Wer sich erstmals intensiver mit den ältesten christlichen Quellen beschäftigt, erlebt häufig eine Überraschung. Man erwartet, dass Paulus die Lehren Jesu weitergibt. Doch genau das tut er kaum.
Das ist umso erstaunlicher, als Paulus seine Briefe – die deutlich früher als die Evangelien entstanden – bereits zwanzig bis dreißig Jahre nach der Kreuzigung schrieb. Die ältesten christlichen Schriften sprechen daher erstaunlich wenig über den historischen Jesus – sie sprechen über den auferstandenen Christus.
Dieser Unterschied gehört zu den folgenreichsten Entwicklungen der gesamten Religionsgeschichte.
Fragt man Historiker heute nach der zentralen Botschaft Jesu, fällt die Antwort erstaunlich eindeutig aus. Sie lautet:
Das Reich Gottes.
Kaum ein Begriff begegnet in den Evangelien häufiger. Jesus sprach vom kommenden Reich Gottes.
Alles kreiste um diese eine Erwartung, dass Gott selbst bald in die Geschichte eingreifen werde. Die eigentliche Mitte seiner Verkündigung war deshalb nicht seine eigene Person, sondern Gott. Jesus sprach über Gott.
Natürlich spielte auch seine eigene Sendung eine Rolle. Aber sie stand nie isoliert im Mittelpunkt.
Schlägt man dagegen einen Paulusbrief auf, verändert sich die Perspektive fast schlagartig. Jetzt steht nicht mehr das kommende Reich Gottes im Zentrum. Jetzt steht Christus im Mittelpunkt. Paulus fragt nicht mehr:
Er fragt:
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Verkündigung grundlegend:
Diese Gegenüberstellung bedeutet keineswegs, Paulus habe Jesus widersprochen. Sie zeigt vielmehr, dass beide unterschiedliche Aufgaben wahrnahmen.
Manche Kritiker haben daraus geschlossen, Paulus habe die Botschaft Jesu verfälscht. So einfach ist die historische Wirklichkeit jedoch nicht. Paulus war überzeugt, den eigentlichen Sinn des Lebens und Sterbens Jesu erst erkannt zu haben. Aus seiner Sicht hatte Gott selbst den Gekreuzigten bestätigt.
Wenn das aber stimmte, mussten Kreuz und Auferstehung eine Bedeutung besitzen, die weit über das historische Leben Jesu hinausging. Genau diese Bedeutung versuchte Paulus zu verstehen. Er stellte sich Fragen, die Jesus selbst vermutlich niemals ausdrücklich beantwortet hatte.
Diese Fragen waren neu. - Und ebenso neu waren die Antworten, die Paulus entwickelte.
Genau hier beginnt jene geistige Leistung, die Paulus zu einer Schlüsselfigur der Religionsgeschichte macht. Er erzählte die Geschichte Jesu nicht einfach weiter. Er interpretierte sie! Dabei griff er auf Begriffe zurück, die jedem jüdischen Schriftgelehrten vertraut waren:
Diese Begriffe existierten bereits lange vor Paulus. Neu war die Art, wie er sie miteinander verband.
Aus einzelnen Fäden der jüdischen Tradition entstand unter seinen Händen ein völlig neues theologisches Gewebe.
Es war keine neue Offenbarung neben der Bibel Israels. - Es war eine neue Lesart derselben Schriften.
Hier zeigt sich vielleicht der größte Unterschied zwischen Jesus und Paulus: Jesus dachte wie ein Prophet, Paulus dachte wie ein Rabbi.
Genau das tat Paulus. Seine Briefe lesen sich deshalb häufig wie gelehrte Diskussionen.
Er begründet. – Er widerlegt Einwände. – Er zieht Schlussfolgerungen. – Er baut Gedanken Schritt für Schritt auf.
Die eigentliche Leistung des Paulus bestand daher nicht darin, neue Tatsachen über Jesus zu kennen. Er wusste wahrscheinlich sogar weniger über das Leben Jesu als Petrus oder Jakobus. Seine Stärke lag an einer ganz anderen Stelle:
Er war der erste große Interpret Jesu.
Je länger man die ältesten Quellen miteinander vergleicht, desto deutlicher tritt ein erstaunlicher Befund hervor: Jesus verkündigte keine Christologie.
All diese Gedanken entstanden erst nach seinem Tod. Paulus war ihr bedeutendster Architekt. Damit verändert sich auch unser Blick auf die Entstehung des Christentums. Die neue Religion entstand nicht in einem einzigen Augenblick.
Sie entstand in einem langen Prozess des Nachdenkens, Streitens und Neuinterpretierens. Und niemand hat diesen Prozess stärker geprägt als Paulus.
Deshalb ist es durchaus berechtigt, ihn den eigentlichen Architekten des Christentums zu nennen. Nicht weil er Jesus ersetzte, sondern weil er dessen Leben und Tod in ein theologisches Gesamtsystem einordnete, das schließlich die Welt verändern sollte.