Namen. Nicht, weil sich Paulus verändert hätte, sondern weil die Handlung nun überwiegend außerhalb des jüdischen Kernlandes spielt. Für die Leser im griechisch-römischen Kulturraum war „Paulus“ schlicht der vertrautere Name.

 

Dass aus diesem unspektakulären Wechsel später die Vorstellung einer vollständigen Umbenennung entstand, gehört zu den vielen kleinen Legenden, die sich im Laufe der Kirchengeschichte verselbständigten.

Zwei Namen – zwei Welten

Die beiden Namen stehen jedoch symbolisch für etwas sehr Reales: Sie verweisen auf die zwei Welten, in denen Paulus gleichzeitig zuhause war.

 

Einerseits war er Jude durch und durch.

 

Er bezeichnet sich selbst als „Hebräer von Hebräern“, als Angehöriger des Stammes Benjamin und als Pharisäer. Seine gesamte Gedankenwelt war von den heiligen Schriften Israels geprägt. Die Hoffnung auf den kommenden Messias, die Auferstehung der Toten und die Herrschaft Gottes bestimmten sein religiöses Denken lange bevor er Jesus als den auferstandenen Christus verkündigte.

 

Andererseits war Paulus ebenso ein Kind der hellenistischen Welt.

 

Er schrieb fließend Griechisch. Er argumentierte mit der Logik griechischer Rhetorik. Er bewegte sich selbstverständlich durch die Städte des Römischen Reiches. Er verstand die Denkweise seiner nichtjüdischen Zuhörer besser als wahrscheinlich jeder andere führende Vertreter der frühen Jesusbewegung.

 

Gerade diese doppelte Sozialisation sollte später zu seinem größten Vorteil werden.

 

Die ursprünglichen Jünger Jesu waren galiläische Fischer, Handwerker und Bauern. Sie kannten die Lebenswelt Jerusalems und Galiläas. - Paulus hingegen verstand zusätzlich die Mentalität der großen Hafen- und Handelsstädte Kleinasiens, Syriens und Griechenlands. Er wusste, wie Menschen dachten, die niemals in einer jüdischen Familie aufgewachsen waren.

 

Damit besaß er eine Fähigkeit, die kaum zu überschätzen ist: Er konnte eine ursprünglich jüdische Botschaft so formulieren, dass sie auch Griechen und Römer nachvollziehen konnten.

Der ideale Vermittler

Rückblickend erscheint diese Doppelidentität fast wie eine historische Ironie:

 

Gerade jener Mann, der die Jesusbewegung zunächst bekämpfte, verfügte über genau jene Voraussetzungen, die notwendig waren, um sie weit über die Grenzen Israels hinauszutragen.

  • Er beherrschte die Sprache der Synagogen ebenso wie die Sprache der Marktplätze.
  • Er kannte die Denkweise der Pharisäer ebenso wie die philosophischen Debatten der hellenistischen Städte.
  • Er konnte mit Rabbinern diskutieren und gleichzeitig mit Kaufleuten, Handwerkern oder römischen Beamten verkehren.

Kurz gesagt:

 

Paulus war kein Fremder, der zwischen zwei Kulturen pendelte. - Er war in beiden Welten zuhause.

 

Diese außergewöhnliche Doppelkompetenz erklärt einen erheblichen Teil seines späteren Erfolges. Sie erklärt aber noch nicht, wie ein strenggläubiger jüdischer Pharisäer zu einem der einflussreichsten Denker der Religionsgeschichte werden konnte. - Um das zu verstehen, müssen wir zunächst an den Ort zurückkehren, an dem alles begann.

 

Nach Tarsus.

 

Dort wuchs der junge Sha'ul auf – in einer Stadt, die ihm schon früh zeigte, dass man gleichzeitig überzeugter Jude und gebildeter Bürger einer kosmopolitischen Welt sein konnte.

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letzte Updates:

07. September 2026

Zugegeben: Diese Kapitalismus-Kritik ist der längste Aufsatz, den ich in den letzten 15 Jahren geschrieben habe. - Und ich weiß, dass allein die Länge des Textes die meisten potenziellen Leser*innen abschreckt.
Gleichzeitig ist es aber für mich auch die wichtigste Arbeit, die ich in den letzten 15 Jahren geschrieben habe. - Und vielleicht liest die/der Eine oder Andere sie darum trotz ihrer Länge. 

Und vielleicht lohnt sich das Lesen schon deshalb, weil der Aufsatz nach meinem Gefühl zuumindest teilweise überraschend und nicht allzu langweilig ist.

06.09.2026

03.09.2026

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am 01.01.2025

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