Es gibt Erfindungen, die keine Maschinen hervorbringen, keine neuen Werkzeuge, keine technischen Geräte. Und dennoch verändern sie die Welt nachhaltiger als jede technische Revolution. Eine solche Erfindung war die Theologie des Paulus.
Dabei erfand Paulus weder Jesus noch dessen Kreuzigung. Beides lag längst hinter ihm. – Seine eigentliche Leistung bestand darin, diesen Ereignissen eine Bedeutung zu geben, die weit über den historischen Jesus hinausreichte.
Genau hier beginnt das Christentum im eigentlichen Sinn.
Für die ersten Jünger bedeutete die Kreuzigung Jesu zunächst eine Katastrophe. Nach jüdischem Verständnis konnte der Messias nicht am Kreuz enden. Noch schwerer wog ein anderer Gedanke: Im Buch Deuteronomium heißt es
»Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.«
Für fromme Juden war das eindeutig:
Ein von den Römern gekreuzigter Mensch konnte unmöglich Gottes Gesalbter sein. Deshalb zerbrachen nach der Hinrichtung Jesu zunächst alle messianischen Hoffnungen.
Ohne Ostern wäre die Geschichte vermutlich an dieser Stelle zu Ende gewesen.
Paulus akzeptierte die Überzeugung der Urgemeinde, dass Gott Jesus auferweckt habe. Doch nun stellte sich eine völlig neue Frage. Wenn Gott den Gekreuzigten tatsächlich bestätigt hatte:
Warum musste er überhaupt sterben?
Diese Frage hatte sich Jesus selbst offenbar nie gestellt. Sie wurde erst nach seinem Tod unausweichlich. Und Paulus machte sie zum Ausgangspunkt seines gesamten theologischen Denkens.
Hier vollzieht sich ein Gedankenschritt, dessen Tragweite kaum überschätzt werden kann. Paulus beginnt, die Kreuzigung nicht mehr als Scheitern zu verstehen, sondern als Teil des göttlichen Heilsplans.
Nicht trotz des Kreuzes. – Sondern durch das Kreuz.
Der Tod Jesu wird dadurch von einer historischen Tragödie zu einem heilsgeschichtlichen Ereignis. Aus der Hinrichtung eines jüdischen Wanderpredigers wird das zentrale Geschehen der Weltgeschichte. Diese Umdeutung ist vielleicht der folgenreichste einzelne Gedanke, den Paulus jemals formulierte.
Woher nahm Paulus diesen Gedanken? – Er erfand ihn nicht aus dem Nichts. Wie so oft griff er auf die Schriften Israels zurück. Besonders das 53. Kapitel des Jesajabuches dürfte ihn tief beschäftigt haben.
Dort ist von einem leidenden Gottesknecht die Rede, der verwundet wird, Schuld trägt, für andere leidet und dessen Leiden schließlich vielen zum Heil gereicht.
Ob dieser Text ursprünglich überhaupt messianisch gemeint war, spielt dabei kaum eine Rolle. Entscheidend ist etwas anderes. Paulus las ihn jetzt mit völlig neuen Augen.
Nicht der Text hatte sich verändert. – Der Leser hatte sich verändert.
Aus dieser neuen Lesart entwickelte Paulus schließlich jene Vorstellung, die das Christentum bis heute prägt:
Aus diesem kleinen Wort „für“ entwickelte sich später eine der größten theologischen Konstruktionen der Weltgeschichte.
Sie alle wachsen letztlich aus dieser einen neuen Deutung des Kreuzes hervor.