Das Johannesevangelium unterscheidet sich deutlich von Markus, Matthäus und Lukas:
Hier begegnet uns eine hochentwickelte Christologie. Doch sie ist nicht einfach „griechische Philosophie“.
Der Logosbegriff besitzt sowohl hellenistische als auch tief jüdische Wurzeln.
All das gehört zum Hintergrund des Prologs.
Früher wurde häufig angenommen, Johannes habe die Synoptiker direkt ergänzt. – Später betonte die Forschung stärker seine Unabhängigkeit. – Heute ist das Bild wieder komplizierter.
Johannes benutzt die synoptischen Evangelien jedenfalls nicht so offensichtlich als literarische Vorlagen wie Matthäus und Lukas Markus benutzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass er ihre Tradition überhaupt nicht kannte.
Er kann synoptische Überlieferung aus mündlicher oder schriftlicher Form gekannt haben. – Ob direkte literarische Abhängigkeit besteht, bleibt umstritten.
Ein wichtiges Korrektiv: Johannes erzählt nicht ausschließlich Ostererscheinungen in Jerusalem.
Auch dieses Evangelium nennt keinen Autor. Die spätere Kirche identifizierte ihn mit Johannes, dem Sohn des Zebedäus.
Jedoch wird diese traditionelle Zuschreibung von der modernen Forschung überwiegend nicht als historisch gesichert angesehen. Im Evangelium selbst begegnet uns stattdessen eine geheimnisvolle Figur:
Der Jünger, den Jesus liebte.
Wer damit gemeint ist, wissen wir nicht. Vielleicht stand hinter ihm eine reale Erinnerungsperson. Vielleicht wurde er literarisch idealisiert. Vielleicht fungiert er als Autoritätsfigur einer bestimmten Tradition. – Kapitel 21 enthält mit dem Satz „Wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist“ offenkundig eine redaktionelle Stimme.
Viele Forscher nehmen deshalb an, dass das Johannesevangelium einen längeren Entstehungsprozess durchlief.
Die ältere Vorstellung einer klar umrissenen „johanneischen Schule“ oder „johanneischen Gemeinde“ ist heute allerdings weniger unumstritten als noch vor einigen Jahrzehnten.
Man sollte deshalb besser von einem johanneischen Traditionskreis sprechen, ohne seine institutionelle Gestalt zu genau zu kennen.
Die Endgestalt des Evangeliums wird meist gegen Ende des ersten Jahrhunderts datiert. – Ungefähr 90 bis 100 n. Chr. Doch solche Daten bleiben Näherungswerte.
Als ältester erhaltener materieller Zeuge gilt Papyrus 52 mit einigen Versen aus Johannes 18. Früher wurde er häufig sehr präzise um 125 datiert. Neuere paläographische Bewertungen sind vorsichtiger. Eine Datierung irgendwo im zweiten Jahrhundert ist sicherer als ein exaktes Jahr.
Auch der Entstehungsort bleibt offen. Ephesus besitzt eine alte Tradition. Syrien oder andere Räume Kleinasiens werden ebenfalls diskutiert.
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