Wer die Apostelgeschichte liest, gewinnt leicht den Eindruck, Paulus sei unmittelbar nach seiner Vision zum rastlosen Missionar geworden. Kaum hat Ananias ihm die Hände aufgelegt, predigt er bereits in den Synagogen von Damaskus.
Die Erzählung wirkt beinahe nahtlos. Historisch betrachtet sieht das Bild jedoch ganz anders aus. Denn Paulus selbst berichtet etwas, das Lukas vollständig übergeht. Im Galaterbrief schreibt er:
»Ich zog auch nicht sogleich nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und kehrte wiederum nach Damaskus zurück. Erst drei Jahre später ging ich nach Jerusalem.«
Dieser kurze Satz gehört zu den rätselhaftesten Selbstzeugnissen des gesamten Neuen Testaments. Denn Paulus erklärt nicht,
Ebenso unerklärlich ist, weshalb Lukas diese Episode vollständig verschweigt. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Wer heute das Wort „Arabien“ hört, denkt unwillkürlich an endlose Sanddünen und Karawanen tief auf der Arabischen Halbinsel. - Paulus meinte etwas ganz anderes:
Zur Zeit des Römischen Reiches bezeichnete „Arabien“ das nabatäische Königreich unter König Aretas IV. Es grenzte unmittelbar an Damaskus.
Paulus verschwand also nicht am Ende der Welt. Er hielt sich lediglich außerhalb des unmittelbaren Einflussbereiches Jerusalems auf. Damit erhält seine Bemerkung plötzlich einen ganz anderen Charakter:
Diese Frage ist vielleicht wichtiger als alle Spekulationen über Damaskus:
Hätte Paulus lediglich Gewissheit darüber gewinnen wollen, ob seine Vision echt gewesen war, hätte er sofort nach Jerusalem reisen müssen. Dort lebten Petrus, Jakobus, Johannes. Die Menschen also, die Jesus persönlich gekannt hatten. Doch genau das tut Paulus ausdrücklich nicht!
Im Gegenteil. Mit auffälligem Nachdruck schreibt er:
»Ich beriet mich nicht mit Fleisch und Blut.«
Und wenig später:
»Ich zog auch nicht nach Jerusalem.«
Diese Sätze wirken beinahe trotzig. Warum? - Weil Paulus einen entscheidenden Punkt klarstellen möchte:
Seine Theologie stammt nach seinem eigenen Verständnis nicht von den Jerusalemer Aposteln. Nicht von Petrus, nicht von Jakobus, nicht von Johannes, sondern allein aus seiner eigenen Offenbarung und der anschließenden Auseinandersetzung mit den Heiligen Schriften.
Gerade deshalb musste er zunächst allein sein.
Vielleicht dürfen wir uns diese Monate ganz anders vorstellen, als es spätere Legenden tun:
Nicht als asketische Wüstenmystik, nichts von einem einsamen Einsiedler. Wir sehen vielmehr einen jüdischen Gelehrten, dessen gesamtes theologisches Gebäude eingestürzt war. Sein bisheriges Weltbild hatte auf wenigen Grundüberzeugungen beruht:
Nun glaubte Paulus plötzlich genau das Gegenteil.
Wie aber ließ sich das mit den Schriften Israels vereinbaren? Diese Frage dürfte Paulus Tag für Tag beschäftigt haben. Nicht als Christ, sondern als Jude.
Vielleicht hat kein Mensch der Antike die Hebräische Bibel so gründlich neu gelesen wie Paulus in diesen Jahren. Jeder Abschnitt musste überprüft werden - Jede Prophetie, jeder Psalm, jede Verheißung. - Nicht um neue Texte zu finden. Sondern um alte Texte neu zu verstehen…
Plötzlich gewann der leidende Gottesknecht aus dem Buch Jesaja eine Bedeutung, die Paulus zuvor nie gesehen hatte. - Abraham erschien ihm nicht länger nur als Stammvater Israels, sondern als Vater aller Glaubenden. Habakuks Satz,
»Der Gerechte wird aus Glauben leben«,
entwickelte sich vom prophetischen Nebensatz zu einem Grundpfeiler seiner gesamten Theologie.
Auch die Geschichte Adams erhielt eine neue Funktion. Aus ihr entstand später seine große Gegenüberstellung:
Adam brachte den Tod. - Christus bringt das Leben.
Man kann diesen Prozess kaum überschätzen:
Gerade darin liegt seine eigentliche Genialität.
Vielleicht entstand in Arabien gar nicht zuerst eine neue Religion. Sondern etwas noch Grundsätzlicheres: Eine neue Art, die Bibel zu lesen.
Für Paulus wurden die Schriften Israels nicht abgeschafft. - Sie wurden neu verstanden.
Alles, was Gott seit Abraham getan hatte, erschien ihm nun als Vorbereitung auf Christus. - Diese Überzeugung sollte später das gesamte Christentum prägen.
Kirchenväter – Mittelalter – Reformation
Bis in die Gegenwart hinein liest die überwältigende Mehrheit der Christen das Alte Testament durch jene Brille, die Paulus vermutlich in diesen stillen Jahren entwickelte. Hier liegt seine eigentliche historische Leistung:
Nicht in einer Vision – Nicht in einer Missionsreise – Nicht einmal in seinen Briefen, sondern ...
... in der Entdeckung eines völlig neuen Deutungsschlüssels für die gesamte Heilige Schrift.
Die Straße nach Damaskus gehört zu den berühmtesten Schauplätzen der Religionsgeschichte. Doch vielleicht richtet sich unser Blick seit Jahrhunderten auf den falschen Ort. Damaskus beantwortete für Paulus eine einzige Frage:
Arabien stellte die weit wichtigere:
Die Antwort auf diese zweite Frage entstand nicht in einem Augenblick. Sie wuchs. Langsam. Im Nachdenken. Im Ringen. Im immer neuen Lesen der Schriften.
Vielleicht wurde deshalb das Christentum als eigenständiges theologisches System nicht auf einer staubigen Straße geboren. Sondern in der Stille jener Jahre, über die Paulus kaum ein Wort verliert. Und gerade dieses Schweigen macht sie für Historiker so faszinierend:
Denn manchmal entstehen die folgenreichsten Ideen der Weltgeschichte nicht vor den Augen der Öffentlichkeit. - Sondern dort, wo niemand zusieht.