Nach dem Blick auf die übrigen neutestamentlichen Briefe im vorigen Artikel, wenden wir uns nun jener Schriftensammlung zu, die das frühe Christentum nachhaltiger geprägt hat als jede andere: dem Corpus Paulinum.
Unter diesem Begriff versteht die neutestamentliche Wissenschaft die Sammlung der dreizehn Briefe des Neuen Testaments, die Paulus als Verfasser nennen. Obwohl diese Schriften im Kanon erst nach der Apostelgeschichte eingeordnet wurden, entstanden sie tatsächlich Jahrzehnte früher. Sie bilden somit nicht nur die ältesten erhaltenen christlichen Dokumente überhaupt, sondern zugleich die frühesten zusammenhängenden Zeugnisse christlicher Theologie.
Gerade dieser Umstand macht ihre Bedeutung kaum zu überschätzen.
Als Paulus seine ersten Briefe schrieb, existierte noch keines der vier Evangelien. Weder Markus noch Matthäus, Lukas oder Johannes hatten ihre Werke verfasst. Auch die Apostelgeschichte lag noch in weiter Ferne.
Wer also wissen möchte, was Christen etwa zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu glaubten, dachte und hofften, kommt an den echten Paulusbriefen nicht vorbei.
Die traditionelle kirchliche Überlieferung schreibt Paulus dreizehn Briefe zu.
Die historisch-kritische Forschung unterscheidet jedoch deutlich zwischen Schriften, deren Echtheit nahezu unbestritten ist, und solchen, deren Verfasserschaft umstritten oder höchstwahrscheinlich späteren Autoren zuzuschreiben ist.
Heute besteht weitgehender Konsens darüber, dass sieben Briefe tatsächlich von Paulus selbst stammen:
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Brief |
Datierung |
Forschung |
|---|---|---|
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1. Thessalonicher |
ca. 50 n. Chr. |
authentisch |
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Galater |
ca. 52–54 n. Chr. |
authentisch |
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1. Korinther |
ca. 54–55 n. Chr. |
authentisch |
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2. Korinther |
ca. 55–56 n. Chr. |
authentisch |
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Philipper |
ca. 55–56 n. Chr. |
authentisch |
|
Philemon |
ca. 55–56 n. Chr. |
authentisch |
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Römer |
ca. 56–57 n. Chr. |
authentisch |
Diese sieben sogenannten Protopaulinen gelten als die sichersten historischen Quellen zum Wirken und Denken des Apostels.
Anders verhält es sich mit den übrigen sechs Briefen.
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Brief |
heutige Bewertung |
|---|---|
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Kolosser |
umstritten |
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Epheser |
überwiegend deuteropaulinisch |
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2. Thessalonicher |
umstritten |
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1. Timotheus |
überwiegend pseudepigraph |
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2. Timotheus |
überwiegend pseudepigraph |
|
Titus |
überwiegend pseudepigraph |
Vor allem die drei sogenannten Pastoralbriefe (Timotheus 1 und 2 sowie Titus) unterscheiden sich sprachlich, theologisch und organisatorisch deutlich von den unbestritten echten Paulusbriefen. Sie setzen eine bereits stärker institutionalisierte Kirche mit festen Leitungsämtern voraus und spiegeln Probleme wider, die vermutlich erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts aktuell wurden.
Viele Forscher gehen deshalb davon aus, dass sie von späteren Schülern des Paulus im Geiste ihres Lehrers verfasst wurden.
Ein bemerkenswerter Befund wird dabei häufig übersehen: Nicht die Evangelien bilden den Anfang der christlichen Literatur, sondern – wie bereits eingangs erwähnt – die Paulusbriefe.
Als Markus um etwa 70 n. Chr. sein Evangelium schrieb, zirkulierten die wichtigsten Paulusbriefe bereits seit nahezu zwanzig Jahren in zahlreichen Gemeinden des Mittelmeerraumes. - Die ersten Christen lernten ihre Religion daher nicht zunächst aus den Evangelien kennen, sondern aus Briefen, die konkrete Fragen des Gemeindelebens behandelten.
Diese Briefe waren keine theologischen Lehrbücher, denn Paulus wollte weder eine Dogmatik verfassen noch eine Biographie Jesu schreiben. Fast alle seine Schreiben entstanden aus aktuellen Konflikten:
Gerade deshalb besitzen sie einen außergewöhnlichen historischen Wert: Sie erlauben einen unmittelbaren Blick in den Alltag der ersten christlichen Gemeinden – noch bevor spätere Generationen begannen, die Geschichte Jesu literarisch zu gestalten.
Hier begegnen wir einer der spannendsten Fragen der neutestamentlichen Forschung: Paulus zitiert Jesus erstaunlich selten.
Wer seine Briefe liest, wird feststellen, dass Gleichnisse, Wundererzählungen, die Bergpredigt oder viele bekannte Aussprüche Jesu nahezu vollständig fehlen. – Stattdessen spricht Paulus fast ununterbrochen vom gekreuzigten und auferstandenen Christus.
Warum ist das so?
Lange Zeit wurde vermutet, Paulus habe die Überlieferungen über den historischen Jesus kaum gekannt. Heute beurteilt die Forschung diese Frage differenzierter.
Vieles spricht dafür, dass Paulus durchaus mit mündlichen Jesusüberlieferungen vertraut war. Mehrfach verweist er ausdrücklich auf Worte „des Herrn“, ohne sie näher zu erläutern – offenbar deshalb, weil sie seinen Gemeinden bereits bekannt waren.
Besonders deutlich wird dies in mehreren Passagen.
Ein unmittelbarer literarischer Einfluss einer bereits schriftlich vorliegenden Q-Sammlung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Viel wahrscheinlicher ist, dass Paulus dieselben mündlichen Traditionen kannte, aus denen später sowohl Q als auch die Evangelisten schöpften.
Gerade hier zeigt sich der eigentliche Unterschied zwischen Jesus und Paulus:
Der historische Jesus interessierte ihn keineswegs gar nicht. Sein theologisches Interesse richtete sich jedoch vor allem auf den erhöhten Christus.
Nicht die Gleichnisse Jesu sollten nach seiner Überzeugung die Welt verändern, sondern das Heilsereignis von Kreuz und Auferstehung. Diese Schwerpunktverschiebung gehört zu den folgenreichsten Entwicklungen der gesamten Religionsgeschichte.
Während Jesus vor allem das Reich Gottes verkündigte, verkündigte Paulus zunehmend Jesus selbst als den auferstandenen Christus.
Aus der Verkündigung Jesu wurde Schritt für Schritt die Verkündigung über Jesus.
Damit war die entscheidende Weichenstellung für die spätere Entwicklung des Christentums erfolgt.