Um das Jahr 70 entstand das älteste heute erhaltene erzählende Evangelium. Wir nennen es:
Evangelium nach Markus.
Ob Markus tatsächlich die literarische Gattung „Evangelium“ erfand, können wir nicht wissen. - Er ist jedoch der älteste uns erhaltene Autor, der Jesusüberlieferungen zu einer zusammenhängenden Erzählung verband.
Damit schuf Markus ein erzählerisches Gerüst, das die späteren Evangelisten nachhaltig beeinflussen sollte.
Der Text selbst nennt seinen Verfasser nicht, die Überschrift „Evangelium nach Markus“ gehört nicht zum ursprünglichen Erzähltext. - Die älteste erreichbare kirchliche Tradition findet sich bei Papias von Hierapolis, wahrscheinlich um 120–130 n. Chr.
Papias berichtet, Markus sei der „Dolmetscher“ des Petrus gewesen und habe dessen Erinnerungen niedergeschrieben. Historisch überprüfen lässt sich diese Aussage nicht.
Später wurde dieser Markus mit dem in der Apostelgeschichte genannten Johannes Markus identifiziert. Aber auch diese Verbindung ist nicht sicher.
Aus dem Evangelium selbst lässt sich lediglich ableiten, dass sein Verfasser Griechisch schrieb, jüdische Traditionen kannte und für Leser schrieb, denen manche jüdischen Gebräuche erklärt werden mussten.
Wo er schrieb, bleibt umstritten. Häufig wurde Rom vorgeschlagen; ebenso Syrien oder andere Regionen außerhalb Palästinas. Eine eindeutige Gemeinde lässt sich jedoch nicht rekonstruieren.
Wer Markus, Matthäus und Lukas nebeneinanderlegt, bemerkt sofort etwas Erstaunliches: Teilweise erzählen sie dieselben Geschichten in fast derselben Reihenfolge; mit teilweise nahezu identischem Wortlaut.
Das kann kein Zufall sein. Deshalb spricht man von den synoptischen Evangelien, sie lassen sich „zusammenschauen“. - Die heute im deutschsprachigen Raum weiterhin sehr einflussreiche Erklärung dafür, ist die Zweiquellentheorie.
Nach ihr war Markus das älteste Evangelium. Matthäus und Lukas benutzten Markus unabhängig voneinander. Zusätzlich verfügten beide über weiteres gemeinsames Material, das bei Markus fehlt.
Für diese hypothetische zweite Quelle verwendet die Forschung den Buchstaben „Q“ – Von „Quelle“.
Das muss deutlich gesagt werden. Es exisitert keine Handschrift von Q. (mehr?), kein Papyrusfragment, kein antikes Autorenzeugnis, das eindeutig ein Werk dieses Namens beschreibt.
Ihre Annahme erklärt sehr elegant, warum Matthäus und Lukas zahlreiche Jesusworte gemeinsam haben, die Markus nicht kennt. Doch sie ist nicht die einzige mögliche Lösung. Andere Modelle nehmen beispielsweise an, Lukas habe Matthäus gekannt und benutzt.
Die Zweiquellentheorie bleibt insbesondere in der deutschsprachigen Forschung außerordentlich einflussreich. Sie ist jedoch keine archäologisch bewiesene Tatsache.
Wenn die Rekonstruktion zutrifft, bestand Q überwiegend aus Jesusworten. Darin finden sich wahrscheinlich außerdem Traditionen über Johannes den Täufer.
Auffällig ist: Eine ausführliche Passionsgeschichte fehlt, ebenso eine Weihnachtsgeschichte.
Doch daraus darf man nicht vorschnell schließen, eine „Q-Gemeinde“ habe Tod und Auferstehung Jesu für unwichtig gehalten. Eine Spruchsammlung kann schlicht einen anderen literarischen Zweck verfolgen als ein erzählendes Evangelium.
Das Fehlen einer Passion beweist deshalb nicht, dass die Träger dieser Tradition nichts vom Kreuz wussten. Es zeigt lediglich:
Diese Sammlung wollte offenbar vor allem Worte Jesu bewahren.
Die ältesten schriftlich greifbaren christlichen Aussagen über Jesus stammen nicht aus den Evangelien. – Sie stehen bei Paulus:
Im 1. Korintherbrief zitiert Paulus eine Überlieferungsformel über Tod, Begräbnis und Erscheinungen des Auferstandenen, die selbst älter ist als sein Brief. - Damit reicht die Osterverkündigung sicher in die erste Generation der Jesusbewegung zurück.
Ob bereits vor Markus eine zusammenhängende schriftliche Passionsquelle existierte, wird dagegen weiterhin diskutiert. Man sollte deshalb nicht behaupten, wir besäßen eine sicher datierbare schriftliche Passionsgeschichte aus den 40er Jahren.
Historisch sicherer ist:
Die Erinnerung an Tod und Auferstehung gehörte von Anfang an zum Zentrum der Bewegung.
Markus beginnt mit dem erwachsenen Jesus. Auch Paulus erzählt nichts von Bethlehem, Magiern, Hirten oder einer Jungfrauengeburt. Er schreibt lediglich, Jesus sei „von einer Frau geboren“ worden.
Erst Matthäus und Lukas erzählen ausführliche Kindheitsgeschichten. Beide entstanden wahrscheinlich in den 80er oder 90er Jahren. Und bemerkenswerterweise erzählen sie zwei sehr unterschiedliche Geschichten:
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Bei Matthäus: |
Bei Lukas: |
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Stern |
Volkszählung |
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Magier |
Krippe |
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Herodes |
Hirten |
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Kindermord |
Engel. |
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Flucht nach Ägypten |
Tempelszenen |
Diese Geschichten sollten deshalb nicht einfach zu einer einzigen Weihnachtsgeschichte zusammengeschoben werden. Historisch sind sie zwei unterschiedliche theologische Erzählentwürfe.
Sie möchten zeigen, wer Jesus von Anfang an gewesen sein soll.
Das Johannesevangelium geht wiederum einen völlig anderen Weg.