Die Bedeutung des Paulus erschöpft sich keineswegs in seinen theologischen Überlegungen. Ebenso folgenreich war seine Vorstellung davon, wie die neue Glaubensgemeinschaft künftig leben und organisiert sein sollte.
Während die Jerusalemer Urgemeinde noch fest im Judentum verwurzelt blieb und sich selbst kaum als eigenständige Religion verstand, entwickelte Paulus ein Gemeindeverständnis, das sich zunehmend von den traditionellen Strukturen Israels löste.
Gerade hierin liegt eine seiner nachhaltigsten Leistungen.
Das religiöse Leben Israels war über Jahrhunderte eng mit dem Jerusalemer Tempel verbunden. Dort wurden Opfer dargebracht, dort befand sich das religiöse Zentrum des Volkes, dort konzentrierte sich die priesterliche Autorität.
Für die von Paulus gegründeten Gemeinden spielte der Tempel dagegen kaum noch eine Rolle. Sie besaßen weder ein Heiligtum noch einen Opferkult. Ihre Gottesdienste fanden in Privathäusern statt.
Was die Gemeinden verband, war kein gemeinsamer Ort, sondern ein gemeinsamer Glaube.
Damit entstand eine Form religiöser Gemeinschaft, die unabhängig von einem bestimmten Land, einer bestimmten Volkszugehörigkeit oder einem zentralen Heiligtum existieren konnte. Dieser Schritt war für die weitere Ausbreitung des Christentums von kaum zu überschätzender Bedeutung.
Um diese neue Gemeinschaft zu beschreiben, entwickelte Paulus eines seiner eindrucksvollsten Bilder:
Die Gemeinde sei der Leib Christi. - Jedes Mitglied bilde ein unverzichtbares Organ dieses Leibes, nicht alle hätten dieselben Aufgaben, nicht alle dieselben Begabungen. - Gerade ihre Verschiedenheit ermögliche jedoch das Zusammenwirken des Ganzen.
Diese Metapher war weit mehr als ein schönes Bild. Sie verlieh den jungen Gemeinden ein neues Selbstverständnis. Ihre Einheit beruhte nicht auf gemeinsamer Abstammung oder ethnischer Zugehörigkeit. Sie gründete auf ihrer Beziehung zu Christus.
Damit entstand eine Identität, die nationale, soziale und kulturelle Grenzen überschreiten konnte.
Noch folgenreicher war die Organisationsform, die Paulus entwickelte: Seine Gemeinden verstanden sich nicht als voneinander unabhängige Gruppen. Sie blieben durch Briefe, Boten und gegenseitige Besuche miteinander verbunden. - Besonders die von Paulus organisierte Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde zeigt dies eindrucksvoll.
Zum ersten Mal entstand damit ein überregionales Netzwerk christlicher Gemeinden, das sich über weite Teile des östlichen Mittelmeerraumes erstreckte. Diese Verbindung beruhte nicht auf einer zentralen Verwaltung.
In gewisser Weise entstand hier erstmals das, was wir heute als transnationale Religionsgemeinschaft bezeichnen würden.
Auffällig ist außerdem, dass die ältesten Paulusbriefe noch kaum feste kirchliche Ämter kennen. Stattdessen spricht Paulus von Charismen – von Gaben, die der Heilige Geist einzelnen Gemeindemitgliedern verleiht.
Alle diese Aufgaben erscheinen zunächst als unterschiedliche Dienste innerhalb derselben Gemeinschaft. - Erst spätere neutestamentliche Schriften – insbesondere die Pastoralbriefe – zeichnen das Bild einer stärker institutionell geordneten Kirche mit Bischöfen, Presbytern und Diakonen.
Hier zeigt sich erneut, dass sich das frühe Christentum nicht schlagartig entwickelte, sondern über mehrere Generationen hinweg tiefgreifend veränderte.
Mit dem Wegfall der Tora als verbindlichem Heilsweg stellte sich zwangsläufig eine neue Frage:
Woran soll sich christliches Handeln künftig orientieren?
Paulus antwortet darauf mit einem Gedanken, der das Christentum bis heute prägt:
Nicht das geschriebene Gesetz, sondern der Heilige Geist soll den Gläubigen leiten. - Der Geist Gottes wohne im Menschen und befähige ihn zu einem Leben, das der Liebe Gottes entspreche.
An die Stelle detaillierter kultischer Vorschriften tritt damit eine innere Orientierung. Diese Verschiebung gehört zu den tiefgreifendsten Veränderungen gegenüber dem traditionellen Judentum.
Aus demselben Gedanken entwickelt Paulus ein weiteres, bis heute wirkmächtiges Bild: Wenn Gottes Geist im Menschen wohnt, wird der menschliche Körper selbst zum Tempel des Heiligen Geistes.
Damit verlagert sich das Heilige vom Gebäude auf den Menschen.
Dieser Gedanke verlieh dem alltäglichen Leben eine neue religiöse Bedeutung. Zugleich bildete er den Ausgangspunkt jener Sexual- und Lebensethik, die das Christentum über Jahrhunderte prägen sollte. - Gerade hier zeigt sich erneut die Doppelgesichtigkeit paulinischen Denkens.
Einerseits wird jeder Mensch unmittelbar zum Träger göttlicher Gegenwart.
Andererseits entsteht daraus eine umfassende ethische Verantwortung für das eigene Leben.
Rückblickend wird deutlich, dass Paulus nicht nur theologischer Denker war. Er war zugleich ein außergewöhnlicher Organisator.
Dadurch entstand erstmals eine religiöse Bewegung, die nicht mehr an eine bestimmte Region gebunden war. - Gerade diese Verbindung von theologischer Einheit und organisatorischer Flexibilität machte das frühe Christentum außerordentlich widerstandsfähig.
Als wenige Jahrzehnte später der Jerusalemer Tempel zerstört wurde, verlor das Judentum sein religiöses Zentrum. Die paulinischen Gemeinden dagegen konnten ohne ein solches Zentrum weiterbestehen.
Das sollte für ihre weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein.