Tischa beAv – hebräisch Tisch'a beAw, „der neunte Aw“ – gilt als der bedeutendste Trauer- und Fastentag des jüdischen Kalenders. Er erinnert vor allem an die Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel, wurde im Laufe der jüdischen Geschichte jedoch zu einem umfassenderen Gedenktag für Verfolgung, Vertreibung und nationale Katastrophen.
Im Jahr 2026 begann Tischa beAv mit Sonnenuntergang am 22. Juli und endete mit Einbruch der Nacht am 23. Juli.
Im Mittelpunkt des Gedenkens stehen zwei Ereignisse, die für die Geschichte des Judentums von kaum zu überschätzender Bedeutung waren.
Der Erste Tempel in Jerusalem wurde 587/586 v. Chr. im Zuge der Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II. zerstört. Teile der Bevölkerung Judas wurden nach Babylon deportiert. Mit dieser Katastrophe begann das sogenannte Babylonische Exil.
Mehr als sechs Jahrhunderte später, im Jahr 70 n. Chr., zerstörten römische Truppen unter dem späteren Kaiser Titus während des Jüdischen Krieges Jerusalem und den Zweiten Tempel.
Die jüdische Überlieferung verbindet beide Tempelzerstörungen mit dem 9. Aw. Historisch lassen sich die Ereignisse nicht mit derselben Genauigkeit auf diesen einen Kalendertag festlegen. Der 9. Aw wurde vielmehr zum gemeinsamen religiösen Gedenktag für beide Katastrophen.
Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels endete der Tempelkult mit seinen Tieropfern endgültig. Das Judentum musste sich grundlegend verändern. An die Stelle des zentralen Opferkultes traten verstärkt Gebet, Torastudium und das religiöse Leben in den jüdischen Gemeinden.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden weitere einschneidende Ereignisse der jüdischen Geschichte mit Tischa beAv verbunden.
Nach rabbinischer Überlieferung gehört dazu bereits die biblische Erzählung von den Kundschaftern, deren Bericht das Volk Israel in Verzweiflung gestürzt haben soll. Historisch greifbarer ist die Niederlage des Bar-Kochba-Aufstandes gegen Rom: Im Jahr 135 n. Chr. fiel die Festung Betar, eine der letzten Hochburgen des Aufstandes.
Auch spätere Verfolgungen wurden in die Erinnerung des 9. Aw aufgenommen. Dazu gehören die Vertreibung der Juden aus England im Jahr 1290 und insbesondere die Vertreibung aus Spanien 1492. Der 9. Aw entwickelte sich deshalb über die Erinnerung an die beiden Tempel hinaus zu einem Symboltag jüdischer Katastrophenerfahrung.
Auch die Kreuzzüge, Pogrome und schließlich die Shoah werden in modernen jüdischen Deutungen teilweise in diesen größeren Zusammenhang des Erinnerns einbezogen – ohne dass damit behauptet würde, sämtliche Ereignisse hätten tatsächlich am 9. Aw stattgefunden.
Tischa beAv steht nicht isoliert im jüdischen Kalender. Ihm geht eine dreiwöchige Trauerperiode voraus, die am 17. Tammus beginnt.
Nach jüdischer Überlieferung wurde an diesem Tag die Jerusalemer Stadtmauer durchbrochen. In den folgenden drei Wochen – hebräisch Bein haMetzarim, etwa „zwischen den Bedrängnissen“ – nehmen die Trauerbräuche schrittweise zu. In traditionell religiösen Gemeinschaften werden beispielsweise Hochzeiten und andere ausgelassene Feiern vermieden.
Tischa beAv bildet schließlich den Höhepunkt und Abschluss dieser Trauerperiode.
Tischa beAv beginnt mit Sonnenuntergang und dauert bis zum Einbruch der Dunkelheit am folgenden Tag – insgesamt ungefähr 25 Stunden.
Die Vorschriften gehören zu den strengsten Fastenregeln des Judentums und erinnern in einigen Punkten an den Versöhnungstag Jom Kippur. Traditionell gelten fünf grundlegende Enthaltungen:
Dabei gibt es selbstverständlich Ausnahmen, insbesondere wenn gesundheitliche Gründe gegen das Fasten sprechen.
Viele weitere Bräuche orientieren sich symbolisch an den jüdischen Trauerriten nach einem Todesfall. Bis zum Mittag des Fastentages sitzt man traditionell auf dem Boden oder auf niedrigen Hockern. Auf gewöhnliche Begrüßungen wird verzichtet. Arbeit ist grundsätzlich nicht verboten, soll nach traditioneller Auffassung jedoch möglichst vermieden oder zumindest auf die Zeit nach dem Mittag beschränkt werden.
Auch der Gottesdienst unterscheidet sich deutlich vom gewöhnlichen Synagogenbesuch.
Am Abend ist die Beleuchtung häufig gedämpft. In manchen Gemeinden wird der Schmuck des Toraschreins reduziert. Im Mittelpunkt steht die Lesung der Klagelieder – Echa, die die Zerstörung Jerusalems beklagen. Das biblische Buch wurde traditionell dem Propheten Jeremia zugeschrieben; seine tatsächliche Autorschaft gilt in der historischen Bibelwissenschaft jedoch als ungeklärt.
Am Morgen werden außerdem Kinot, besondere Trauer- und Klagegedichte, vorgetragen. Sie erinnern nicht nur an die Tempelzerstörung, sondern teilweise auch an spätere Katastrophen jüdischer Geschichte.
Auch das gewöhnlich als religiös verdienstvoll und erfreulich verstandene Torastudium wird eingeschränkt. Erlaubt sind vor allem Texte, die von Zerstörung, Leid und Trauer handeln.
Eine weitere Besonderheit betrifft Tallit und Tefillin, Gebetsmantel und Gebetsriemen. In vielen traditionellen Gemeinden werden sie beim Morgengebet nicht angelegt. Erst beim Nachmittagsgebet, wenn sich die Trauer allmählich abschwächt, werden sie wieder getragen.
Am Schabbat soll nach jüdischem Verständnis nicht öffentlich getrauert werden. Fällt der 9. Aw auf einen Samstag, wird das Fasten deshalb auf den folgenden Sonntag verschoben.
Dadurch ergeben sich besondere Regeln für den Übergang vom Schabbat zum Fastentag und für die Hawdala, die Zeremonie zur Trennung zwischen Schabbat und Alltag.
Mit Einbruch der Dunkelheit endet das etwa 25-stündige Fasten. Es gibt jedoch kein ausgelassenes Fest zum Abschluss.
Nach verbreitetem traditionellem Brauch bleiben einzelne Trauerregeln noch bis zum folgenden Tag bestehen. Hintergrund ist die Überlieferung, dass der Jerusalemer Tempel zwar am 9. Aw in Brand gesetzt worden sei, das Feuer jedoch noch während des 10. Aw weiterbrannte.
In vielen orthodoxen Gemeinden wird deshalb bis zum Mittag des 10. Aw weiterhin auf Fleisch und Wein verzichtet. Je nach religiöser Tradition können auch Einschränkungen etwa beim Haareschneiden, Rasieren, Wäschewaschen oder Musikhören fortbestehen.
Tischa beAv endet jedoch nicht in Hoffnungslosigkeit.
Bereits der Schabbat nach dem Trauertag trägt einen besonderen Namen: Schabbat Nachamu – „Schabbat des Trostes“. Die Bezeichnung stammt aus dem Buch Jesaja:
„Tröstet, tröstet mein Volk.“
https://www.bibleserver.com/LUT/Jesaja40
Mit diesem Schabbat beginnt eine Reihe von sieben prophetischen Lesungen des Trostes, die bis in die Zeit vor Rosch ha-Schana führen.
Damit vollzieht der jüdische Kalender einen bemerkenswerten Übergang: Auf Erinnerung an Zerstörung und Vertreibung folgt nicht das Vergessen, sondern die Hoffnung auf Erneuerung.
Tischa beAv verbindet auf diese Weise historische Erinnerung, religiöse Trauer und Zukunftshoffnung. Der Tag bewahrt die Erinnerung an Katastrophen, die jüdische Geschichte über Jahrtausende geprägt haben – und verbindet sie zugleich mit der Vorstellung, dass Zerstörung nicht das letzte Wort behalten müsse.
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