Als Paulus schließlich Rom erreichte, hatte er bereits einen langen Weg hinter sich. Nicht nur geographisch, sondern auch geistig:
Aus dem jungen Pharisäer aus Tarsus war der bedeutendste Theologe der jungen Jesusbewegung geworden. Doch ausgerechnet jetzt wird die historische Überlieferung überraschend still. Die Apostelgeschichte berichtet noch von einem vergleichsweise milden Hausarrest:
Paulus durfte Besucher empfangen. Er diskutierte. Er predigte. Er wartete auf seinen Prozess. Dann endet das Buch plötzlich: Ohne Urteil. Ohne Freispruch. Ohne Hinrichtung. So, als hätte Lukas den letzten Abschnitt von Paulus‘ Lebens bewusst offen gelassen.
Warum die Apostelgeschichte hier abbricht, wissen wir bis heute nicht. Vielleicht war das Werk unvollendet. Vielleicht kannte Lukas den Ausgang selbst noch nicht. Vielleicht wollte er bewusst nicht den Tod eines Menschen schildern, sondern den unaufhaltsamen Weg des Evangeliums bis in das Zentrum des Römischen Reiches.
Sicher wissen wir es nicht.
Erst spätere christliche Autoren berichten vom Ende des Paulus.
Demnach wurde Paulus unter Kaiser Nero in Rom hingerichtet. Diese Überlieferung lässt sich historisch weder vollständig beweisen noch widerlegen. Sie besitzt jedoch ein erhebliches Maß an Plausibilität.
Paulus befand sich zur Zeit Neros in Rom. Er war römischer Bürger. Für römische Bürger war die Enthauptung die übliche Form der Hinrichtung. Die wesentlich grausamere Kreuzigung blieb in der Regel Nichtrömern vorbehalten.
Mehr lässt sich historisch nicht mit Sicherheit sagen, und alles Weitere gehört in den Bereich der Legende.
Die berühmte Erzählung vom abgeschlagenen Kopf, der dreimal aufspringt und an jeder Stelle eine Quelle entspringen lässt, verrät mehr über die Frömmigkeit späterer Generationen als über den historischen Paulus.
Noch heute verehren Millionen Christen die römische Basilika San Paolo fuori le Mura als Grabeskirche des Apostels Paulus. Archäologische Untersuchungen sprechen durchaus dafür, dass sich dort sehr früh ein Paulusgrab befand. Ob tatsächlich seine sterblichen Überreste darunter ruhen, wird sich vermutlich niemals endgültig klären lassen. Für Historiker besitzt diese Frage jedoch nur begrenzte Bedeutung.
Der eigentliche Nachlass des Paulus besteht nicht aus Gebeinen. Er besteht aus seinen Briefen. Sie haben die Jahrhunderte überdauert. Nicht weil sie besonders kunstvoll geschrieben wären. Sondern weil sie Gedanken enthalten, die Generationen von Menschen immer wieder neu beschäftigten.
Als Paulus starb, sprach nichts dafür, dass seine Gedanken eines Tages die Welt verändern würden. – Die Gemeinden, die er gegründet hatte, waren klein. Manche bestanden aus kaum mehr als einigen Dutzend Menschen. Die römische Verwaltung schenkte ihnen kaum Beachtung. Für die politische Geschichte des Imperiums waren sie zunächst völlig bedeutungslos.
Doch Geschichte wird nicht immer von den Mächtigen geschrieben.
Während die Jerusalemer Urgemeinde nach der Zerstörung der Stadt im Jahr 70 zunehmend an Bedeutung verlor, breiteten sich die paulinischen Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum aus. Nicht deshalb, weil Paulus militärische Macht besaß oder weil Rom ihn unterstützte, sondern weil seine Theologie universell geworden war.
Damit war die Bewegung kulturell anschlussfähig geworden. Gerade hierin lag der eigentliche historische Erfolg des Paulus.
Kaum ein anderer Mensch hat das religiöse Denken Europas nachhaltiger geprägt.
Seine Briefe wurden zu den am intensivsten ausgelegten Texten der gesamten Weltliteratur. Damit begann eine Wirkungsgeschichte, die bis heute nicht abgeschlossen ist.
Gerade deshalb lohnt es sich, am Ende noch einmal zum historischen Paulus zurückzukehren:
Er war kein Heiliger. Kein Übermensch. Kein Religionsgenie, das fertige Antworten vom Himmel empfing. Er war ein außergewöhnlich gebildeter Jude:
Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Größe.
Nicht in der Vision vor Damaskus. Sondern in der intellektuellen Redlichkeit, mit der er bereit war, aus dieser Erfahrung alle Konsequenzen zu ziehen. Selbst dann, wenn sie ihn in Konflikt mit seinen früheren Weggefährten, mit den Jerusalemer Aposteln und schließlich mit den politischen Autoritäten seiner Zeit brachten.
Am Anfang dieses Essays stand eine einfache Frage:
Wer war Paulus?
Die Antwort fällt heute anders aus, als viele Menschen erwarten.
Aus dieser Überzeugung entwickelte er Schritt für Schritt ein theologisches Gebäude, das weit über die ursprüngliche Jesusbewegung hinausreichte.
Beide Männer stehen deshalb nicht in einem einfachen Gegensatz. Sie gehören vielmehr zu derselben Geschichte.
Ohne Jesus hätte Paulus keine Botschaft gehabt. – Ohne Paulus wäre die Botschaft Jesu vermutlich eine kleine innerjüdische Reformbewegung geblieben. Erst das Zusammenspiel beider Persönlichkeiten machte jene Entwicklung möglich, die wir heute Christentum nennen.
Ob man diese Entwicklung als historische Notwendigkeit oder als außergewöhnliche Leistung eines einzelnen Denkers versteht, vielleicht auch als göttliche Fügung, bleibt letztlich eine Frage der persönlichen Weltanschauung.
Die historische Forschung kann darauf keine endgültige Antwort geben.
Sie kann jedoch zeigen, wie sich aus einer kleinen jüdischen Bewegung innerhalb weniger Jahrzehnte eine Religion entwickelte, die die Geschichte Europas und großer Teile der Welt tiefgreifend verändern sollte.
Und in dieser Geschichte nimmt Sha'ul von Tarsus – Paulus – einen Platz ein, den ihm selbst zu Lebzeiten vermutlich niemand zugetraut hätte.