Wer Paulus ausschließlich als Missionar betrachtet, übersieht den vielleicht erstaunlichsten Abschnitt seines Lebens. - Denn bevor er zum bedeutendsten „Verkünder Christi“ wurde, gehörte er zu dessen entschiedensten Gegnern.
Diese Tatsache erwähnt nicht nur die Apostelgeschichte. Paulus selbst bestätigt sie mehrfach mit bemerkenswerter Offenheit. Im Galaterbrief schreibt er:
»Ihr habt ja gehört, wie ich früher im Judentum gelebt habe: Ich verfolgte die Gemeinde Gottes mit äußerster Härte und versuchte, sie zu vernichten.«
Kaum ein antiker Autor hätte eine derart kompromittierende Episode freiwillig erfunden. Gerade deshalb gilt dieses Selbstzeugnis als besonders glaubwürdig. Die eigentliche Frage lautet allerdings:
Warum?
Aus heutiger Sicht erscheint die frühe Jesusbewegung harmlos. Einige Dutzend Menschen versammelten sich zum Gebet, erzählten Geschichten über ihren gekreuzigten Lehrer und hofften auf seine baldige Wiederkehr. – Warum sollte ein gebildeter Pharisäer ausgerechnet diese kleine Gruppe so erbittert bekämpfen?
Die Antwort liegt in ihrem damaligen Erscheinungsbild. Wir wissen heute, dass die ersten Anhänger Jesu keineswegs eine neue Religion gründeten.
Und dennoch wirkten sie auf viele fromme Juden zutiefst verstörend. Sie behaupteten nämlich etwas, das nach damaligem Verständnis nahezu ungeheuerlich war:
Der von den Römern als Gotteslästerer und Aufrührer gekreuzigte Jesus sei von Gott selbst zum Messias bestätigt worden.
Für einen Pharisäer musste diese Behauptung geradezu absurd erscheinen. Nach der Tora galt ein am Holz Hingerichteter als von Gott verflucht. Wie konnte ausgerechnet ein Gekreuzigter Gottes Gesalbter sein?
Hinzu kam ein zweiter Konflikt:
Innerhalb der Jerusalemer Jesusbewegung bildete sich schon früh eine Gruppe griechischsprachiger Juden heraus, die von der Forschung gewöhnlich als Hellenisten bezeichnet wird. – Zu ihnen dürfte auch Stephanus gehört haben.
Gerade diese Gruppe entwickelte offenbar eine wesentlich schärfere Kritik am Tempelkult als die aramäischsprachigen Jünger um Petrus. Sie stellte die zentrale Rolle des Tempels zunehmend infrage und betonte, dass Gottes Gegenwart nicht an einen bestimmten Ort gebunden sei.
Sollte diese Rekonstruktion zutreffen – und vieles spricht dafür –, musste dies auf streng gesetzestreue Pharisäer wie eine Provokation wirken.
Denn der Tempel war nicht einfach ein religiöses Gebäude. - Er war das Herz Israels. Und wer seine einzigartige Stellung infrage stellte, gefährdete nach damaligem Verständnis die Ordnung, die Gott selbst gestiftet hatte.
Gerade hier liegt ein Punkt, den moderne Leser oft missverstehen: Paulus verfolgte die Jesusanhänger vermutlich nicht aus Grausamkeit. Er hielt sich vielmehr für einen Verteidiger Gottes.
Aus seiner Sicht bedrohten diese Menschen die Reinheit Israels. Sie gefährdeten die Treue zur Tora. Und sie konnten den Zorn Gottes über das ganze Volk bringen.
Dieses Denken war keineswegs außergewöhnlich.
Seit den Tagen der Makkabäer galt entschlossenes Vorgehen gegen religiöse Abweichler vielen frommen Juden als Ausdruck besonderer Gottesfurcht. Paulus bewegte sich also durchaus innerhalb einer bestehenden Tradition. Er war überzeugt, das Richtige zu tun.
Gerade deshalb sollte ihn seine spätere Wende so tief erschüttern.
Die Apostelgeschichte schildert ausführlich die Steinigung des Stephanus und berichtet, Paulus habe der Hinrichtung zugestimmt und ihr beigewohnt. - Historisch ist dieser Bericht schwer zu beurteilen.
Die große Rede des Stephanus trägt unverkennbar die Handschrift des Lukas und dürfte kaum wörtlich überliefert worden sein. Auch die dramatische Schilderung der Steinigung besitzt literarische Züge.
Dennoch vermuten viele Historiker einen historischen Kern. Denn hinter der Erzählung steht ein Konflikt, der sich auch unabhängig von Lukas erkennen lässt:
Wie gesagt, gerieten gerade die griechischsprachigen Jesusanhänger besonders früh mit der Jerusalemer Tempelaristokratie aneinander. Ob Stephanus tatsächlich unter genau diesen Umständen starb, lässt sich heute nicht mehr entscheiden. Dass es jedoch gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben hat, erscheint durchaus wahrscheinlich. Bemerkenswert ist dabei ein Detail:
Paulus erwähnt Stephanus in keinem seiner Briefe. – Nicht ein einziges Mal!
Hätte dessen Tod für seine spätere Theologie eine entscheidende Rolle gespielt, wäre dieses Schweigen kaum erklärlich. Gerade deshalb vermuten viele Historiker, dass Lukas die Gestalt des Stephanus auch als literarisches Bindeglied nutzte, um den Übergang vom Verfolger zum Apostel erzählerisch vorzubereiten.
Je genauer man den jungen Paulus betrachtet, desto deutlicher tritt eine historische Ironie hervor:
Die Geschichte kennt nur wenige Biographien, in denen Gegensätze so scharf aufeinanderprallen.
Doch noch wissen wir nicht, wodurch dieser Wandel ausgelöst wurde.
War es tatsächlich eine plötzliche göttliche Intervention? – Oder vollzog sich die entscheidende Wende bereits lange zuvor – unsichtbar, tief im Inneren eines Mannes, dessen bisheriges Weltbild allmählich Risse bekam?
Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir nun jene berühmte Reise betrachten, die Paulus nach Damaskus führte. Kaum ein Ereignis der Religionsgeschichte wurde häufiger dargestellt, ausgeschmückt und interpretiert. Und kaum eines wird von der historischen Forschung heute so nüchtern betrachtet wie dieses.