Wenn wir heute über die Entwicklung von der Jerusalemer Jesusgemeinde zum frühen Christentum sprechen, stellen wir uns häufig vor, die zwölf Apostel seien als Missionare durch die antike Welt gereist, hätten in zahlreichen Städten gepredigt und überall christliche Gemeinden gegründet.
Dieses Bild ist jedoch weitgehend das Ergebnis der späteren kirchlichen Überlieferung und insbesondere der Apostelgeschichte. Die historische Wirklichkeit war vermutlich wesentlich dezentraler und weit weniger organisiert.
Die Jesusbewegung breitete sich zunächst nicht durch eine zentral gesteuerte Missionsstrategie aus, sondern durch die alltäglichen Mobilitätsnetzwerke des Römischen Reiches. Händler, Handwerker, Pilger und jüdische Diasporafamilien, die in Jerusalem mit der Verkündigung Jesu oder der Jerusalemer Gemeinde in Berührung gekommen waren, nahmen diese Botschaft mit in ihre Heimatstädte. Auf diese Weise entstanden nach heutigem Forschungsstand bereits früh Hausgemeinden in Städten wie Damaskus, Antiochia, Zypern, Alexandria, Korinth oder Rom – meist lange bevor dort ein Apostel persönlich wirkte.
Auch die erste Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde trug zur Verbreitung der Bewegung bei. Flüchtende Gemeindemitglieder erzählten unterwegs von Jesus und gründeten an ihren neuen Wohnorten weitere Gemeinschaften. Die Ausbreitung des frühen Christentums erfolgte damit zunächst weniger durch institutionell beauftragte Missionare als vielmehr durch gewöhnliche Gläubige, die ihre religiöse Überzeugung in ihrem persönlichen Umfeld weitergaben.
Tausende Menschen außerhalb Jerusalems wurden so zu Anhängern Jesu, ohne jemals einem der ursprünglichen Zwölf begegnet zu sein oder von ihnen getauft worden zu sein.
Ebenso wenig war die Taufe in der Frühzeit an einen exklusiven Kreis von Amtsträgern gebunden. Die neutestamentlichen Quellen vermitteln vielmehr den Eindruck einer vergleichsweise offenen Praxis. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert der Evangelist Philippus – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Apostel –, der als einer der sieben in der Apostelgeschichte genannten Gemeindediener selbständig nach Samarien ging und dort Menschen taufte. Erst im Anschluss entsandte die Jerusalemer Gemeinde Petrus und Johannes, um diese neue Gemeinschaft zu besuchen.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel für diese nichtapostolische Ausbreitung bildet die Gemeinde in Rom.
Als Paulus um die Jahre 56/57 n. Chr. seinen Römerbrief verfasste – sein theologisches Hauptwerk –, existierte dort bereits eine große und offenbar gut organisierte christliche Gemeinde. Nichts deutet darauf hin, dass sie von Petrus oder einem anderen Apostel gegründet worden wäre. Nach heutigem Forschungsstand spricht vielmehr vieles dafür, dass sie durch jüdische Pilger, Händler und Reisende entstand, welche die Jesusbotschaft aus Jerusalem in die Hauptstadt des Imperiums brachten. Das im Römerbrief erwähnte Ehepaar Priszilla und Aquila gehörte jedenfalls zu den prägenden Persönlichkeiten dieser frühen Gemeinde.
Wir dürfen uns diese Entwicklung jedoch nicht nach dem Vorbild späterer Kirchen vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt existierten weder die Evangelien noch ein Neues Testament. Die verschiedenen Gemeinden verfügten über keine verbindlichen christlichen Schriften und kannten die Lebensgeschichte Jesu nur in Form mündlicher Überlieferungen.
Weitergegeben wurden vor allem Erinnerungen an seine Worte, Gleichnisse, Mahnungen und einzelne Wundererzählungen. Die Geburtsgeschichten, die ausführlichen Passionsberichte oder die späteren Ostererzählungen lagen noch nicht in der literarischen Gestalt vor, die wir heute aus den Evangelien kennen.
Nach dieser Rekonstruktion enthielt Q insbesondere:
Ob diese Sammlung bereits in den 40er oder erst in den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts schriftlich fixiert wurde, ist bis heute umstritten. Einigkeit besteht jedoch darin, dass die zugrunde liegenden Überlieferungen deutlich älter sind und über Jahre oder sogar Jahrzehnte mündlich weitergegeben wurden.
Damit stoßen wir auf einen der erstaunlichsten Befunde der neutestamentlichen Forschung:
Die ältesten erhaltenen christlichen Schriften sind nicht die Evangelien, sondern die echten Briefe des Apostels Paulus.
Sie entstanden bereits in den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts und sind damit älter als das Markusevangelium, älter als die Apostelgeschichte und älter als fast alle übrigen Schriften des Neuen Testaments.
Bevor wir uns diesen Briefen zuwenden, lohnt sich jedoch ein kurzer Blick auf die übrigen neutestamentlichen Episteln im ersten Kapitel dieses Abschnitts: