Es gibt Ereignisse der Weltgeschichte, deren Folgen unbestreitbar sind, obwohl wir ihren eigentlichen Ablauf niemals mehr rekonstruieren können.
Konstantins Vision vor der Milvischen Brücke gehört dazu, und auch das Erlebnis, das Paulus irgendwo auf dem Weg nach Damaskus hatte.
Kaum ein anderes Ereignis hat die Geschichte des Christentums nachhaltiger beeinflusst. Und kaum eines entzieht sich der historischen Forschung so hartnäckig. Wir wissen nämlich erstaunlich wenig. Eigentlich wissen wir nur eines mit Sicherheit:
Danach war nichts mehr wie zuvor.
Wer ausschließlich die berühmten Gemälde betrachtet, glaubt den Ablauf genau zu kennen:
Doch all diese Bilder stammen nicht von Paulus. Sie stammen von Lukas.
Paulus selbst erzählt die Geschichte völlig anders. Im Galaterbrief schreibt er lediglich:
»Als es Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren...«
Dieser kleine Satz gehört zu den wichtigsten Formulierungen des gesamten Neuen Testaments.
im griechischen Original (en emoi) liegt der Schwerpunkt eindeutig auf einer inneren Offenbarung.
Paulus beschreibt keine öffentliche Erscheinung. Er schildert eine persönliche Erfahrung. Auch im Ersten Korintherbrief erwähnt er lediglich, Christus sei ihm erschienen – in einer Reihe mit den Erscheinungen vor Petrus, Jakobus und den übrigen Aposteln.
Von Licht - Von Blindheit - Von Damaskus - Von einem Pferd - Von Begleitern - Von einem dreitägigen Fasten…
...sagt Paulus kein einziges Wort.
Erst Jahrzehnte später gestaltet die Apostelgeschichte das Ereignis ausführlich aus. Dort begegnen wir dem blendenden Licht, der Stimme vom Himmel und den erschrockenen Begleitern.
Bemerkenswert ist allerdings, dass Lukas die Geschichte gleich dreimal erzählt. Und jedes Mal etwas anders.
Die Unterschiede zeigen deutlich, dass Lukas keinen stenographischen Bericht liefern möchte. Er erzählt Theologie.
Das Damaskuserlebnis nach Lukas soll zeigen:
Nicht Paulus hat sich seine Sendung selbst ausgesucht. - Gott/Christus selbst hat ihn berufen.
Historisch lässt sich daraus jedoch kaum rekonstruieren, was tatsächlich geschah.
Selbst diese scheinbar einfache Frage ist komplizierter, als sie zunächst erscheint. Paulus erwähnt Damaskus zwar mehrfach. Er berichtet auch von seinem späteren Aufenthalt dort. Dass jedoch genau auf der Reise dorthin die entscheidende Vision stattfand, erfahren wir ausschließlich aus der Apostelgeschichte.
Historiker halten diesen Rahmen zwar durchaus für plausibel. Beweisen lässt er sich jedoch nicht. - Ebenso wenig übrigens wie die berühmten Vollmachten des Jerusalemer Hohen Rates, mit denen Paulus angeblich Christen bis nach Syrien verfolgen sollte. Gerade dieser Punkt bereitet der Forschung erhebliche Schwierigkeiten.
Der Hohe Rat besaß außerhalb Judäas keine allgemeine Polizeigewalt. Niemand konnte einfach mit offiziellen Verhaftungsbefehlen durch römische oder nabatäische Gebiete reisen und dort Menschen festnehmen. Wahrscheinlicher ist deshalb ein deutlich unspektakuläreres Bild.
Paulus dürfte Kontakte zu den jüdischen Gemeinden in Damaskus besessen haben und wollte dort gegen die aus Jerusalem geflüchteten Anhänger der Jesusbewegung vorgehen. Seine Möglichkeiten hätten sich dabei allerdings auf die Zusammenarbeit mit den örtlichen Synagogenvorstehern beschränkt.
Die dramatische Vorstellung einer internationalen Fahndungsmission gehört eher zur erzählerischen Gestaltung der Apostelgeschichte.
Hier endet die Geschichte. - Und die historische Rekonstruktion beginnt! Seit über hundert Jahren diskutieren Historiker, Theologen, Psychologen und Mediziner darüber, was Paulus tatsächlich erlebt haben könnte. Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Doch einige Möglichkeiten werden immer wieder genannt.
Für keine dieser Hypothesen existieren jedoch belastbare Belege. Sie bleiben Spekulation. In den letzten Jahrzehnten hat sich deshalb eine vierte Deutung zunehmender Beliebtheit erfreut. Sie stammt weniger aus der Medizin als aus der Psychologie.
Große Lebenskrisen entstehen selten innerhalb weniger Minuten. Meist wachsen sie über Monate oder Jahre. Vielleicht gilt das auch für Paulus. Man stelle sich seine Situation vor:
Er war überzeugt, Gottes Willen zu erfüllen. Deshalb bekämpfte er die Anhänger Jesu mit aller Entschlossenheit. Doch gerade dadurch kam er ihnen immer näher.
Je intensiver Paulus gegen sie vorging, desto intensiver musste er sich mit ihrer Botschaft auseinandersetzen.
Wir wissen es nicht. Doch wir wissen, dass Paulus später selbst genau jene Schriften neu auszulegen begann, die er zuvor zur Widerlegung der Jesusbewegung herangezogen hatte.
Das geschieht selten ohne einen langen inneren Prozess. Vielleicht begann die eigentliche Reise nach Damaskus deshalb nicht auf der staubigen Straße durch Syrien. Sondern Monate zuvor. Im Inneren eines Mannes, dessen bisheriges Weltbild langsam zu zerbrechen begann.
Was auch immer Paulus schließlich erlebte – für ihn selbst stand das Ergebnis außer Zweifel. Er war überzeugt, dem auferstandenen Christus begegnet zu sein.
Sondern als einer Wirklichkeit, die sein gesamtes Denken neu ordnete. Gerade darin unterscheidet sich Paulus von vielen späteren Bekehrungsgeschichten.
Er wechselte nicht einfach die Religion. - Er glaubte vielmehr, Gott habe ihm gezeigt, dass seine bisherige Auslegung der Heiligen Schriften unvollständig gewesen sei.
Paulus hörte deshalb nicht auf, Jude zu sein. Er begann vielmehr, das Judentum neu zu verstehen.
Dieser Unterschied mag sprachlich klein erscheinen. Historisch ist er gewaltig!
Denn aus dieser neuen Sichtweise entstand in den folgenden Jahren eine Theologie, die schließlich weit über die Grenzen des Judentums hinausreichen sollte.
Doch zunächst geschah etwas ganz anderes: Paulus verschwand!
Nicht für Tage. Nicht für Wochen. Sondern für mehrere Monate. Und gerade diese stille Zeit sollte vielleicht wichtiger werden als die Vision selbst.