Die ersten Jahre nach seiner Berufung verbrachte Paulus nicht damit, eine neue Religion zu gründen. Er tat etwas viel Einfacheres: Er erzählte Menschen von Christus.
Und dabei geschah etwas, womit kaum jemand gerechnet hatte. Nichtjuden schlossen sich seiner Verkündigung an.
Griechen, Römer, Kaufleute, Handwerker, Wohlhabende Hausbesitzer ebenso wie Sklaven:
Doch sie blieben das, was sie immer gewesen waren.
Daraus entstand ein brennendes Problem!
Für die Jerusalemer Urgemeinde war die Lage keineswegs eindeutig. Jesus hatte ausschließlich unter Juden gewirkt. Seine Jünger waren Juden. Die ersten Gemeinden bestanden fast ausschließlich aus Juden. Selbst nach Ostern gingen sie weiterhin zum Tempel. Sie hielten den Sabbat, sie aßen koscher und sie verstanden sich nach wie vor als Teil Israels.
Nun trat Paulus mit einer völlig neuen Situation an sie heran:
Menschen wollten Christus nachfolgen, ohne Juden zu werden.
Es war die erste wirklich große Krise der jungen Jesusbewegung. Und zugleich eine Frage, auf die Jesus selbst niemals ausdrücklich hatte antworten müssen.
Heute wirken Beschneidung oder Speisevorschriften auf viele Menschen wie nebensächliche Rituale. Im ersten Jahrhundert waren sie Identitätsmerkmale. Sie entschieden darüber, wer zum Gottesvolk gehörte und wer nicht.
Die Beschneidung war seit Abraham das sichtbare Zeichen des Bundes mit Gott. Sie einfach für entbehrlich zu erklären, kam für viele Judenchristen einer Revolution gleich. Man muss sich die Tragweite bewusst machen.
Wenn Paulus Recht hatte, konnte ein Mensch vollständig zum Gottesvolk gehören, ohne jemals Jude geworden zu sein. Ein solcher Gedanke hatte in der bisherigen Geschichte Israels kein Vorbild.
Schließlich entschloss sich Paulus, die Angelegenheit mit den führenden Männern der Jerusalemer Gemeinde zu besprechen. Der Galaterbrief berichtet von diesem Treffen bemerkenswert knapp. Die Apostelgeschichte erzählt dieselbe Begebenheit ausführlicher...
Beide Quellen unterscheiden sich zwar in einzelnen Details, doch über den Kern besteht weitgehende Einigkeit:
Es kam zu einer grundsätzlichen Verständigung. Paulus schildert dabei eine Szene, die beinahe nüchtern wirkt. Er legte den führenden Männern sein Evangelium vor.
Nicht, damit sich diese belehren lassen. Sondern um zu verhindern, dass die junge Bewegung auseinanderbrach.
Besonders bemerkenswert erscheint rückblickend das Verhalten des Jakobus.
Er war kein beliebiger Gemeindeleiter. Er war der Bruder Jesu und die führende Persönlichkeit der Jerusalemer Gemeinde. Niemand verkörperte die Kontinuität zur ursprünglichen Jesusbewegung stärker als er. Gerade deshalb besitzt seine Haltung besonderes Gewicht.
Jakobus musste erkennen, dass Paulus' Mission unter den Heiden längst Realität geworden war. Überall entstanden neue Gemeinden. Menschen fanden zum Glauben. Die Entwicklung ließ sich nicht mehr zurückdrehen.
Die Frage lautete deshalb nicht mehr, ob Heiden aufgenommen werden sollten, sondern unter welchen Bedingungen.
Schließlich einigte man sich auf eine Lösung, die aus heutiger Sicht erstaunlich pragmatisch wirkt:
Paulus sollte weiterhin unter den Nichtjuden wirken. - Petrus blieb vor allem für die Judenmission zuständig.
Die Heidenchristen mussten sich nicht beschneiden lassen. – Sie sollten lediglich einige wenige Grundregeln beachten, damit die Tischgemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen möglich blieb.
Diese Einigung ging später als Aposteldekret in die Geschichte ein.
Historiker diskutieren bis heute, welcher genaue Wortlaut ursprünglich vereinbart wurde. Über die grundsätzliche Richtung besteht jedoch weitgehend Einigkeit:
Die Jesusbewegung wurde zum Christentum und öffnete sich endgültig für die nichtjüdische Welt.
Keineswegs! Wer glaubt, das Apostelkonzil habe alle Spannungen beseitigt, übersieht einen entscheidenden Punkt:
Man hatte einen Kompromiss gefunden. Aber Kompromisse leben nur, solange beide Seiten bereit sind, sie auch im Alltag umzusetzen. Genau daran sollte die Einigung schon kurze Zeit später beinahe scheitern.
Nicht in Jerusalem. Sondern viele hundert Kilometer weiter nördlich. In Antiochia.
Dort trafen Petrus und Paulus erneut aufeinander. Diesmal jedoch nicht am Verhandlungstisch, sondern beim gemeinsamen Essen. – Und ausgerechnet eine gemeinsame Mahlzeit entwickelte sich zu einem der folgenreichsten Konflikte der frühen Kirchengeschichte.