Vom Verschwinden der ersten Generation zur dauerhaften Überlieferung
Jesus von Nazareth wirkte wahrscheinlich ungefähr zwischen den Jahren 28 und 30 n. Chr. – Die Menschen, die ihn als Erwachsene erlebt hatten, gehörten damit einer Generation an, die in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts zunehmend verschwand.
Wann der letzte tatsächliche Augenzeuge Jesu starb, wissen wir nicht. Das lässt sich auch nicht auf die Jahre 90 bis 110 festlegen, wie man es zuweilen in der Literatur findet. – Einige Menschen konnten in der Antike durchaus siebzig, achtzig oder mehr Jahre alt werden. Deshalb ist es biologisch durchaus möglich, dass einzelne jüngere Zeitzeugen Jesu noch gegen Ende des ersten Jahrhunderts lebten. Historisch nachweisen können wir das jedoch nicht.
Was wir erkennen können, ist etwas anderes:
Bereits in den 60er Jahren verschwanden wichtige Gestalten der ersten Generation. Jakobus, der Bruder Jesu und führende Mann der Jerusalemer Gemeinde, wurde nach dem Zeugnis des jüdischen Historikers Flavius Josephus im Jahr 62 hingerichtet. Petrus und Paulus starben nach früher christlicher Überlieferung wahrscheinlich während der Regierungszeit Neros, vermutlich in den 60er Jahren in Rom.
Paulus war zwar kein Augenzeuge des irdischen Jesus gewesen, hatte aber noch persönlichen Kontakt zu Petrus, Jakobus und anderen Angehörigen der ersten Generation.
Damit begann etwas Unvermeidliches:
Persönliche Erinnerung musste zunehmend durch tradierte Erinnerung ersetzt werden.
Eine weitere Zäsur war der jüdische Krieg gegen Rom. Im Jahr 70 eroberten römische Truppen Jerusalem und zerstörten den Tempel. Für das Judentum war dies eine Katastrophe. Auch die Jesusbewegung war davon betroffen.
Wie genau sich die Jerusalemer Jesusgemeinde während des Krieges entwickelte, wissen wir allerdings nicht zuverlässig. Die später von Eusebius überlieferte Geschichte, die Gemeinde sei rechtzeitig nach Pella im Ostjordanland geflohen, ist historisch umstritten.
Sicher ist dagegen:
Das religiöse Zentrum Jerusalem hatte seine bisherige Bedeutung verloren. Jüdische Gruppen mussten sich nach der Tempelzerstörung neu organisieren. Auch die Jesusbewegung veränderte sich, sie war inzwischen längst über Palästina hinausgewachsen.
Damit wuchs auch die Bedeutung schriftlicher Kommunikation.
Die ersten Gemeinden waren keineswegs überall gleich organisiert. Wir finden im Neuen Testament und in frühen christlichen Schriften unterschiedliche Ämter und Leitungsmodelle.
Diese Begriffe bezeichneten zunächst keineswegs überall jene präzise abgestufte Hierarchie, die später daraus entstand. Gerade Episkopos – Aufseher – und Presbyteros – Ältester – konnten sich teilweise noch überschneiden.
Mit dem Verschwinden der ersten Generation gewann jedoch eine neue Frage an Bedeutung:
„Wer besitzt künftig die Autorität, verbindlich zu sagen, was christliche Lehre ist?“
Darauf entwickelten die Gemeinden mehrere Antworten. Nicht nacheinander, sondern teilweise parallel.
Drei Entwicklungen wurden besonders wichtig:
Diese drei Elemente sollten die entstehende Großkirche über Jahrhunderte prägen:
Amt – Tradition – Schrift