Viele Bibelleser verharren in der Vorstellung, die ersten Christen hätten nach Jesu Tod sofort begonnen, seine Biographie aufzuschreiben. Doch das entspricht nicht der historischen Wirklichkeit.
Die Bewegung lebte zunächst von mündlicher Überlieferung:
Menschen erzählten, was Jesus gesagt und getan haben sollte; bestimmte Aussprüche wurden wiederholt; Gleichnisse weitergegeben; Erinnerungen an Heilungen tradiert; Geschichten über seine letzten Tage in Jerusalem erzählt.
Doch irgendwann genügte die mündliche Weitergabe nicht mehr. Dafür gab es nicht nur einen Grund, mehrere Entwicklungen wirkten zusammen:
Damit wuchs das Bedürfnis, Traditionen zu ordnen, zu bewahren und verbindlicher weiterzugeben.
Eine weitere Zäsur bildete der jüdische Krieg und insbesondere die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. Für Juden wie für die noch immer aus dem Judentum hervorgegangenen Jesusgruppen stellte dieses Ereignis eine ungeheure Katastrophe dar. Die religiöse Landschaft des Judentums veränderte sich grundlegend.
Dabei wäre es allerdings falsch, schon unmittelbar nach 70 von einer sauber vollzogenen Trennung zwischen „Christentum“ und „rabbinischem Judentum“ zu sprechen. Diese Entwicklung dauerte Jahrzehnte und verlief regional sehr unterschiedlich.
Die Jesusbewegung musste zudem intern zunehmend klären, wer sie war. - Und dazu gehörte immer stärker die schriftliche Fixierung ihrer Erinnerung.
Heute kennt nahezu jeder die vier Evangelien:
Doch aus der Antike sind zahlreiche weitere Texte bekannt, die ebenfalls den Titel „Evangelium“ trugen oder später so bezeichnet wurden. Eine genaue Zahl lässt sich nicht nennen.
Manche Texte sind vollständig erhalten. Andere nur in Fragmenten. Von wieder anderen kennen wir lediglich Titel oder Zitate bei Kirchenvätern.
Häufig ist von „vierzig“ oder „fünfzig“ Evangelien die Rede. Das kann als grobe Schätzung der Größenordnung dienen, legt jedoch eine Genauigkeit nahe, die die Quellenlage nicht hergibt.
Was man treffenderweise sagen kann, ist:
Wir kennen mehrere Dutzend evangelienartige oder als Evangelien bezeichnete frühchristliche Schriften und Fragmente.
Sie entstanden jedoch keineswegs alle gleichzeitig. Gerade darin liegt ein häufiges Missverständnis. Die frühe Kirche saß nicht eines Tages vor einem Stapel von fünfzig fertigen Evangelien und entschied:
Vier behalten wir, den Rest werfen wir weg.
So verlief die Geschichte nicht, denn die verschiedenen Schriften entstanden zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Regionen und für sehr unterschiedliche Gruppen.
Unter den später sogenannten neutestamentlichen Apokryphen begegnen uns ganz unterschiedliche Texte:
Viele dieser Werke entstanden erst im zweiten oder dritten Jahrhundert; einige dieser Schriften, die nicht in die offizielle Bibel (den neutestamentlichen Kanon) aufgenommen wurden, stammen aus der Strömung der Gnosis (von altgriechisch gnosis = Erkenntnis) und geben vor, ein geheimes, erlösendes Wissen zu vermitteln, das Jesus seinen Jüngern oder engsten Vertrauten angeblich privat mitgeteilt hat
Doch ist die Bezeichnung „gnostische Evangelien“ mit Vorsicht zu verwenden. Nicht jeder Text, der 1945 in Nag Hammadi entdeckt wurde, gehört eindeutig zur klassischen Gnosis. Insbesondere beim Thomasevangelium ist die Einordnung bis heute umstritten.
Auch zum Protoevangelium des Jakobus und die daraus hergeleitete verbreitete Weihnachtsvorstellung ist eine kleine Korrektur nötig:
Zwar überliefert das Protevangelium tatsächlich die später traditionell gewordenen Namen von Marias Eltern, Joachim und Anna, die Vorstellung von Ochse und Esel an der Krippe stammen jedoch nicht aus diesem Evangelium. Diese Tradition entwickelte sich vor allem aus der christlichen Deutung von Jesaja 1,3 und späteren Weihnachtsüberlieferungen.
Das Thomasevangelium nimmt unter den außerkanonischen Evangelien eine Sonderstellung ein. Zwar wurde 1945 in Nag Hammadi in Ägypten eine vollständige koptische Fassung entdeckt, griechische Fragmente desselben Werkes waren allerdings bereits vorher (aus Grabungen bei der ehemaligen oberägyptischen Stadt Oxyrhynchos) bekannt.
Das Thomasevangelium erzählt keine fortlaufende Lebensgeschichte Jesu.
Es besteht aus 114 Aussprüchen, sogenannten Logien, die Jesus zugeschrieben werden. Diese beginnen oft schlicht mit den Worten:
„Jesus sagte …“
Gerade deshalb ist dieses Werk für die Forschung so faszinierend. Es zeigt nämlich, dass es tatsächlich christliche Literatur geben konnte, die ausschließlich aus Jesusworten bestand.
Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wann das Thomasevangelium entstand.
Einige Forscher haben angenommen, dass zumindest ein Teil seiner Überlieferung sehr früh sein könnte und möglicherweise unabhängig von den synoptischen Evangelien tradiert wurde.
Andere sehen deutliche Hinweise darauf, dass der Verfasser bereits Matthäus, Lukas oder deren Traditionen kannte.
Heute lässt sich deshalb sinnvoll zwischen zwei Fragen unterscheiden:
und
Für die endgültige Gestalt des Werkes spricht vieles für eine Entstehung im zweiten Jahrhundert. Einzelne Logien können jedoch ältere mündliche Traditionen bewahrt haben. Damit besitzt das Thomasevangelium möglicherweise alte Überlieferungen, ohne selbst ein Evangelium aus der Zeit vor Markus zu sein.
Die oft verwendete Bezeichnung „gnostisch“ ist nur bedingt hilfreich. Das Werk enthält zwar stark esoterische und auf Erkenntnis zielende Vorstellungen, Ein vollständig entwickeltes gnostisches Weltsystem findet sich darin jedoch nicht.
Zwischen dem Tod Jesu um das Jahr 30 und dem ältesten erhaltenen Evangelium liegen ungefähr vier Jahrzehnte. Das bedeutet jedoch nicht, dass während dieser Zeit niemand etwas aufschrieb.
Paulus schrieb bereits in den 50er Jahren Briefe. Wahrscheinlich existierten auch kleinere Sammlungen von Jesusworten, Gleichnissen oder Passionsüberlieferungen. Was fehlte, war ein zusammenhängendes erzählendes Werk über Jesus.
Die frühe Jesusüberlieferung lebte vor allem in kleineren Einheiten:
Solche Traditionen konnten über Jahre weitergegeben, verändert, zugespitzt und an neue Situationen angepasst werden.
Das bedeutet nicht, dass sie beliebig erfunden wurden. Es bedeutet lediglich, dass mündliche Tradition anders funktioniert als ein Tonband.