Nach dem Konflikt von Antiochia verschwindet Paulus für längere Zeit aus dem Blickfeld der großen theologischen Auseinandersetzungen. Nicht, weil seine Arbeit beendet gewesen wäre, sondern weil sie jetzt ihren eigentlichen Schwerpunkt fand.
Er reiste, er predigte, er gründete neue Gemeinden: Von Syrien über Kleinasien bis nach Griechenland entstanden kleine christliche Hausgemeinden, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Mahl, zum Gebet und zum Lesen der Heiligen Schriften versammelten.
Die meisten dieser Gemeinden bestanden nicht aus Hunderten von Menschen. Oft waren es kaum mehr als zwanzig oder dreißig Gläubige, die sich im Haus eines wohlhabenderen Gemeindemitgliedes trafen.
Von außen betrachtet wirkten sie unbedeutend. Historisch sollten sie die Keimzellen einer Weltreligion werden.
Je größer das Netzwerk wurde, desto schwieriger ließ es sich zusammenhalten. Paulus konnte unmöglich gleichzeitig in Korinth, Philippi, Ephesus, Thessaloniki und Galatien sein.
Kaum hatte er eine Gemeinde verlassen, tauchten neue Fragen auf:
Jede Gemeinde entwickelte ihre eigenen Schwierigkeiten. Heute würde man vielleicht sagen:
Paulus hatte ein Kommunikationsproblem.
Genau an dieser Stelle entstand etwas, dessen Bedeutung häufig unterschätzt wird. Paulus begann, Briefe zu schreiben. Für uns wirkt das selbstverständlich. Im ersten Jahrhundert war es alles andere als gewöhnlich.
Ein Brief konnte Wochen unterwegs sein. Er musste diktiert, abgeschrieben und über weite Entfernungen transportiert werden. Trotzdem entwickelte Paulus aus diesem Medium ein Instrument, welches die junge Bewegung dauerhaft verändern sollte.
Seine Briefe beantworteten nicht nur aktuelle Fragen. Sie schufen eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Begriffe, gemeinsame Argumentationsmuster, gemeinsame Theologie. – Ohne es zu ahnen, verband Paulus seine weit verstreuten Gemeinden zu einem geistigen Netzwerk.
Nicht Straßen, nicht Verwaltung, nicht Macht hielten diese Gemeinschaft zusammen, sondern Gedanken.
Wer heute einen Paulusbrief aufschlägt, liest häufig, als halte er ein fertiges Lehrbuch christlicher Dogmatik in den Händen. - Tatsächlich entstanden diese Texte ganz anders. Fast jeder Brief reagiert auf konkrete Probleme:
Seine Theologie entstand deshalb nicht am Schreibtisch eines Professors. Sie entstand mitten im Alltag:
Im Gespräch – im Streit – im Ringen um praktische Lösungen.
Das ist es, was den Briefen ihre erstaunliche Lebendigkeit verleiht.
Paulus konnte unmöglich ahnen, welches Schicksal seine Briefe einmal nehmen würden. Er schrieb keine Bibel, er schrieb an Freunde. An Gemeinden, die er oft persönlich gegründet hatte. Er beantwortete Fragen, schlichtete Konflikte und erklärte seine Gedanken.
Doch schon wenige Jahrzehnte später geschah etwas Bemerkenswertes. Die Gemeinden begannen, seine Briefe untereinander auszutauschen. Sie wurden abgeschrieben, weitergereicht, gesammelt und schließlich gemeinsam gelesen.
Aus persönlicher Korrespondenz entstand nach und nach ein theologischer Grundbestand, der schließlich in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurde. Ironischerweise hinterließ Jesus selbst keine einzige schriftliche Zeile. Der Mann, der Jesus vermutlich niemals persönlich begegnet war, prägte dagegen den größten Teil der ältesten christlichen Literatur.
Trotz aller theologischen Spannungen verlor Paulus die Jerusalemer Gemeinde niemals aus dem Blick. Über viele Jahre sammelte er in seinen heidenchristlichen Gemeinden Geld für die armen Gläubigen in Jerusalem. Diese sogenannte Jerusalem-Kollekte war weit mehr als eine Wohltätigkeitsaktion. Sie besaß hohe symbolische Bedeutung.
Paulus wollte zeigen, dass seine Gemeinden keine Konkurrenz zur Muttergemeinde waren. Sie gehörten zusammen. Heidenchristen sollten ihre Dankbarkeit gegenüber jener Gemeinde ausdrücken, aus der ihre Bewegung ursprünglich hervorgegangen war.
Vielleicht hoffte Paulus sogar, dadurch die letzten Spannungen endgültig überwinden zu können.
Mit der Kollekte machte sich Paulus schließlich selbst auf den Weg nach Jerusalem. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden. Viele seiner Freunde warnten ihn. Mehrfach berichten die Quellen, dass Paulus mit Schwierigkeiten rechnete.
Dennoch brach er auf!
Nicht, weil er den Konflikt suchte. Sondern weil er überzeugt war, dass die Einheit der Bewegung dieses persönliche Risiko wert war.
Er konnte damals nicht ahnen, dass diese Reise sein öffentliches Wirken beenden würde. Was als Zeichen der Versöhnung gedacht war, führte schließlich zu seiner Verhaftung.
Damit begann der letzte Abschnitt seines Lebens.