Am Ende des ersten Jahrhunderts existierte noch kein überall verbindlicher „Vier-Evangelien-Kanon“. Markus, Matthäus, Lukas und Johannes verbreiteten sich zunächst in unterschiedlichen Regionen.
Im zweiten Jahrhundert setzte sich jedoch zunehmend die Vorstellung durch, dass genau diese vier Schriften gemeinsam maßgeblich seien. Um 180 verteidigt Irenäus von Lyon ausdrücklich ein viergestaltiges Evangelium.
Dass eine solche Verteidigung überhaupt nötig war, zeigt: Die Sache war keineswegs selbstverständlich. Andere Lösungen existierten.
Sie bewahrte vier unterschiedliche Stimmen.
[Diatessaron = Eine zusammenfassende Übersichtsarbeit]
Das ist vielleicht eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der Kanonbildung:
Die Kirche hätte diese Unterschiede glätten können. Sie tat es nicht vollständig. – Damit blieb ein gewisses Maß an theologischer Vielfalt erhalten.
Aber Vorsicht: Es wäre zu romantisch zu behaupten, die frühe Kirche habe Vielfalt bewusst als philosophisches Ideal gefeiert. Die Vierzahl entstand historisch.
Und schließlich kirchliche Anerkennung. – Erst rückblickend wurde diese Vierzahl theologisch begründet.
Haben die Evangelisten seine Theologie in Jesus hineingeschrieben?
Hier müssen wir besonders vorsichtig sein: Paulus schrieb vor den Evangelisten.
Seine Briefe entstanden bereits in den 50er Jahren. Seine Theologie von Kreuz, Auferstehung und Heidenmission war also älter als Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Doch daraus folgt nicht automatisch:
Die Evangelisten haben Paulus abgeschrieben.
Viele Vorstellungen, die Paulus vertrat, gehörten bereits vor ihm zur frühen Jesusbewegung. Tod und Auferstehung Jesu wurden schon vor seinen Briefen verkündigt. Auch die Öffnung gegenüber Nichtjuden entwickelte sich nicht allein durch Paulus. Dennoch ist unverkennbar:
Die Evangelien entstanden in einer christlichen Welt, die durch die Heidenmission längst verändert worden war. Jesu Geschichte wurde nun von Menschen erzählt, die wussten, dass seine Bewegung längst weit über Israel hinausgewachsen war. Diese spätere Situation beeinflusste zwangsläufig die Art, wie Jesus erinnert und dargestellt wurde.
Gerade bei Lukas ist Vorsicht geboten. Traditionell wurde er als Paulusbegleiter verstanden. Deshalb sprach man gerne von einem besonders „paulinischen“ Evangelium.
Doch die Apostelgeschichte zeigt zugleich deutliche Unterschiede zum historischen Paulus.
Deshalb ist es zu einfach, Lukas als bloßen literarischen Vollstrecker paulinischer Theologie zu betrachten. Vielmehr verarbeitet er unterschiedliche Traditionen zu einem eigenen heilsgeschichtlichen Entwurf.
Die Evangelisten waren keine Reporter. Aber sie waren auch keine freien Romanautoren. - Sie arbeiteten mit Überlieferungen.
Markus formte daraus eine dramatische Jesusgeschichte. Matthäus machte daraus eine stark schriftgelehrte, jüdisch geprägte Deutung Jesu. Lukas schrieb eine Heilsgeschichte, die von Jesus bis Rom reicht. Johannes entwickelte eine tief reflektierte Christologie.
Sie alle schrieben über den gleichen Jesus. – Aber sie schrieben nicht denselben Jesus.
Damit schließt sich ein wichtiger Kreis:
Des Neuen Testaments.
Das geschah nicht auf einmal. Nicht aufgrund eines einzigen Konzils. Und nicht nach einem fertigen göttlichen Inhaltsverzeichnis.
Es war ein jahrhundertelanger Prozess von Gebrauch, Auswahl, Autorität, Streit und Tradition.